AKTUELLES AUS DER REGION
 

Hunderte Verletzte bei Rote-Flora-Demo

Polizisten schauen auf entgegenkommenden Demonstrationszug. © dpa Fotograf: Axel Heimken Detailansicht des Bildes Die Ausschreitungen im Schanzenviertel eskalierten, nachdem die Polizei die Rote-Flora-Demo gestoppt hatte. In Hamburg ist es am Sonnabend bei der Demonstration für den Erhalt des linksalternativen Kulturzentrums Rote Flora zu den schwersten Ausschreitungen seit Jahren gekommen. Bei den Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten, die bis in die Nacht dauerten, wurden zahlreiche Menschen verletzt. Auch am Sonntagabend versammelten sich erneut 400 Menschen vor der Roten Flora. Wie NDR 90,3 berichtete, blieb es aber friedlich.

Als Folge der Krawalle am Vortag verzeichnete die Polizei knapp 120 verletzte Beamte. 16 von ihnen erlitten schwere Verletzungen. Sie wurden in Krankenhäusern stationär aufgenommen. Nach Angaben linker Organisationen wurden rund 500 Demonstranten verletzt, 20 von ihnen schwer. Feuerwehr und Polizei hingegen konnten keine konkreten Angaben über die Zahl verletzter Demonstranten und Passanten machen. Es habe insgesamt 66 Rettungseinsätze gegeben - sowohl für verletzte Polizisten als auch für Demonstranten. Eine getrennte Erfassung gebe es nicht.

Die Polizei nahm insgesamt 19 Personen fest. Etwa 300 Demonstranten wurden den Angaben zufolge während der Kundgebung vorläufig in Gewahrsam genommen und dann wieder freigelassen.

Polizei kesselt Demonstranten ein

Am Samstagnachmittag hatten sich laut Polizei etwa 7.300 Menschen zum Protest im Schanzenviertel versammelt. Die Veranstalter sprachen sogar von mehr als 10.000 Teilnehmern. Die Polizei war mit einem Großaufgebot von mehr als 3.000 Beamten aus mehreren Bundesländern im Einsatz.

Die Polizei stoppte den Demonstrationszug am Nachmittag schon kurz nach Beginn. Daraufhin eskalierte die Situation. Nahe der Roten Flora attackierten Randalierer die Einsatzkräfte. Demonstranten warfen Feuerwerkskörper, Flaschen und Steine. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Pfefferspray ein. Bei einem Drogeriemarkt wurden die Scheiben zertrümmert. Die Polizei sperrte ganze Straßenzüge ab und kesselte Demonstrantengruppen ein. Sie versuchte nach eigenen Angaben, die Demonstranten festzusetzen, die Beamte angegriffen hätten. Die Demo wurde aufgrund der "massiven Angriffe auf Beamte", so die Polizei, frühzeitig aufgelöst.

Einsatzkräfte sperren Reeperbahn

Danach zogen die Randalierer in Gruppen in Richtung Reeperbahn weiter und lieferten sich unter den Augen von Theaterbesuchern und anderen Kiezbesuchern ein "Katz und Maus"-Spiel mit der Polizei. Die Reeperbahn wurde gesperrt. Polizisten forderten Besucher auf, die Amüsiermeile zu verlassen, da sie nicht ihre Sicherheit garantieren könnten.

Es kam zu Auseinandersetzungen, bei denen die Polizei Schlagstöcke und Pfefferspray einsetzte. Unter anderem wurden bei einem SPD-Büro die Scheiben eingeworfen, Müll wurde angezündet. In der Kastanienallee nahe der Reeperbahn wurden laut Polizei 120 Menschen eingekesselt und in Gewahrsam genommen. An der Hoheluftchaussee versammelten sich am Abend ebenfalls 700 Demonstranten. Am Bezirksamt Eimsbüttel gingen Scheiben zu Bruch.

Polizeieinsatz entfacht heftige Diskussion

Die Krawalle und das Vorgehen der Polizei haben heftige Diskussionen entfacht. Im Fokus steht vor allem die Frage, warum die Einsatzkräfte die Demonstration nur wenige Minuten nach dem Start gestoppt haben. Die SPD lobt den Einsatz der Polizei, Linke und Grüne kritisieren ihn.

Die Polizei begründete den Schritt damit, dass von Anfang an eine aggressive Grundstimmung geherrscht habe. "Wir sind massiv angegriffen worden", sagte Polizeisprecher Mirko Streiber. "Das ist derart gewalttätig gewesen, das haben wir lange so nicht erlebt."

Bahnverkehr beeinträchtigt

Wegen der Krawalle war auch der Nah- und Fernverkehr in Hamburg beeinträchtigt. Weil Demonstranten im Bereich des Schanzenviertels immer wieder auf die Gleise liefen, wurde eine S-Bahn-Strecke teilweise gesperrt. Fernzüge aus Hannover, Berlin, Bremen und Rostock endeten im Hamburger Hauptbahnhof und konnten zeitweise nicht nach Altona weiterfahren. Fernzüge aus dem Norden wurden umgeleitet und endeten dafür in Harburg, wie die Bahn mitteilte.

Randale im Zug nach Berlin

Wie die Polizei am Montag mitteilte, randalierten zudem Demonstrationsteilnehmer auf der Rückfahrt in ihre Heimatorte in einem Zug. Mit Nothämmern hätten sie Lampen und Scheiben zerschlagen, außerdem ein Abteil mit Parolen beschmiert. Dies sei festgestellt worden, nachdem die Randalierer in Schwerin aus dem Regionalexpress in einen anderen Zug nach Berlin umgestiegen seien. Der betroffene Wagen wurde in Rostock aus dem Bahnverkehr genommen.

Kretschmer will Rote Flora nicht verkaufen

Im Streit über die Zukunft der Roten Flora im Schanzenviertel sind die Fronten verhärtet: Eigentümer Klausmartin Kretschmer will die "Besetzung" nicht weiter hinnehmen. Die Rote-Flora-Unterstützer sind durch die Pläne Kretschmers für einen Neubau alarmiert. Kretschmer hatte die Räumung gefordert.

Weitere Informationen
Der Hinterhof der Roten Flora © NDR Fotograf: Nina Hansen
 
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Von "Linksautonomen" besetzt, in Reiseführern als "schillernder Farbtupfer" gelobt, vom Verfassungsschutz beobachtet: Die Rote Flora polarisiert - seit mehr als 20 Jahren.

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Dieses Thema im Programm:

90,3 Aktuell | 23.12.2013 | 10:00 Uhr

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Kommentare
Demonstranten stehen vor dem Kulturzentrum "Rote Flora" in Hamburg. © dpa Fotograf: Axel Heimken
 

Der Polizei blieb keine andere Wahl

23.12.2013 | 17:08 Uhr
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Ein Kommentar von Stefan Schölermann zu den schweren Ausschreitungen bei der Rote-Flora-Demo in Hamburg. mehr


Hat die Polizei die Demo zu früh gestoppt?

Nach den gewaltsamen Protesten in Hamburg muss auch diese Frage gestellt werden. Christian Baars kommentiert. mehr

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Krawalle bei Demo für die Rote Flora

22.12.2013 | 19:30 Uhr
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7.000 Demonstranten trafen auf 3.000 Polizisten.

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Ausschreitungen bei Rote-Flora-Protesten

21.12.2013 | 19:30 Uhr
NDR Fernsehen: Hamburg Journal

Schon nach fünf Minuten setzte die Polizei Wasserwerfer ein.

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Das Kulturzentrum Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel. © dpa Fotograf: Pauline Willrodt
 

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