Stand: 14.02.2016 13:18 Uhr

Tabakduft seit 240 Jahren

von Katrin Bohlmann

Der süßliche Duft von Tabak steigt dem Besucher sofort in die Nase, wenn er die Empfangshalle der von Eickens in Lübeck-Roggenhorst betritt. Eine Einladung zum Rauchen liegt gleich auf einem Tisch bereit: Aschenbecher und Feuerzeug. "Das was Sie riechen, ist nicht verbrannter Tabak, das ist Tabak aus der Produktion. Er wird erhitzt und Feuchtigkeit wird zugeführt. Dadurch werden die natürlichen Tabakaromen freigesetzt", erklärt Firmenchef Marc von Eicken zur Begrüßung. Im Hause von Eickens darf also geraucht werden, aber nicht häufiger als in anderen Unternehmen und mit der entsprechenden Rücksichtnahme.

Zigaretten made in Lübeck

Tabak zu Hause immer Thema

Der 45-Jährige ist mit Tabak groß geworden. Deshalb war es für ihn selbstverständlich, das Tabakunternehmen zu übernehmen. "Solange ich bei meinen Eltern gewohnt habe, waren die Firma und damit der Tabak immer ein Thema. Da kommt man nicht umhin, etwas über Tabak zu lernen, dagegen kann man sich gar nicht wehren. Und wir waren immer wieder in der Tabakproduktion, schon als Kinder. So wurden wir da schon früh herangeführt", sagt Marc von Eicken. Er selbst raucht hin und wieder. Genau wie sein Vater, Johann Wilhelm von Eicken, kann auch er eine Zigarette herstellen und eine Zigarre drehen. "Das gehört ganz klar dazu", sagt der Seniorchef.

In der achten Generation

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Seniorchef Johann Wilhelm von Eicken zeigt eine große Waage aus dem Jahre 1769. Als Lampe hängt sie in einem Konferenzraum des Unternehmens.

480 Menschen arbeiten für die von Eickens. Firmenhauptsitz und Fabrikanlage sind in Lübeck. Dazu gehören außerdem Tabakhäuser in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Das mittelständische Unternehmen exportiert in mehr als 120 Länder. Tradition wird im Hause von Eicken großgeschrieben. So zeigt Seniorchef Johann Wilhelm von Eicken nicht ganz ohne Stolz einen Konferenzraum ausgestattet mit Familienantiquitäten. Eine große Waage aus dem Jahre 1769 ist das älteste Stück des Unternehmens. Sie hängt umgebaut als Lampe mächtig über dem großen Konferenztisch. An der Wand sind die Porträts der einzelnen Generationen zu sehen. "Das sind die Bilder der sechs Generationen vor mir, ich bin die siebte", erklärt der 73-Jährige. Sein Sohn Marc von Eicken führt in der achten Generation seit fast 20 Jahren das Familienunternehmen.

Aus dem Ruhrgebiet an die Elbe

Den Grundstein für das heutige Familienunternehmen legte vor mehr als 240 Jahren der damalige Johann Wilhelm von Eicken mit dem Handel von Kolonialwaren in Mühlheim an der Ruhr. Dazu gehörten auch Pfeifen- und Schnupftabak. Nach dem Kauf einer Tabakfabrik in Hamburg zog das Unternehmen 1886 an die Elbe. Der Zweite Weltkrieg verschonte auch die von Eickens nicht. Die Fabrik in der Hoheluftchaussee wurde teilweise zerstört. Nach dem Wiederaufbau wurde es dort aber zu klein. Der heutige Johann Wilhelm von Eicken ließ 1983 eine Fabrik in der Lübecker Drechslerstraße bauen. "Das passte. Meine Familie hat hier ihre Wurzeln. Meine Mutter ist in Lübeck geboren, und meine Großmutter ist eine geborene Behn. Die Lübecker wissen ja: Die Familie Behn hat hier einiges bewegt und ist heute noch durch das Behnhaus vertreten", erzählt der "Grand Seigneur" von Eicken. In Lübeck werden seitdem Zigaretten und Drehtabak hergestellt. Die Zigarren produzieren sie in Thüringen und in der Dominikanischen Republik. Das macht aber nur einen kleinen Teil der gesamten Produktion aus.

Nichtraucherschutz und Sinneswandel

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Bis zu 8.000 Zigaretten schießen pro Minute durch die Produktion. Doch die goldenen Raucher-Zeiten sind vorbei.

Für das Lübecker Familienunternehmen haben sich die Bedingungen verschärft. Die goldenen Zeiten sind vorbei. Früher war Rauchen cool, sexy und elegant. Heute gilt das nicht mehr. Es gibt den Nichtraucherschutz, Werbe-Einschränkungen, eine starke Konkurrenz der Globalplayer, Warnhinweise und Schockfotos auf Zigarettenschachteln. Das alles macht der gesamten Tabakindustrie zu schaffen. Sie muss auf den Sinneswandel in der Gesellschaft reagieren. Die von Eickens haben deshalb ihre Produktpalette erweitert: Mit dem Verkauf von E-Zigaretten und einem Energydrink will Norddeutschlands einzige Tabakfirma neue Märkte erobern. Noch ist die elektronische Zigarette eine Nische, aber die Zahl der Nutzer nimmt rasant zu. Ob die von Eickens mit den neuen Produkten Erfolg haben werden, muss sich noch zeigen.

Marktanteil von 0,4 Prozent weltweit

In den Produktionshallen wird der süß-herbe Duft stärker. Überall stapeln sich große Tabakblöcke. Zwei Millionen Kilogramm lagern hier insgesamt und werden verarbeitet. Alle zwei Monate müssen sie nachordern. Der Tabak ist in großen Blöcken zusammengepresst. Zieht und zupft man die Blätter auseinander, sehen sie aus wie vertrocknetes Herbstlaub. Sie haben eine lange Reise per Schiff hinter sich. Der Rohtabak kommt aus Nordamerika, Afrika, Brasilien, Indien, Kroatien, Ungarn und Deutschland. "Der Tabak wird aus den Blöcken gelöst, zerkleinert, vorbereitet, also je nach Bedarf mit Zusatzstoffen versehen. Dann wird er in die gewünschte Breite geschnitten, dann nochmal getrocknet und schließlich abgepackt", beschreibt Rohtabakeinkäufer Christian Bahr den Ablauf. Übrig bleibt der sogenannte "cut rag", der Schnitttabak. "Bei der Herstellung von Zigaretten fällt das cut rag in einer Maschine auf das Zigarettenpapier, das sich dann automatisch umschließt und so einen endlosen Strang formt. Im nächsten Abschnitt wird der Strang geschnitten, so dass die Filterstäbe von oben dazwischen fallen können. Dann kommt das Belagpapier drum herum und fertig ist die Zigarette." Bis zu 8.000 Zigaretten schießen pro Minute durch die Produktion. Von Eickens Zigaretten haben einen Marktanteil von 0,4 Prozent weltweit.

Die von Eickens sind das letzte deutsche familiengeführte Tabakunternehmen. Die neunte von Eicken-Generation steht auch schon in den Startlöchern, wenn auch erst einmal nur in Kinderschuhen.

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