Stand: 24.01.2017 20:07 Uhr

Zukunft der "Gorch Fock": Warten auf von der Leyen

Schicksalstage für die "Gorch Fock": Soll das marode Segelschulschiff der Marine aufwendig saniert oder durch einen Neubau ersetzt werden? Nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums wird die Entscheidung über das weitere Vorgehen "in den nächsten Tagen bekannt gegeben". "Wir müssen die Entscheidung der Ministerin abwarten, welche Alternative greift", sagte Kapitän zur See Johannes Dumrese von der Marine. NDR 1 Welle Nord hatte bereits am Montagabend berichtet, dass notwendige Reparaturen an der "Gorch Fock" inzwischen 35 Millionen Euro kosten würden - und weitere Arbeiten bereits im Oktober gestoppt wurden. Nach Informationen des Schleswig-Holstein Magazins deutet vieles darauf hin, dass die "Gorch Fock" noch einmal repariert wird.

In der Werft reiht sich Schaden an Schaden

Das traditionsbeladene Schiff liegt seit einem Jahr in einer Werft in Bremerhaven. Die Kostenerwartungen für Reparaturen haben sich seitdem mehr als verdreifacht. Immer wieder tauchten neue Schäden auf - zuletzt alte Kabelkanäle, die seit dem Stapellauf nie erneuert wurden. Bereits zwölf Millionen Euro sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums im vergangenen Jahr für Reparaturen geflossen.

Das Schiff ist der Marineschule Mürwik in Flensburg unterstellt. Heimathafen ist Kiel. Seit Jahrzehnten wird auf dem Dreimaster der Offiziersnachwuchs ausgebildet. Im Rahmen ihrer Ausbildung sind Offiziersanwärter normalerweise einige Monate auf dem Segelschulschiff unterwegs. Seit das Schiff in der Werft ist, muss die Marine schweren Herzens ausweichen.

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Reparatur der "Gorch Fock" wird immer teurer

Die "Gorch Fock" ist als Segelschulschiff der deutschen Marine ein fahrendes Wahrzeichen - wenn sie nicht gerade mal wieder in der Werft liegt. Wegen teurer Reparaturen wird inzwischen über einen Neubau nachgedacht. Bildergalerie

Kämpfer: "Unser aller Herz würde bluten"

"Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem sich die Frage stellt: Ist ein Neubau nicht wirtschaftlicher?", sagte der CDU-Verteidigungsexperte Ingo Gädechens aus Ostholstein. Die Information des Bundestagsabgeordneten, dass es auch in Zukunft auf jeden Fall ein Segelschulschiff geben solle, sorgt nicht überall für Beruhigung - siehe Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer. "Eine Ausmusterung wäre ganz bitter. Die 'Gorch Fock' gehört zu Kiel wie das Rathaus und die Kieler Förde", sagte der SPD-Politiker NDR 1 Welle Nord. Das Schiff sei ein Teil der Kieler Identität und ein wichtiger Punkt der Marine-Ausbildung. "Unser aller Herz würde bluten, wenn wir die 'Gorch Fock' verlieren würden", erklärte Kämpfer.

Wehrbeauftragter: "Nicht zu jedem Preis"

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), unterstrich die besondere Bedeutung des Schulschiffes für die Ausbildung. Außerdem sei es "ein Symbol, ein Wahrzeichen" der Marine und "ein Botschafter für Deutschland". "Wenn es geht, das Schiff weiter zu betreiben, die teurer gewordene Reparatur zu machen, dann wäre ich sehr dafür, dass man die 'Gorch Fock' behält - sicher nicht zu jedem Preis", sagte der langjährige Kieler Bundestagsabgeordnete. Außerdem sei seit dem tödlichen Unfall einer Kadettin viel Geld in die Sicherheit und Technik geflossen.

Deutscher Marinebund sieht es pragmatisch

Der Deutsche Marinebund bewertet die Möglichkeit eines Neubaus pragmatisch. So lange es irgendein Segelschulschiff gebe, sei alles gut, sagte ein Sprecher: "Nur ein Ersatz - zum Beispiel durch Simulatoren oder ein Verzicht auf die Seeausbildung - wäre dramatisch." Der Interessenverband ist der Meinung, dass die Ausbildung auf See durch nichts zu ersetzen ist. Auch die Marine selbst hält diesen Ausbildungsabschnitt für besonders wichtig, weil auf dem engen Schiff unter anderem das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Teambildung besonders gefördert werden.

Es liegen wohl drei Optionen auf dem Tisch

Für die weitere Entwicklung liegen offenbar drei Optionen auf dem Tisch. Die "Gorch Fock" könnte für Kosten in Höhe von 35 Millionen Euro plus x wieder komplett fit gemacht werden. Option zwei wäre, so schnell wie möglich die notwendigsten Reparaturen durchzuführen, bis ein eventueller Neubau fertig ist. Option drei würde bedeuten, dass die "Gorch Fock" ihre letzte Fahrt als Segelschulschiff bereits hinter sich hat. In diesem Fall müsste sich die Marine eventuell nach Schiffen in anderen Ländern umgucken, um die Zeit bis zur Fertigstellung eines Neubaus zu überbrücken.

Ein Ersatzschiff sorgt für Bauchschmerzen

Die Vorstellung, den Marinenachwuchs auf dem Schiff eines Nachbarlandes auszubilden, sorgt in Marinekreisen jedoch wohl für Bauchschmerzen. Nach tödlichen Unfällen wurden die Sicherheitsstandards auf der "Gorch Fock" - vor allem was den Aufstieg in die Takelage betrifft - deutlich erhöht, alles zugeschnitten auf die "Gorch Fock". Auf einem Ersatzschiff, so die Befürchtung, könnte die Ausbildung ganz anders aussehen, könnte es zum Beispiel nicht mehr erlaubt sein, in die Takelage zu klettern. Das hätte eine andere Ausbildungsqualität, heißt es.

Schlie appelliert an die Seemannschaft

Auch für Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) ist eine Deutsche Marine ohne eigenes Ausbildungsschiff unvorstellbar. "Das hat etwas mit Seemannschaft zu tun. Ich halte das weder für Traditionsquatsch noch für überholt. Es ist notwendig, dass die unmittelbare Naturgewalt von einer Seemannschaft erlebt wird", sagte Schlie dem Schleswig-Holstein Magazin. Das Parlament in Kiel hat 1982 die Patenschaft für die "Gorch Fock" übernommen. "Wir sind nicht nur Heimathafen für das Schiff, sondern gehen mit seinen Mannschaften auch durch Höhen und Tiefen", sagte Schlie.

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"Gorch Fock" - Schulschiff und Botschafterin

Der "weiße Schwan der Ostsee" läuft 1958 in Hamburg vom Stapel. Seither bereist die Dreimastbark mit Kadetten an Bord als Schulschiff der Bundesmarine die Weltmeere. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 24.01.2017 | 17:00 Uhr

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