Stand: 09.11.2016 15:53 Uhr

Von Uganda nach Norddeich - zum Reetdecken

von Peter Bartelt

Es ist kalt in Peissen im Kreis Steinburg. In der Nacht hat es leicht geschneit. Auf den Dachlatten des großen Hauses in der unteren Dorfstraße liegen einige weiße Flocken. Für Reetdachdecker wie Hans Herrmann Ohm und seine Mitarbeiter aus Norddeich bei Wesselburen spielt das Wetter keine große Rolle. Ihr neuer Auszubildender John Bosco Awas indes kennt diese Kälte nicht, er friert. Aus seiner Heimat Uganda ist er andere Temperaturen gewöhnt. "Als er heute Morgen nach draußen ging, hat er nicht schlecht geguckt und mir verraten, dass er das erste Mal Schnee gesehen hat", sagt Ohm. Er bildet den 28-Jährigen, den alle Bosco nennen, seit Anfang September zum Reetdachdecker aus. Drei Jahre soll er in Norddeich lernen.

John Bosco Awas: Dachdecker-Azubi aus Uganda

Von Uganda nach Norddeich

Reetdachdecker sind inzwischen international vernetzt. Es gibt nicht nur in Europa Reetproduzenten, sondern auch in Afrika. "Deshalb bin ich 2014 nach Südafrika geflogen, um die Verhältnisse dort kennenzulernen. Viele Menschen leben in Blechhütten, bei 30 Grad Hitze. Es gibt aber auch Hütten, die mit Gras oder Reet bedeckt sind", erzählt Ohm. Diese Reetdächer in Uganda halten jedoch nicht ewig. Viele Menschen sind dort immer noch Nomaden, nach wenigen Jahren ziehen sie weiter. "Die Halme werden deshalb nur lose aufs Dach gelegt, bei Regen sind die Hütten undicht, bei Wind fliegt das Dach weg", meint Ohm.

Er wollte helfen. Schließlich kam ihm eine Idee. Über verschiedene Kanäle suchte er drei Auszubildende für seinen Betrieb in Norddeich. Sie sollten nach abgeschlossener Lehre die Kunst des Reetdachdeckens in ihre Heimat exportieren. Von den Dreien blieb nur Bosco übrig. "Er hat schon in Uganda Deutsch gelernt - und hier bekommt er auch regelmäßig Unterricht. Die Sprache ist die größte Hürde, auch für uns", sagt Ohm.

Hochdeutsch statt Platt

Mit den Kollegen auf dem Bau läuft es inzwischen wie geschmiert. "Der turnt hier über die Planken, als hätte er nie etwas anderes gemacht", lacht Sven Eiberg. Er zeigt Bosco oben auf dem Dach jeden Handgriff. "Allerdings sollen wir Hochdeutsch mit ihm schnacken und möglichst kein Platt, damit er viel Deutsch hört und auch spricht. Mit unserem Schulenglisch sind wir da sowieso schnell an unsere Grenzen gekommen", erzählt Eiberg von den ersten Wochen mit dem neuen Kollegen. Ihm und den anderen Mitarbeitern rutscht ab und an schon einmal ein "Pass op" oder ein anderer Schnack raus. "Aber die kennt er inzwischen auch schon. Genauso wie 'Moin", wenn's morgens losgeht", meint Eiberg.

Ein festes Dach über dem Kopf das Ziel

Man merkt Bosco an, dass er lernen will. Auch der 28-Jährige hat eine Idee: Er möchte den Menschen in seiner Heimat helfen, ein besseres Leben zu führen. Ein erster Schritt wäre ein festes Dach über dem Kopf, das trotzdem bezahlbar ist. "It's wonderful, to learn this work for my people in Uganda", sagt er mit ernster Mine. Dann klettert er wieder aufs Dach, denn Eiberg wartet aufs Dämmmaterial.

In Uganda heißt es "weißes Gras"

Es ist ein bemerkenswertes Projekt, das Hans Herrmann Ohm da auf den Weg gebracht hat. Er traut seinem Azubi John Bosco Awas durchaus zu, dass er in drei Jahren in Uganda Häuser bauen kann, die nach Dithmarscher Reetdachdeckerkunst eingedeckt werden. Mit Reet, das dort wächst und auch geerntet wird. Sven Eiberg ist begeistert: "Da komme ich gerne zum Eindecken. Bei den Temperaturen, die wir hier haben", lacht er - und Bosco lacht mit. Dann blickt er doch etwas nachdenklich auf die schneebedeckte Landschaft, die sich hinter dem großen Haus bis zum Waldrand ausbreitet. "In Uganda würde man dazu weißes Gras sagen", erklärt Bosco. Aber Uganda ist weit weg.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 09.11.2016 | 20:40 Uhr

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