Das vergessene Lager von Bad Segeberg

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Rund 680.000 Menschen wurden durch das Lager in Bad Segeberg geschleust.

Bis zu 2.000 Flüchtlinge sollen vor den Toren Bad Segebergs in einer Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht werden. Viele Anwohner haben Sorgen und fragen sich: "Wie sollen wir das schaffen?" Dabei hat Bad Segeberg schon einmal mehr als das 340-fache innerhalb kürzester Zeit bewältigt: Rund 680.000 Menschen wurden vor 70 Jahren innerhalb von 16 Monaten durch das "Influx"-Lager geschleust. Es befand sich an einer alten Kleinbahntraße - ganz in der Nähe des heutigen Möbel-Kraft-Geländes. Es war eine landwirtschaftlich genutzte, feuchte und lehmige Fläche zwischen der Kiel-Segeberger-Kleinbahn und der Traveniederung. Zu Beginn stand hier ein improvisiertes Dorf mit zehn Großzelten. Britische Soldaten leiteten das Lager.

Registriert, medizinisch untersucht und entlaust

Als wenige Monate nach dem Krieg die ersten Kriegsgefangenen entlassen wurden, galt es, dies zu organisieren. Viele wollten nach Hause und einige planten, anderswo ein neues Leben anzufangen. Die Briten richteten einige regionale Entlassungslager ein. Eines davon eben in Bad Segeberg. Codename dieser Entlassungsaktion war "Barleycorn" (Gerstenkorn). In das Bad Segeberger Lager kamen Ex-Soldaten, die nach Schleswig-Holstein oder Hamburg entlassen werden wollten. Hier wurden sie registriert, medizinisch untersucht und entlaust. Außerdem erhielten sie ihre Entlassungspapiere. Von Bad Segeberg aus wurden die Entlassenen nach Hamburg und in die verschiedenen Landkreise verteilt. Bis Ende Januar 1946 wurden auf diese Weise 313.000 Soldaten durch Bad Segeberg geschleust.

Noch mehr Menschen nach Schleswig-Holstein

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Von überall kommen die Menschen in das Lager nach Bad Segeberg.

Ende September 1945 bekam das Lager von der britischen Militärregierung dann eine weitere - wesentlich umfangreichere - Aufgabe zugewiesen: Neben "Barleycorn" musste jetzt die Operation "Influx" (Zustrom) mit einem täglichen Durchlauf von 2.000 Menschen bewältigt werden. Ziel war es, Flüchtlinge aus der sowjetischen Zone nach Schleswig-Holstein durchzuschleusen. Neben dem Influx-Lager in Bad Segeberg bestanden noch Einrichtungen mit gleicher Aufgabe in Lübeck-Pöppendorf und im Hamburger Stadtpark. Auf diese Weise strömten jedoch noch mehr Menschen nach Norddeutschland, als die Briten vermutet hatten. Sie hatten alle den Wunsch, im Westen zu leben. Neben dem Barackenbau mussten die Lagerbediensteten die Wasser-und Stromversorgung sowie die Kanalisation ausbauen. Dazu kam der Bau von Wegen und Entwässerung. Doch auch das war noch nicht alles.

Auch Deutsche wurden aufgenommen

Die Potsdamer Konferenz hatte Mitte 1945 die Gebiete östlich von Oder und Neiße unter polnische Verwaltung gestellt. Das hatte zur Folge, dass die dort lebende deutsche Bevölkerung ausgewiesen wurde. Die Vertriebenen, die nach Schleswig-Holstein wollten, durchliefen ebenfalls das Lager in Bad Segeberg. Die Operation begann am 1. März 1946 unter dem Namen "Swallow" (Schwalbe). Im Mai 1946 lief die Operation "Wasp" (Wespe) an . Nun wurden auch Deutsche aus der amerikanischen und französischen Besatzungszone, die sich in Schleswig-Holstein ansiedeln wollten, aufgenommen.

Am 14. September 1946 war es mit Bad Segebergs Lager vorbei. Fortan lief alles über Lübeck-Pöppendorf. Im Januar 1947 notierte der damalige Bürgermeister Bad Segebergs: "Die Baracken werden abgebrochen und das Gelände wieder als Ackerland hergerichtet." Fast 680.000 Menschen durchliefen insgesamt das "vergessene Lager von Bad Segeberg". Mehr dazu in unserer Zeitreise.

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