Stand: 29.11.2015 12:11 Uhr

Wintercamper: Gas schleppen, draußen duschen

von Anne Passow

Der erste Schnee ist gefallen - und knirscht unter den Füßen von Horst Meyer. Mit festem Schritt geht der 67-Jährige um seinen Wohnwagen herum, klappt am hinteren Teil eine Luke auf und hebt eine Gasflasche heraus. "Die muss ich jetzt so alle vier Tage auswechseln", sagt er. "Sonst wird’s richtig kalt." Man kann seinen Atem sehen. Die Temperaturen auf dem Campingplatz Lütauer See bei Mölln (Kreis Herzogtum Lauenburg) sind knapp über dem Gefrierpunkt.

Schnee und Kälte - Trotzdem campen

Einander helfen und feiern

Mit dem Gas beheizt Meyer seinen kleinen Wohnwagen. Er lebt hier. Auch im Winter. Nach einer Trennung vermietete der Rentner seine Eigentumswohung in Mölln und zog vor wenigen Wochen ganz auf den Campingplatz, den er seit seiner Kindheit kennt. Er hat hier nun seinen Erstwohnsitz. "Das wollte ich schon lange mal machen. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen", sagt er.

Nichts Schöneres vorstellen? Ein Leben in einem 15 Quadratmeter-Wohnwagen? Mitten im Winter? "Ich hab da drinnen alles, was ich brauche: Bett, Bad, Sitzecke, Kochnische. Es ist sehr gemütlich," versichert Meyer. Vor allem aber mag er die Nähe zur Natur. "Von meinem Fenster kann ich die Rehe im Wald beobachten", schwärmt er. Außerdem schwört er auf die Gemeinschaft. Letztens flog ihm bei einem Sturm sein Oberfenster weg. Die Nachbarn waren sofort zur Stelle. "Aber wir feiern auch zusammen", sagt er und lacht.

Günstiges Wohnen

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Horst Meyer kratzt Eis von seinem Auto. Er muss noch Amtsgänge in Mölln erledigen - das bleibt auch einem echten Wintercamper nicht erspart.

Tatsächlich ist Horst Meyer nicht der Einzige, der auch während der kalten Jahreszeit im Wohnwagen am Lütauer See lebt. "Diesen Winter haben wir 36 Camper hier", zählt Wilfried Wehking, Mitbesitzer des Platzes, nach. Insgesamt gibt es hier etwa 650 Stellplätze. Wehking kommt gerade von einem Rundgang. Seine Bilanz: "Alles in Ordnung." Der erste Schnee hat, außer einer weißen Schicht, keine Spuren hinterlassen. "Wenn es richtig schneit, dann sinken oft die Vorzelte zusammen. Oder sie werden von den Winterstürmen zerfetzt", erzählt er.

Trotz der Widrigkeiten - die Wintercamper kommen. "Früher waren es nur eine Handvoll. Seit etwa zehn Jahren nimmt das zu", sagt Wehking. Woran das liegt? "Einige mögen einfach das ruhige Leben und die Gemeinschaft hier draußen. Viele wohnen aber auch hier, weil sie nicht so viel Geld haben und es deutlich günstiger ist, als Miete zu zahlen."

Fünf Schritte zum Wald

Auch Jürgen Schnoor ist aus finanziellen Gründen hier. Nach einer Trennung zog der 61-Jährige mit seinem Hund vor zweieinhalb Monaten auf den Platz. Er lebt im Wohnmobilheim. Das ist 39,5 Quadratmeter groß und erinnert eher an eine kleine Wohnung als an einen Wohnwagen. Schnoor ist wegen einer Krankheit in Frührente und muss auf jeden Cent achten. "Hier wohne ich für 250 Euro im Monat. Das war ein unschlagbares Argument", sagt er - und fügt hinzu: "Aber je länger ich hier bin, desto mehr gefällt mir das Leben hier." Schnoor schnappt sich die Leine und lässt seinen aufgeregten Hund vor die Tür. "Wir laufen noch eine Runde." Fünf Schritte - und er ist auf dem Waldweg. Schnoor atmet durch: "Sehen Sie, das meine ich", sagt er - und stapft davon.

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Britta Finstel fIicht dünne Äste zwischen Weiden, die sie vor ihrem Wohnwagen gepflanzt hat. Die sollen im Frühjahr ausschlagen und einen natürlichen Sicht- und Wetterschutz bilden.

Auch Britta Finstel liebt den Wald vor ihrer Haustür. Sie kam, weil sie krank ist. Die 50-Jährige leidet an "Multiple Chemical Sensitivity" (MCS), einer mehrfachen Chemikalien-Unverträglichkeit. Ausdünstungen von Parfüm, Teppichen, Möbellack oder anderen Gegenständen können sie krank machen. Finstel musste aus ihrer Lübecker Wohnung raus und beantragte Frührente. Jetzt lebt sie in einem 9,5 Quadratmeter großen Wohnwagen.

Draußen Duschen

Sie ist glücklich hier. "Der Sternenhimmel hier ist sensationell", schwärmt Finstel, während sie mit dicken, rosa Handschuhen Äste um  Weidenstöcke flicht. "Das wird ein natürlicher Wetterschutz für meinen Vorplatz", erklärt sie und erzählt: "Man muss die frische Luft mögen, wenn man hier draußen lebt. Mit den Nachbarn treffe ich mich auch im Winter mal zum Grillen." Außerdem hat Britta Finstel eine ganz besondere Dusche. Die steht draußen. Sie duscht hier auch im Winter. An einer Holzkonstruktion hat sie Planen befestigt. Oben hängt sie eine Gießkanne auf. "Noch muss ich das Wasser vorher warm machen. Aber bald bekommen wir hier Wasseranschluss, dann baue ich mir eine Solardusche", freut sie sich.

Natürlich sind da auch die Winterstürme. Einmal durchschlug ein Tannenzapfen eine Fensterscheibe ihres Wagens. "Es kommt auch mal vor, dass es nachts plötzlich kalt wird, weil das Gas leer ist. Dann muss man um zwei Uhr raus, um eine neue Flasche anzuschließen", berichtet sie. Doch aus Fehlern lernt man: "Jetzt gucke ich abends nach, wieviel Gas noch in der Flasche ist." Und beim nächsten Wintergrillen mit den Nachbarn ist so eine leere Gasflasche nur noch eine gute Anekdote.