Stand: 08.11.2016 21:29 Uhr

"Wir versuchen Ausreisen zu verhindern"

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Dieter Büddefeld leitet den Verfassungsschutz in Schleswig-Holstein. Er findet den jüngsten Tatort spannend, ganz realistisch dargestellt aber nicht.

Wie werden junge Menschen begeisterte Anhänger des sogenannten Islamischen Staates? Warum werden sie religiöse Fundamentalisten? Um diese Fragen ging es auch am Sonntag im Kieler Tatort mit Axel Milberg: "Borowski und das verlorene Mädchen". Das Mädchen im Film hat sich in einer Moschee radikalisiert. Im Interview mit Schleswig-Holsteins Verfassungsschutz-Chef Dieter Büddefeld haben wir gefragt, wie realistisch so ein Fall in Schleswig-Holstein wirklich ist.

Wie fanden Sie diesen Film?

Dieter Büddefeld: Ich fand den Film interessant. Für Nicht-Staatschützer scheinen die Handlungslinien ein bisschen verwirrend gewesen zu sein und nicht so zusammenführend. Andererseits darf man natürlich auch als Fachmann keine Abbildung der Realität erwarten, sondern das ist natürlich eine spannende Geschichte, die erzählt werden soll. Und von daher war es ganz interessant.

Wie Sie gerade sagen, Sie erwarten keine Abbildung der Realität. Trotzdem die Frage: Wie realistisch war der Film?

Büddefeld: Er war in Bezug auf die Darstellung der Radikalisierung des Mädchens, also, wie es dazu gekommen ist, dass es dem Islamismus verhaftet war oder ausreisen wollte, realistisch. Was die Kriterien angeht, die zu Radikalisierung führen wie "Broken-Family-Situation", Wertesuche und auch vom Alter her - das hat gepasst. Was nicht gepasst hat, war die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden. Hier wurde vermengt: Was macht LKA, was macht Staatsschutz im LKA, was tun Nachrichtendienste, wie ist die Zusammenarbeit. Weil sie natürlich auch deutlich besser ist - deutlich abgestimmter als in dem Film dargestellt.

Wenn wir uns das angucken, dann ist das ein mehr oder weniger 90-minütiger Spielfilm, der dieses Thema zumindest die ganze Zeit unterschwellig behandelt. Wie groß ist denn diese Gefahr von islamistischem Terror im Zusammenhang mit Konvertiten in Schleswig-Holstein?

Büddefeld: Wir hatten bisher insgesamt über die Jahre zwei von 31 Ausreisefällen, die in dieses Muster "Jugendliche junge Frau" passen, das hier in der Geschichte dargestellt wird. Also ein Mengengerüst von zwei Personen - keine Konvertiten. Es ist also eine verhältnismäßig zu vernachlässigende Prozentzahl. Das sieht aber im Vergleich in anderen Bundesländern deutlich anders aus. Dort liegt die Zahl bei über 20 Prozent.

Warum sind diese Zielgruppen für mögliche Anwerber so interessant?

Büddefeld: Das sind Frauen im heiratsfähigen Alter. Das heißt, es ist interessant, sie dann für die IS-Kämpfer zu werben, zum Heiraten. Und es ist natürlich auch das Segment, wo überhaupt junge Männer und junge Frauen ansprechbar sind für Radikalisierungsprozesse, wo es leichter ist, einen Zugang zu ihnen zu bekommen.

Was macht es in den sogenannten "Broken-Family-Situationen" unter Umständen einfacher, einen Zugang zu finden zu solchen jungen Menschen?

Büddefeld: Es ist ja generell so, dass eine gute familiäre Situation und eine gute Sozialpolitik durch den Staat die beste Prävention ist - gegen Kriminalität, gegen Extremismus. Und wenn ich eine Familie habe, in der Kinder oder gerade Jugendliche zu ihren Eltern kommen und Fragen stellen können, Fragen auch beantwortet bekommen - dann ist es schwieriger für Leute, die radikalisieren wollen. Die kommen mit einfachen Schwarz-Weiß-, Ja-Nein-Antworten an, versuchen damit Zugang zu finden und sich als Lösungsoption ins Gespräch zu bringen.

Die Moschee spielte eine relativ zentrale Rolle im "Tatort". Inwieweit ist das in der Realität auch so? Wenn wir in Richtung Pinneberg denken, da gab es ja auch eine Zeit lang eine, die etwas intensiver beobachtet wurde.

Büddefeld: Moscheen spielen schon eine herausragende Rolle. Man sagt, zu 50 Prozent werden Radikalisierungsprozesse in Moscheen gefördert, zumindest, was die Untersuchungen zu Ausreisefällen angeht. Andererseits muss man aber auch sagen: Moscheen sind nicht eindeutig zuordenbar. Ich kann nicht bei einer Moschee sagen, sie ist eindeutig salafistisch und jeder, der dahin geht, ist Salafist. Noch kann ich bei einer Moschee sagen, sie ist total sauber und jeder, der dahin geht, hat auch mit Salafismus nichts am Hut. Sondern man muss sich das immer sehr genau angucken. Selbst in dem Film, wo der Imam ja die Rolle gespielt hat, dass er hinterher den Kontakt wohl zum IS herstellen sollte - selbst der hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt. Und diese Zerrissenheit spielt sich in den Moscheen auch tatsächlich so ab, dass es radikale Strömungen gibt und dass es aber auch gemäßigte Strömungen gibt und dass sie teilweise im Widerstreit miteinander sind.

Wie würde die Rolle des Staatsschutzes in einem tatsächlichen Fall aus Ihrer Sicht ablaufen? Was wären da die einzelnen Schritte, die gegangen werden könnten?

Büddefeld: Ich möchte erstmal auf der oberen Ebene ansprechen. Hier gab es ja ein internationales Aufklärungsziel. Man wollte offensichtlich in der Türkei oder in Syrien wissen, wo die junge Frau hinkommt, wie sie in die IS-Struktur eingeführt wird. Das wäre ein Aufklärungsinteresse, was eher auf Bundesebene, beim Bundesnachrichtendienst oder beim Bundesamt für Verfassungsschutz von Interesse wäre. Hier würde natürlich - dafür ist ja das gemeinsame Terror-Abwehr-Zentrum gerade da - dass alle Polizeien und alle Dienste eine Konzeption machen und sich überlegen, wie man so einen Informationsbedarf gegebenenfalls deckt.

Die Operation an sich würde so niemals durchgeführt werden. Hier war es ja eine, wie wir es nennen, "Honey-Pot-Falle" oder ein "Romeo-Agent", der dieses junge Mädchen angesprochen hat, der so getan hat, als sei er ein IS-Kämpfer. IS-Kämpfer an sich sind natürlich für Islamistinnen sehr sexy, weil sie die Avantgarde der Salafisten darstellen. Der wurde also quasi gefaked durch die Nachrichtendienstseite, und so wurde ein junges Mädchen nahezu fast gutwillig dazu gebracht, zum IS auszureisen. So etwas gäbe es nicht. Wir haben eigentlich in allen Fällen, aber insbesondere in Fällen, bei denen wir Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen und Heranwachsenden festgestellt haben, mit aller Macht versucht, Ausreisen zu verhindern. Wir sehen da auch ein Fürsorge-Prinzip des Staates, teilweise auch in Zusammenarbeit mit den Eltern. Aber man muss sagen, wir haben es in einigen Fällen auch in Zusammenarbeit mit den Eltern nicht geschafft, die Ausreise definitiv zu verhindern. Aber nichtsdestotrotz war das immer das oberste Ziel der gemeinsamen Anstrengungen von Polizei und Verfassungsschutz, eine solche Ausreise zu verhindern.

Das Interview führte Nikolai Hotsch, Schleswig-Holstein Magazin.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 07.11.2016 | 19:30 Uhr

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