Stand: 19.04.2017 14:30 Uhr

Deutsches Königshaus auf dem belgischen Thron

von Matthias Stelte

Der kleine Staat Belgien ist im Laufe der Jahrhunderte ein Spielball der europäischen Politik gewesen. Die Provinz Belgien gehört mal zu Frankreich, mal zu den Niederlanden, bis der Vielvölkerstaat 1830 unabhängig wird. Heute ist die Hauptstadt Brüssel eine der Zentralen der Europäischen Union, dort sind viele der europäischen Behörden und die EU-Kommission angesiedelt. Auch der Palast der belgischen Königsfamilie steht in Brüssel. Die Geschichte der belgischen Monarchie ist wie die Geschichte des Landes eng mit der europäischen Politik verbunden.

Leopold wird erster belgischer König

Bild vergrößern
Pionier der belgischen Monarchie: König Leopold I. im Kreise seiner Familie.

Nach der Unabhängigkeit 1830 bietet der Nationalkongress dem deutschen Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha die belgische Krone an. Leopold hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine beachtliche europäische Karriere hinter sich: Der russische Zar hat ihn zum General der kaiserlichen Garde Ismailowski ernannt, mehrere Jahre verbringt er am Hof Napoleons in Paris und heiratet schließlich die englische Thronanwärterin Charlotte Auguste. Sie stirbt jedoch schon ein Jahr nach der Hochzeit bei der Geburt ihres ersten Kindes. Im Jahr 1830 erhält Leopold gleich zwei verlockende Angebote: Erst bieten ihm die Griechen die Krone an, dann folgen die Belgier. Leopold entscheidet sich für den kleinen Staat zwischen dem preußischem Rheinland und Frankreich - 1831 wird er als Leopold I. zum ersten König der Belgier gekrönt.

Koloniale Ausbeutung im Kongo

Bild vergrößern
Unter König Leopold II. kommt es im Kongo zu Gräueltaten.

Mit seiner zweiten Frau Marie Louise von Orléans, einer Tochter des französischen Königs Ludwig Philipp von Frankreich, hat er vier Kinder. 1835 erblickt Thronfolger Louis Philippe Marie Victor das Licht der Welt. Als Leopold II. besteigt er 1865 den belgischen Thron. Während der alte Monarch als fortschrittlicher König galt, der unter anderem versuchte, Rechtsvorschriften über Kinder- und Frauenarbeit zu erlassen, steht der Name von Leopold II. für Ausbeutung und Verbrechen im zentralafrikanischen Staat Kongo. Im Zuge des europäischen Imperialismus investierte Leopold II. - wie viele Herrscher seiner Zeit - Kraft in den Erwerb afrikanischer Kolonien. Doch im Gegensatz zu anderen Staaten eignet sich der König das heutige Kongo als Privatbesitz an. Seine Söldner gehen brutal gegen die Bevölkerung vor, Millionen Menschen werden verstümmelt und ermordet. Im Jahr 1908 wird die Kolonie Eigentum des belgischen Staates. Ein Jahr später stirbt der König. Zu diesem Zeitpunkt steht er wegen seiner Kongo-Politik europaweit in der Kritik, seine Familie hält Distanz zu ihm. Da Leopolds einziger Sohn als Zehnjähriger im Gartenteich des Schlossparks ertrunken war, folgte 1909 der Neffe des Königs, Albert I., auf den belgischen Thron.

Tragische Unfälle in der Königsfamilie

Die beim Volk sehr populäre Königin Astrid kommt bei einem Autounfall ums Leben.

Albert, der mit der im bayerischen Possenhofen geborenen Prinzessin Elisabeth von Bayern verheiratet ist, kommt am 17. Februar 1934 bei einem Sturz in den Felsen von Marche-les-Dames ums Leben. Sein Sohn, Leopold III. wird daraufhin zum König ernannt. Nur ein Jahr später kommt es erneut zu einem tragischen Unfall im belgischen Königshaus: Bei einem Autounfall in der Schweiz stirbt die Frau Leopolds III., die aus Schweden stammende Königin Astrid. Seit dem Tod der Königin am 29. August 1935 gedenkt Belgien jedes Jahr am 17. Februar allen verstorbenen Mitgliedern der königlichen Familie.

Deportation im Zweiten Weltkrieg

König Leopold III. muss 1951 seine Abdankungsurkunde unterzeichnen.

Die Regentschaft Leopolds III. ist geprägt vom Zweiten Weltkrieg, der die belgische Monarchie grundsätzlich in Bedrängnis bringt. Leopold bleibt nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940 in Belgien. 1944 wird die Familie auf Befehl des SS-Führers Heinrich Himmler nach Österreich deportiert. Doch nach dem Krieg kehrt sie nicht sofort nach Belgien zurück: Die Bevölkerung wirft dem König eine zu passive Rolle während der deutschen Besatzung vor. Als er schließlich 1950 wieder seinen Palast in Brüssel bezieht, empfängt ihn die Bevölkerung mit Streiks und Protestaktionen. Zwar sprechen sich 57 Prozent der Bevölkerung in einer Volksabstimmung für die Beibehaltung der Monarchie aus, doch die Unruhen halten an. Um die Monarchie nicht zu gefährden, überträgt Leopold III. am 11. August 1950 die königlichen Amtsgeschäfte auf seinen 20-jährigen Sohn Boudewijn, der zunächst als "königlicher Prinz" die Amtsgeschäfte wahrnimmt. Ein Jahr später verzichtet Leopold III. auf den Thron. Am 17. Juli 1951 wird sein Sohn zum König gekrönt. Leopold III. stirbt 1983 im Alter von 81 Jahren.

Elisabeth - Die "Rote Königin"

In den 50er-Jahren sorgt Königin Elisabeth für Schlagzeilen.

In den 1950er-Jahren sorgt Leopolds Mutter, Königin Elisabeth, für Schlagzeilen in ganz Europa. Die Kunstinteressierte reist in den Ostblock nach Polen und in die Sowjetunion. 1961 hält sie sich in China auf und trifft dort auch den chinesischen Revolutionsführer und Vorsitzenden der kommunistischen Partei Mao Tse-tung. Diese Reisen, die sie gegen den ausdrücklichen Wunsch der belgischen Regierung unternimmt, bringen ihr den Beinamen "Rote Königin" ein.

Boudewijn - "Einziger wahrer Belgier"

Bild vergrößern
König Boudewijn mit seiner zukünftigen Frau Fabiola im Jahr 1951.

König Boudewijn steht 42 Jahre an der Spitze Belgiens. Er gilt bei vielen seiner Landsleute als einzig "wahrer" Belgier, der immer um die Einheit des Landes bemüht war. In Belgien, das in einen flämisch- und französischsprachigen Teil aufgeteilt ist und zudem über eine deutsche Minderheit verfügt, kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen den Bevölkerungsgruppen. Boudewijn fordert die Belgier wiederholt auf, sich in ihrer "Verschiedenheit zu einigen und nicht etwa in der Konfrontation zu trennen". Aus den innenpolitischen Krisen heraus kommt es zu mehreren Staatsreformen. Mit der letzten Reform von 1989 werden die Regionen politisch gestärkt. König Boudewijn erleidet 1993 einen Herzstillstand in seiner spanischen Sommerresidenz Motril. Da er und seine Frau Königin Fabiola keine Kinder haben, folgt ihm sein jüngerer Bruder Albert mit knapp 60 Jahren auf dem Thron.

Albert II. übergibt Thron an Philippe

Bild vergrößern
Erst mit knapp 60 Jahren übernimmt Albert das Amt des belgischen Königs.

Albert II. ist der sechste König der Belgier. Er gilt als Lebemann mit einer Vorliebe für schnelle Autos, doch in den folgenden 20 Jahren seiner Regentschaft erarbeitet er sich viel Respekt. Und er ist der erste König im Land, der freiwillig abtritt. Am 3. Juli 2013 wendet er sich in einer Radio- und Fernsehansprache an sein Volk und kündigt seinen Rücktritt als König an, um den Platz frei zu machen für die nächste Generation - seinen ältesten Sohn Philippe. Am 21. Juli, dem belgischen Nationalfeiertag, dankt der Monarch ab. Philippe und seine Frau Mathilde besteigen den Thron.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Königshäuser | 29.10.1994 | 14:00 Uhr