Stand: 28.10.2015 07:33 Uhr

Goldeimer: Bio-Toiletten für Festivals

von Maja Bahtijarević

Das vulgäre Schild auf dem Campinggelände des Open Flair in Nordhessen fällt den Festivalbesuchern sofort ins Auge. "Quatsch mich nicht voll. Geh kacken!" steht drauf. Ziemlich krass für ein Werbebanner, aber zugegebenermaßen auch sehr passend: Es ist Goldeimer, das da mit Fäkalbegriffen um sich wirft - ein Projekt von jungen Kielern, die biologische Kompost-Toiletten bundesweit auf Musikfestivals aufstellen.

Goldeimer: "Scheißen für den guten Zweck"

Sägespäne sorgen für gutes Klima

Auf dem kleinen abgezäunten Gelände von Goldeimer stehen 20 hölzerne Kabinen auf Stelzen, zu denen drei Stufen hinaufführen. Unter den Kabinen stehen grüne Tonnen, die das "Geschäft" auffangen. Ein Schild am Eingang beschreibt den Gang zum Klo. Es wirkt seltsam, denn eigentlich ist ja jeder mit der Prozedur bestens vertraut. Doch hier gibt es keine klassische Spülung: Die Exkremente werden mit Sägespänen zugeschüttet. So funktionieren die Toiletten ganz ohne Trinkwasser und Chemie, die Späne saugen die Flüssigkeiten zum Teil auf und verhindern unangenehmen Gestank. Das Konzept geht auf: Man riecht nichts, was im weitesten Sinne an Kloake erinnert. Das Einzige, was die Nase rümpfen lässt, ist der Geruch der konventionellen mobilen Klos von gegenüber, der bei ungünstigem Wind herüberweht.

Mehr als nur Toiletten: "Wir verkaufen Atmosphäre"

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Viele Klogänger bleiben gerne bei Goldeimer sitzen, sogar Freundschaften sind bei den Ökotoiletten entstanden.

Der Kieler Johannes Rasmus Manthey sitzt an der selbstgezimmerten Theke des Goldeimer-Standes. "Wir brechen mit unseren Toiletten Tabus. Wir verkaufen eine Atmosphäre", erklärt der Geografiestudent. Es läuft Partymusik, man hört das Zischen von Bierflaschen und reges Stimmgewirr - denn neben Manthey sitzen noch viele andere Menschen auf Sofa und Campingstühlen vor den Kabinen. "Hier geht es um viel mehr als nur saubere Toiletten: Man kann Spiele spielen, die 'Wendy' lesen, über Kunst und das Leben schnacken." Einige, die sich dort die Zeit vertreiben, sind ehrenamtliche Mitarbeiter, der Rest Besucher. Weil alle gut gelaunt seien und es nicht schlecht riecht, blieben viele sitzen, manche sogar einige Stunden. Doch für Manthey ist eine andere Sache das Schönste an der Kloarbeit: "Das Feedback der Freiwilligen - dass sie lieber auf ein Festival kommen, um Zeit mit uns zu verbringen und ohne Kohle zu arbeiten, anstatt als Besucher hier zu sein."

Über einen Ideenwettbewerb hin zum Hamburger Investor

Fünfteilige Start-up-Serie bei NDR.de

Mit der eigenen Idee durchstarten? Klingt verlockend. Einige Schleswig-Holsteiner haben den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Wir stellen fünf Start-ups vor.

Die Gründer berichten uns über Herausforderungen, Startschwierigkeiten - und natürlich auch über ihre Erfolgserlebnisse. In unseren Geschichten geht es aber nicht nur um Firmenkonzepte und Finanzen, sondern um die Menschen dahinter.

Die Idee zu den umweltfreundlichen Toiletten kam 2013 in der Uni. Malte Schremmer, Mantheys Kommilitone, wollte seine Abschlussarbeit über die sanitäre Situation in der Dritten Welt schreiben. "Schreib' doch nicht über Afrika, sondern über was Greifbares", zitiert Manthey den Professor. Schremmer überlegte, wo es sonst noch prekäre Umstände mit Toiletten gibt - und der Grundstein für Goldeimer auf Musikfestivals war gelegt. Das Konzept von kompostierbaren Sanitäranlagen ist nicht neu, doch auf Großveranstaltung gab es bis dahin nahezu noch keine. Das Startkapital für das Toilettenprojekt kam von "Yooweedoo", einem Ideenwettbewerb an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Später erklärte sich eine Hamburger KG bereit, in das Start-up zu investieren - und übergab dann einen großen Teil der Anteile an die soziale Organisation "Viva con Agua".

Auch Geschäftsführer sind angestellt

Manthey und seine Kollegen arbeiten dieses Jahr zum ersten Mal als Angestellte, davor waren sie freiwillige Mitarbeiter. Auch die Geschäftsführer von Goldeimer sind angestellt und keine Gesellschafter. "Ich kann davon gut leben", sagt Manthey. "Wir verstehen uns als social business - das heißt, die Arbeit, die geleistet wird, wird fair bezahlt." Doch es gab Startschwierigkeiten. "Wir mussten alles von der Pike an lernen, da sich in Deutschland noch keiner so professionell mit diesem Thema beschäftigt hat. Es gibt viele Reglementierungen - und auch in der Steuer sind wir ein Sonderfall, das ist alles anstrengend."

"Nie ans Aufhören gedacht"

Auch die Entsorgung der Exkremente sei nicht einfach, denn wegen der Sägespäne könne es in keine Kläranlage. Und nicht alle Kompostierungsanlagen nehmen menschlichen Unrat an. "Es gibt immer Sachen, die im Wege stehen und es ist schwer, sich in einem durchkapitalisierten Markt zu bewegen", sagt Manthey, "und Geld ist natürlich auch immer ein Problem. Wir haben zwar den Investor, aber auch da müssen die Zahlen stimmen." Doch ans Aufhören haben die jungen Unternehmer nicht gedacht. "Wir kriegen so viel Rückenwind von Kunden und Partnern für das Projekt, das bringt viel Motivation."

Flatrate fürs "große Geschäft"

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Vor allem Mädels freuen sich über saubere Toiletten.

Am dritten von insgesamt fünf Tagen des Open Flair haben schon rund 100 Camper eine Flatrate, also eine Dauerkarte für die Kompost-Toilette. Eine gute Zwischenbilanz, findet Julian Zimmermann, der schon das zweite Jahr freiwillig bei Goldeimer mitarbeitet und sich selbst schon neckisch als "Praktikant" bezeichnet. "Festivalbesucher sind offen für Neues. Sie sind zugänglich für das Thema, aber vielen muss man es erst bewusst machen", erzählt der 23-jährige Kieler. Den Kunden scheinen die unkonventionellen Örtchen zu gefallen: Es herrscht reger Betrieb auf den Goldeimern, zwei Euro für einmal und 16 Euro für die Flatrate bezahlen die Klogänger ohne Zögern.

"Menschen machen sich keine Gedanken um ihre Ausscheidungen", sagt Zimmermann und muss lachen, "aber das ist auch so ein bisschen unser Bildungsauftrag." Denn die Toiletten sind in Wirklichkeit ein kleiner Teil eines großen Ganzen: Es gehe darum, das Bewusstsein über menschliches Wirken auf die Umwelt zu stärken und auf unkonventionelle Weise für Nachhaltigkeit zu werben.  

Von Grenzerfahrungen und Mundschutz

Die Anfänge waren gewöhnungsbedürftig, erinnert sich Manthey. "Die ersten Male Scheißekippen war eine Grenzerfahrung", sagt er und der Gedanke schaudert ihm sichtlich. "Man hat tonnenweise Kacke, die man mit sich rumschleppt, und es stinkt abartig. Mittlerweile sind wir aber abgehärtet, vergessen auch mal den Mundschutz", fügt er hinzu und lacht, halb angeekelt über seine eigene Aussage. Aus den ersten vier Toiletten sind bis jetzt 60 geworden, über die Jahre haben die Studenten die Konstruktion perfektioniert: Während die Prototypen noch schwer und sperrig waren, sind die aktuellen leichter und per Stecksystem einfach aufzustellen. Gebaut werden sie in fleißiger Handarbeit mit Freunden in der Werkstatt in Kiel.

Als Spülung könne alles biologische wie Asche oder Sand herhalten. "Wir benutzen Sägespäne, weil sie im Baumarkt gut verfügbar sind und die Gerüche gut abdecken", erläutert Manthey. Der Unrat wird anschließend deutschlandweit entsorgt, entweder bei Kompostierungsanlagen oder Universitäten, die mit den Exkrementen forschen.

Vision: Entwicklungshilfe

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"Quatsch mich nicht voll. Geh kacken!" Mit einem derben Spruch wirbt Goldeimer für ihre Komposttoiletten.

Eines der schönsten Erlebnisse für Zimmermann ereignete sich vergangenes Jahr auf dem gleichen Festival. "Hier haben sich zwei Gruppen kennengelernt und besiegelten ihre Freundschaft durch gemeinsames Scheißen", erzählt er und grinst, "und daraus ist der Fanclub 'Stuhlkreis' entstanden. Sie haben sogar Sticker, Videos und Lieder über unsere Toiletten gemacht." Er nippt an dem Bier, mit dem die Nachbarn vom Bierstand ihre Stuhlgänge bezahlen. Mittlerweile kenne man sich. Aber neben Menschenzusammenführung und Erleichterung der Notdurft hätten die Jungs größere Ziele mit Goldeimer, erklärt Manthey.

"Dadurch, dass das Projekt wächst, wächst auch das Interesse. In Zukunft möchten wir weitere Forschungsprojekte unterstützen, die das Abfallprodukt als biologischen Dünger weiterverarbeiten", sagt der 25-Jährige. "Und wir möchten mehr in der Bildung aktiv werden, in Unis Seminare geben. Festivals sind unser Kerngeschäft, aber die Vision ist Entwicklungshilfe - damit Menschen in armen Ländern auch stationäre Toiletten bekommen, die ökologisch sind und es ihnen möglich macht, ihren Unrat für die Landwirtschaft zu nutzen."

 

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