Stand: 04.07.2017 05:00 Uhr

Waldkindergarten trotzt kleinen Blutsaugern

Von Julian Marxen

Lautes Lachen schallt durch einen kleinen Wald in der Nähe von Bad Segeberg. Es ist der Spielplatz der "Waldwichtel". 18 Mädchen und Jungen aus dem Waldkindergarten Westerrade tollen hier herum, zwischen Buchen, Ahorn und wilden Brombeersträuchern. Die Kinder zwischen drei und sechs Jahren wissen ganz genau: Zecken lauern überall. "Die kommen von oben und von unten. Und dann sind die ganz schnell auf der Haut", sagt Line. "Ich bin schon dreimal gebissen worden. Am Kopf, am Arm und am Rücken", berichtet die Sechsjährige. "Mama hat die Zecken dann mit einer Zeckenkarte weggemacht." Die Spinnentiere seien zwar "ganz schön eklig", Angst habe sie aber nicht, betont Line.

Was man beim Zeckenschutz beachten sollte

Viele Patienten mit Zeckenstichen in SH

Dabei können Zecken Krankheitserreger wie Borrelien übertragen. Die Folgen reichen von langwierigen Gliederschmerzen bis hin zu Gedächtnisstörungen und Herzproblemen. Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein verzeichnet für 2016 knapp 6.300 gesicherte Borreliose-Diagnosen - immerhin gut 800 mehr als noch im Jahr zuvor. Nach Einschätzung von Experten erkrankt aber nur rund ein Prozent der Gestochenen auch tatsächlich an Borreliose. Solche Fälle kennt der Waldkindergarten Westerrade nicht. "Das liegt bestimmt auch daran, dass die Kinder bei uns nicht unvorbereitet in den Wald gehen", ist sich Erzieherin Tanja Marquardt-Bock sicher.

Mit richtiger Kleidung gegen Zecken

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Kristof schwört neben Schirmmütze, Jacke und langer Hose auf hochgezogene Socken.

Ein Rezept gegen die Blutsauger ist nämlich die richtige Kleidung. Auch im Sommer tragen alle Kinder lange Hosen und Jacken. Viele haben außerdem Schirmmützen auf dem Kopf. Auch der sechsjährige Kristof. Er schlägt mit einem Seil auf Giersch und Springkraut ein, um einen Waldpfad zu ebnen. Doch gerade hier, im Unterholz, sind viele Zecken unterwegs. Damit sie nicht von unten ins Hosenbein krabbeln, hat Kristof seine Socken hochgezogen und die Hose in die Strümpfe gestopft. "So kommt da keine Zecke mehr rein", ist Kristof zuversichtlich.

Gelassenheit und Verunsicherung

Mit dem Thema Zecken gehen hier im Waldkindergarten alle ganz gelassen um. Allgemein scheint die Verunsicherung hingegen zuzunehmen. Vor zehn oder zwanzig Jahren habe man die Tiere einfach rausgezogen, sagt der Vorsitzende des Hausärzteverbands Thomas Maurer im Interview mit NDR.de. Heute sei durch Berichte in Radio, Zeitung und Fernsehen bekannt, welche Folgen Zeckenstiche haben können. Deshalb würden immer mehr Schleswig-Holsteiner mit ihrem Stich zum Arzt gehen - aus Sorge, dass sie sich eine schwere Krankheit eingefangen haben könnten. Im Waldkindergarten in Westerrade vertraut Erzieherinnen Marquardt-Bock auf ihr geschultes Auge: "Meistens entdecken wir die krabbelnden Zecken und können sie entfernen, bevor sie zustechen". Richtig abgesucht würden die Lütten aber erst zu Hause.

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Ganz wichtig: Körper absuchen

Elternvertreterin Nadine Nütz geht dabei ganz akribisch vor. Besonders beliebt bei den Zecken sei der Kopf der Kinder. Vorsichtig schiebt sie mit ihren Fingern das blonde Haar ihrer Tochter zur Seite und schaut genau hin. "Vor allem hinter den Ohren setzen sich die kleinen Tiere gerne fest", weiß Nütz. Diesmal ist keine Zecke zu sehen. Im Schrank hat die Mutter auch ein Anti-Zecken-Spray. "Das kommt aber nur ganz vorsichtig dosiert auf die Kleidung, auf keinen Fall auf die Haut." Denn so ganz trauen will sie den Herstellern nicht. Einige Inhaltsstoffe dieser Mittel seien bestimmt nicht ganz ohne für Kleinkinder. Und Verbraucherschützer raten tatsächlich eher zu natürlichen Ölen statt zu chemischen Produkten. Aber auch Öle seien keine Allheilmittel, das Absuchen des Körpers sei unerlässlich.

Zecken so schnell wie möglich entfernen

Sollten die Westerrader Kindergärtnerinnen doch mal eine festsitzende Zecke bei einem Kind finden - kein Problem. Erzieherin Marquardt-Bock läuft in einen Bauwagen mitten auf dem Grundstück des Kindergartens, greift in eine Tasche und holt einen gelbe Zeckenkarte hervor: "Damit funktioniert's am besten. Mit dem Spalt einfach unter den Zeckenkörper und rausziehen." Dabei kommt es auch auf Schnelligkeit an. "Wichtig ist, so schnell wie möglich die kleinen Tiere zu entfernen", sagt Thomas Maurer vom Hausärzteverband. "Je länger man die Zecke drin lässt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie gefährliche Krankheitserreger übertragen."

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"Es gibt tatsächlich mehr Zecken als in den vergangenen Jahren", sagt Thomas Maurer vom Hausärzteverband Schleswig-Holstein im Interview mit NDR.de. Gefährliche Erreger seien aber selten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 04.07.2017 | 05:10 Uhr

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