EIn Pulk Kamerateams steht mit Equipment auf einer Kuhweide. © NDR / SH Magazin

Zeitreise: Als BSE nach Schleswig-Holstein kam

Stand: 22.11.2020 12:22 Uhr

Keine Seuche elektrisierte die Schleswig-Holsteiner damals so sehr wie die Rinderkrankheit BSE. Vor 20 Jahren rückte das Örtchen Hörsten in die bundesweiten Schlagzeilen.

von Janina Harder

Züchterin Mechthild Bening striegelt ihre Galloway-Rinder auf einer Weide in Bebensee im Kreis Segeberg. Sie sollten im Jahr 1997 geschlachtet werden, weil drei ihrer 70 Galloways einst aus Großbritannien importiert waren. Aber mit einer Klage konnte sie die Massentötung verhindern und hat damit bundesweit für Aufsehen gesorgt, um ihre Existenz zu retten - und ihre Tiere.

Zitternde und torkelnde Kühe

Grund waren Bilder von Kühen, die zitternd und torkelnd versuchten, sich auf den Beinen zu halten, immer wieder ausrutschten. Bewegungsstörungen, als ob Tiere betrunken wären - so oder ähnlich zeigte sich der Rinderwahnsinn. Es waren schreckliche Bilder, die über die Fernsehbildschirme flimmerten. Und es herrschte die berechtigte Angst, dass der Verzehr von BSE-Rindfleisch die tödliche Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen auslösen könne. Landwirte waren erzürnt, dass die BSE-Seuche ihre Bestände bedrohen könnte und bereits die Märkte schwächte. Ihr Eindruck war, dass sie den Preis für eine verfehlte Agrarpolitik in Großbritannien zahlen würden.

Keulen ohne wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse

Ein grasendes Gallowayrind steht auf einer Weide und schaut kauend in die Kamera. © NDR / SH Magazin
Galloway-Rinder wie dieses stehen damals im Verdacht, BSE aus England einzuschleppen.

Deutsche Milch- und Fleischkühe waren damals noch nicht an BSE erkrankt. Aber ein aus Großbritannien stammendes Gallowayrind starb im Dezember 1996 im nordrhein-westfälischen Höxter an BSE. Ein Fall, der sich verheerend auf die Galloway-Rinderherden in Deutschland auswirken sollte. Ohne wissenschaftliche Grundlage sollten alle aus Großbritannien importierten Rinder und vier Generationen ihrer Nachkommen per Eilverordnung gekeult werden. Mechthild Bening, damals noch Oertel, klagte dagegen und bekam Recht.

Mitte der 1980er-Jahre gab es weltweit die ersten Fälle der Rinderseuche BSE. Lange Zeit galt Großbritannien als Zentrum dieser Krankheit. Weit weg, so möchte man meinen. Aber dann im November 2000 kam die Rinderkrankheit auch nach Schleswig-Holstein, der erste offizielle BSE-Fall Deutschlands. Somit rückte die kleine Ortschaft Hörsten im Kreis Rendsburg-Eckernförde ins Zentrum der Öffentlichkeit. In der Herde von Peter Lorenzen war ein Rind krank geworden. Die anderen Kühe, die vorsorglich geschlachtet wurden, waren aber, wie sich später herausstellte, gesund. Für den Milchbauern war es eine schwere Zeit.

Schon Mitte der 1990er-Jahre erste Verdachtsfälle

EIn Pulk Kamerateams steht mit Equipment auf einer Kuhweide. © NDR / SH Magazin
Ab Mitte der 1990er-Jahre wird das Thema BSE auch für die Medien brisant. Die Landwirtschaft steht im Fokus.

Bereits Mitte der 1990er-Jahre ging die Flensburger Tierärztin Dr. Margrit Herbst in einem Interview beim "Stern" an die Öffentlichkeit und behauptete, dass sie während ihrer Arbeit am Schlachthof in Bad Bramstedt 21 BSE-Verdachtsfälle bei Rindern gesehen habe. Deutschland, so das Mantra der Politik und Fleischindustrie, sei BSE-frei. So waren ihre Befunde zwar auffällig, aber mit ihren begrenzten Mitteln konnte sie die schwammartige Zerstörung des Gehirns nicht nachweisen und fordert ein neurologisches Untersuchungsverfahren. Sechs Jahre nachdem die Tierärztin mit ihrem BSE-Verdacht an die Öffentlichkeit ging, entwickelte das renommierte Friedrich-Löffler-Institut einen Schnelltest. Kaum gibt es einen, wird am 24. November 2000 der erste offizielle Fall von BSE in Deutschland aktenkundig. 125 bestätigte Fälle folgen im darauffolgenden Jahr.

Einfuhrverbote und politische Opfer

EIn Pulk Menschen demonstriert gegen England und fordert den Ausschluss aus der EU © NDR / SH Magazin
Nach den ersten deutschen BSE-Fällen fordern viele Bürger den Ausschluss Großbritanniens aus der EU.

Die Angst bei den Verbrauchern wurde fortan größer, als der Verdacht aufkam, BSE sei beim Menschen für die ähnlich verlaufende, tödliche Creutzfeldt-Jakob-Krankheit verantwortlich. Lange Zeit galt Großbritannien als Zentrum der Krankheit. Massenschlachtungen und Einfuhrverbote gingen einher. Vor dem Ausbruch hatte noch der damalige Bundesernährungsminister Karl-Heinz Funke (SPD) bundesdeutsches Rindfleisch für sicher erklärt. Das Urteil musste er nach dem Ausbruch revidieren und wurde zum ersten politischen BSE-Opfer. Und in der Idylle am Nord-Ostsee-Kanal begann für Landwirt Peter Lorenzen und seine Familie eine schwere Zeit. Unter Polizeischutz ließ der Staat seinen Hof damals sperren und räumen. Und Lorenzen, in einem Gemisch aus Trauer, Verzweiflung und Ratlosigkeit, wurde krank.

Aus der Krise lernen

Heute wissen wir: Vogelgrippe, Schweinegrippe, Maul- und Klauenseuche - alles was nach BSE folgte, war wohl noch viel gefährlicher als vermutet. Aber keine Seuche elektrisierte die Bundesbürger und Schleswig-Holsteiner so wie BSE. Lebensmittel-Etiketten tragen nun mehr Informationen. Futtermittel- und Lebensmittelketten werden genauer eingehalten. Landwirte tragen mehr Verantwortung. Und auch die Landespolitik um die damalige Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) legte ihr Augenmerk auf die Rinderseuche. Aber BSE hat man in Schleswig-Holstein seit 2006 nicht mehr festgestellt.

Zum 20. Jahrestag blicken wir in unserer Zeitreise auf die Geschehnisse zurück, schauen auf die wirklichen Anfänge der BSE-Politik in Schleswig-Holstein Mitte der 90er-Jahre und fragen, was man aus der Krise lernen konnte.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 22.11.2020 | 19:30 Uhr

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