Stand: 20.03.2016 00:00 Uhr

Wie aus einer Ministerin ein Flüchtling wurde

von Hanno Hotsch, NDR Studio Heide

Hooria Mashhour hat mehrere UNESCO-Projekte im Jemen geleitet, vor allem Frauenprojekte. Seit 2008 ist sie ein führender Kopf der gewaltfreien Protestbewegung gegen den langjährigen jemenitischen Diktator Ali Abdullah Salih. Als er 2011 aufgab, wurde sie in ihrem Heimatland Ministerin für Menschenrechte. Nur wenige Jahre später kippte dort aber die politische Lage. Heute lebt die 62-Jährige als Flüchtling im 650-Seelen-Dorf Dörpling in Schleswig-Holstein.

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Hooria Mashhour ist froh, dass sie Flüchtlingen in Deutschland helfen kann.

"Ich bin gegangen", sagt Hooria Mashhour in dem kleinen improvisierten Unterrichtsraum des evangelischen Gemeindezentrums und zehn Stimmen antworten, noch etwas zögerlich: "Ich bin gegangen". Weiter geht es: "Du bist gegangen", die Antwort: "Du bist gegangen".

Immerhin das kann Hooria Mashhour zurzeit tun: Sie bringt anderen Flüchtlingen Deutsch bei. Und sie hält Vorträge über die momentane Situation im Jemen. Aber viel mehr geht nicht, schon gar nicht für ihr Land, sagte sie: "Die Situation ist sehr schlecht. Es gibt Krieg im Jemen. Der Präsident, der Premierminister, die Regierung: Sie sind nicht im Jemen. Es gibt immer Schwierigkeiten, immer Explosionen. Krieg, wirklicher Krieg!"

Hooria Mashhour hilft Flüchtlingen bei der Integration

Die Flucht gelingt

Begonnen hatte der Krieg, als Diktator Sali versuchte, mit Hilfe der Huthi-Rebellen die Macht im Jemen zurückzugewinnen. Uniformierte drangen ins Menschenrechtsministerium vor, von Freunden gewarnt gelang Hooria Mashhour die Flucht: "Am Flughafen haben mich einige gesehen und gefragt: 'Du bist doch die Menschenrechtsministerin?' Ich habe gesagt: 'Das war ich, aber jetzt habe ich keine offizielle Arbeit. So bin ich mit Glück ins Flugzeug gekommen, später hätte das nicht mehr geklappt."

Chaotische Machtkämpfe im Jemen

Inzwischen herrschen chaotische Machtkämpfe zwischen Huthi-Rebellen im Bündnis mit Ex-Diktator Sali, IS-Milizionären, Al-Kaida, dazu Truppen aus Saudi Arabien, Drohnen aus den USA. Viele Krankenhäuser und Schulen sind zerstört. Das Leben im Land ist nahezu unmöglich. Viele Menschen sind nach Saudi-Arabien geflohen oder nach Jordanien, Mashhour nach Deutschland. "Ich bin froh. Ich weiß, dass in Deutschland meine Rechte als Frau und als Mensch respektiert werden. Es ist ein sehr freundliches Klima hier in Deutschland. Sehr schön", sagt sie.

Ein Lob für die deutsche Flüchtlingspolitik

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Unterstützung beim Gang zu den deutschen Behörden: Hooria Mashhour hilft Abdul Rahman.

Ehrenamtlich hilft Hooria Mashhour auch, wenn es darum geht, Flüchtlingen bei ihrer Anmeldung beim Jobcenter zu helfen. So begleitet sie zum Beispiel Abdul Rahman aus Syrien. Er ist Musiker und Kunstmaler. Hooria Mashhour sagt ihm, dass er deutlich machen soll, dass er auch einen EU-Führerschein für Lkw hat. Das verschafft ihm Vorteile bei der Arbeitsvermittlung und bei der Integration.

Die deutsche Flüchtlingspolitik ist nach Meinung von Hooria Mashhour richtig: "Für mich als Flüchtling und als Menschrechtlerin ist es eine gute Politik, wenn Menschen mit Problemen in ihrer Heimat willkommen geheißen werden. Und glauben sie mir: Diese Menschen werden mal richtig positive Menschen in dieser Gesellschaft sein."

"Deutschland ist ein stabiles Land"

Aber kann Deutschland auf Dauer noch mehr Flüchtlinge aufnehmen? Darauf antwortet sie nicht direkt, sondern nur mit einem allgemeinen Hinweis: "Deutschland ist ein stabiles Land. Die Menschenrechte werden in einem hohen Maß respektiert. Und auch die deutsche Wirtschaft ist stark. Es gibt nur wenig Arbeitslosigkeit."

Ganz anders ist es in ihrem Heimatland Jemen. Für die Menschen dort kann die geflüchtete Ministerin für Menschenrechte derzeit nichts tun. In Deutschland dagegen engagiert sie sich ehrenamtlich für Flüchtlinge, die hier Zuflucht suchen und noch keinen Anspruch auf einen Deutsch-Kurs haben. Sie hilft ihnen auch bei Übersetzungen, wenn sie sich beim Jobcenter anmelden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 21.03.2016 | 06:00 Uhr