AKTUELLES AUS DER REGION
WETTER
NDR Verkehrsstudio
Aktuelle Verkehrsmeldungen aus Hamburg  Fotograf: Frederico di Campo, Jürgen Priewe
 

Verkehrsmeldungen aus Hamburg

Staus, Baustellen, Gefahrenhinweise - die aktuelle Verkehrslage mehr

Reise & Freizeit
Villen an der Hamburger Alster  Fotograf: Janina Dierks
 

Hamburg - das Tor zur Welt

Stadtporträt mit vielen Bildern und Tipps. mehr

 

Fall Chantal: Was geschah wann?

Auf einem Bild steht: Wir trauern um unsere Mitschülerin Chantal © NDR Detailansicht des Bildes Auch Chantals Mitschüler trauern um die Elfjährige. In Hamburg-Wilhelmsburg ist eine Elfjährige an einer Vergiftung mit dem Heroin-Ersatzstoff Methadon gestorben. Bei den Ermittlungen wird offenbar, dass die Behörden Warnsignale ignorierten.

Eine Chronologie der bisher bekannten Ereignisse.

 

2008 Chantal wird in die Obhut einer Pflegefamilie gegeben. Ihr leiblicher Vater hat Drogenprobleme. Ihre Mutter leidet an Alkoholismus. Die Frau stirbt im Mai 2010.

4. Januar 2012: Zum letzten Mal besucht das Jugendamt die Elfjährige in ihrer Pflegefamilie in Wilhelmsburg. Die Wohnung ist verwahrlost.

16. Januar: Chantal wird tot in ihrem Bett gefunden. Die Obduktion ergibt, dass sie an einer Methadon-Vergiftung starb.

23. Januar: Der Fall wird durch Recherchen von NDR.de publik. Der Sprecher des zuständigen Bezirksamts Mitte, Lars Schmidt-von Koss, beteuert, es habe weder Hinweise auf Drogenmissbrauch bei den Pflegeeltern gegeben, noch Anhaltspunkte, dass das Kindeswohl gefährdet war.

Da unklar ist, wie Chantal mit dem Methadon in Kontakt kam, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung sowohl gegen ihren leiblichen Vater als auch gegen die Pflegeeltern.

24. Januar: Laut "Bild"-Zeitung beantwortet Schmidt-von Koss die Frage, wer das Kind in die Pflegefamilie gegeben habe, so: "Chantal hat sich die Familie selbst ausgesucht."

25. Januar: Im Gespräch mit NDR 90,3 sagt Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD): "Das Kindeswohl war nicht gefährdet, sondern im Gegenteil, dem Kind ging es gut bis zuletzt. Jetzt ist es tot, das ist tragisch."

Später am selben Tag räumt der Amtssprecher ein, dass doch Bedenken bestanden hätten, Chantal in die Pflegefamilie zu geben. Nach einer Abwägung habe man sich dann trotz der chaotischen Zustände dafür entschieden.

In der Garage der Pflegefamilie und am Arbeitsplatz des Pflegevaters finden Ermittler Methadon-Tabletten. Das Jugendamt holt die beiden leiblichen Kinder und die achtjährige Enkelin des Paars aus der Familie. Die Achtjährige war ebenfalls dort zur Pflege.

26. Januar: Bezirksamtsleiter Schreiber räumt ein, dass die Auswahl der Pflegeeltern falsch gewesen sei. Er kündigt eine "lückenlose Aufklärung" an.

27. Januar: Medienberichten zufolge haben beide Pflegeeltern eingeräumt, seit mehreren Jahren an Methadon-Programmen teilzunehmen.

28. Januar: Forderungen nach politischen Konsequenzen werden laut. Besonders in der Kritik: Bezirksamtsleiter Markus Schreiber. CDU-Familienexperte Christoph de Vries hält den Umgang des Behördenchefs mit dem Tod des Mädchens für "skandalös". Auch SPD-Fraktionschef Andreas Dressel geht auf Distanz zum Parteifreund: Der Bezirk sei "erschreckend oberflächlich informiert" gewesen.

30. Januar: Die Sozialbehörde verschärft die Kriterien für Hamburger Pflegeeltern. Wer künftig ein Pflegekind aufnehmen will, muss ein Gesundheitszeugnis mit Drogentest vorlegen. Außerdem wird ein Führungszeugnis verlangt, das nicht nur auf einschlägige Straftaten wie Gewalt gegen Kinder oder Kindesmissbrauch hin überprüft werden soll, sondern auf alle Straftaten, die bis dahin vorliegen. Außerdem sollen die Akten aller 1.300 Hamburger Pflegefamilien und deren Haushaltsangehörigen bereits bis zum 15. Februar überprüft werden. Beim Jugendhilfe-Ausschuss des Bezirks Hamburg-Mitte kommt heraus, dass dem zuständigen Jugendamt bekannt war, dass Chantal bei den Pflegeeltern kein eigenes Zimmer, keinen Schrank und nicht einmal ein eigenes Bett besaß.

31. Januar: Die Staatsanwaltschaft lässt das Jugendamt Wilhelmsburg und die Räume des freien Trägers Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen durchsuchen und stellt Jugendhilfe- und Pflegeakten sowie Computerdaten sicher. "Wir ermitteln gegen bislang unbekannte Mitarbeiter des Jugendamtes und des Trägers wegen Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht", sagt Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. Die Leiterin des Jugendamts Hamburg-Mitte, Pia Wolters, muss gehen.

Im Familienausschuss der Bürgerschaft kündigt Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) eine lückenlose Aufklärung des Falls Chantal an. Der Leiter des Bezirksamts Mitte, Schreiber, räumt weitere Fehler ein: Seine Mitarbeiter sollen Hinweise auf Drogenmissbrauch durch Chantals Pflegeeltern als "Mobbing" durch Nachbarn und Bekannte abgetan haben.

2. Februar: Die Hamburger Oppositionsfraktionen verlangen die Ablösung Schreibers. Er habe zu viele Fehler gemacht. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) solle sich einschalten.

3. Februar: Zu einem Schweigemarsch in Wilhelmsburg, bei dem Chantal und der 2009 verstorbenen Lara Mia gedacht werden, kommen mehr als 400 Menschen.

7. Februar: Angehörige nehmen bei einer Trauerfeier in der Kreuzkirche Abschied von Chantal. Die Pflegeeltern des Mädchens sind nicht in der Kirche. Anschließend wird Chantal in einem weißen Sarg beigesetzt.

8. Februar: In der Hamburgischen Bürgerschaft fordern alle Oppositionsparteien den Rücktritt von Bezirksamtsleiter Schreiber. Sozialsenator Scheele kündigt eine Reform der Jugendhilfe mit schärferen Kontrollen an.

10. Februar: Der umstrittene Leiter des Bezirksamts Mitte, Markus Schreiber, tritt zurück.

16. Februar: Laut Staatsanwaltschaft ergibt eine toxikologische Untersuchung, dass sich Chantal mit einer Methadon-Tablette vergiftet hat. Zuvor sei sie jedoch nicht mit Drogen in Kontakt gekommen.

30. März: Nach einer Überprüfung der Akten von fast 1.400 Pflegekindern in Hamburg teilt das federführende Bezirksamt Wandsbek mit, dass wegen Suchtproblemen der Pflegeeltern zwei Kinder aus einer Familie genommen worden seien. Insgesamt hatten Mitarbeiter der Jugendämter als Reaktion auf den Fall Chantal fast 100 Hausbesuche gemacht und zudem fast 75 Gespräche mit beteiligten Eltern, Pflegeeltern und Einrichtungen geführt.

18. April: Die Hamburgische Bürgerschaft setzt einen Sonderausschuss ein, der die Umstände aufklären soll, die Mitte Januar zum Tod des Pflegekindes aus dem Stadtteil Wilhelmsburg führten.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/hamburg/chronologiechantal101.html
Hintergrund
Ein Pflegekind bei den Hausaufgaben © dpa Fotograf: Peter Steffen
 

Wie werden Pflegefamilien ausgesucht?

Eltern, die ein Kind aufnehmen wollen, müssen sich einer sorgfältigen Prüfung unterziehen. mehr