Stand: 26.05.2017 17:00 Uhr

Sinnsuche treibt viele in den Salafismus

von Anne Passow

Menschen, die vorher nicht viel mit Religion zu tun hatten und plötzlich mit langem Bart und Gewand oder Kopftuch herumlaufen: Seit wenigen Jahren wenden sich auch in Schleswig-Holstein immer mehr junge Leute dem Salafismus zu. Es ist die islamistische Strömung, die am rasantesten wächst. 2016 gab es laut Verfassungsschutz 370 erfasste Salafisten im Land. Zwei Jahre zuvor waren es noch rund 230. Das ist immerhin eine Steigerung von rund 60 Prozent. Die Dunkelziffer der Menschen, die mit der Ideologie des Salafismus sympathisieren, ist wohl weitaus höher, vermutet Tobias Meilicke von der Beratungsstelle PROvention in Kiel.

Eltern, Lehrer und Flüchtlingshelfer kommen

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Tobias Meilicke von PROvention und seine Kollegen haben bisher mehr als 50 Menschen beraten.

Anfang 2015 wurde diese Anlaufstelle gegründet - weil die islamistische Strömung immer mehr Anhänger fand. Finanziert wird sie vom Landesprogramm zur Vorbeugung und Bekämpfung von religiös motivierten Extremismus. Das Beraterteam von PROvention versucht, Salafisten beim Ausstieg zu helfen und deren Familien zu unterstützen. Seit Bestehen der Stelle sind etwas mehr als 50 Menschen beraten worden. Meist sind es Eltern, die besorgt sind, dass ihr Sohn oder ihre Tochter in den Salafismus abrutscht. Aber es kommen auch Lehrer und Flüchtlingshelfer. Und manchmal auch Salafisten selbst, die aussteigen wollen.

Suche nach Gemeinschaft und Struktur

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Auf einer Diskussionsveranstaltung in der Kieler Sparkassenakademie im März berichtet Dominic Schmitz (r.) von seinen Erfahrungen mit dem Extremismus. Auch Ex-Neonazi Philip Schlaffer (l.) kommt hier zu Wort.

Einer der ausgestiegen ist und darüber öffentlich spricht ist Dominic Schmitz. Der 29-Jährige konvertierte mit 17 Jahren zum Islam. Seine Eltern hatten sich getrennt, er schwänzte oft die Schule, kiffte und suchte einen Sinn. Ein Freund brachte ihn mit der Religion in Kontakt - und Schmitz landete in der salafistischen Szene, gründete mit anderen Salafisten sogar eine Moschee in Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen). "Dieses Gefühl: Ich bin Anhänger der wahren Religion, das war toll, das geht gar nicht krasser", erinnert er sich im März auf einer Fachtagung in Kiel. Endlich war er in einer Gemeinschaft, hatte feste Regeln und Strukturen im Alltag, einfache Antworten auf seine Sinnfragen.

Um Religion ging es den Extremisten am wenigsten, sagt Berater Tobias Meilicke. "Die meisten suchen Geborgenheit, Gemeinschaft, Halt, feste Strukturen, im gewissen Sinne auch eine Abgabe von Verantwortung ihres eigenen Lebens, mit dem sie vielleicht überfordert sind." Der Salafismus gibt ihnen genau das. Doch er engt auch ein.

Ausstieg mit 23 Jahren

Dominic Schmitz kamen irgendwann Zweifel. Zum Beispiel daran, dass Frauen nicht so viel gelten sollten wie Männer, dass Homosexualität eine Sünde sein sollte, dass man "Ungläubige" hassen musste, dass Dominic Schmitz als Salafist keine Sympathie für einen seiner früher besten Freunde empfinden durfte. "Sie sagen dir: Du musst so handeln, wie ich es sage, du musst so denken, wie ich es sage und sogar: Du musst so fühlen, wie ich es sage." Sein Weg aus dem Salafismus hinaus war ein langer Prozess. Erst 2010, mit 23 Jahren, schaffte er den Ausstieg endgültig.

Hilfe auch bei praktischen Dingen

Land gibt mehr Geld

Laut dem Verfassungsschutzbericht 2015 gab es 2014 etwa 360 Islamisten in Schleswig-Holstein. 2015 waren es 370. Davon waren 2014 etwa 230 Leute als Salafisten erfasst, 2015 waren es 300 und 2017 berichtete der  Verfassungsschutz-Chef Dieter Büddefeld von 370 Salafisten im Land. Der Salafismus ist die islamistische Strömung, die am rasantesten wächst - auch in Schleswig-Holstein. Deshalb hat das Land hat die Mittel für sein Landesprogramm zur Vorbeugung und Bekämpfung von religiös motivierten Extremismus 2017 deutlich hochgeschraubt. Der Etat beträgt jetzt 490.000 Euro im Jahr. Davon können unter anderem die Beraterstellen bei PROvention aufgestockt werden - von 4,5 auf 7,5 Stellen. Davon ist eine Stelle aber noch unbesetzt. Derzeit teilen sich neun Mitarbeiter die vorhandenen Stellen auf.

Quellen: Jan Rodenbeck, Landeskoordinierungsstelle gegen religiös motivierten Extremismus und Thomas-Michael Kassun, Geschäftsführer Landespräventionsrat Schleswig-Holstein

Nicht immer gelingt das. Schließlich sind die Verbindungen zu den anderen Salafisten in der Gruppe stark. Und es ist schwer, sich einzugestehen, dass man jahrelang einen Weg gegangen ist, hinter dem man nun nicht mehr steht. Tobias Meilicke erlebt das in seiner Beratungsstelle täglich. Und selbst wenn man es geschafft hat, sich loszulösen, müssen noch ganz praktische Dinge klappen. "Junge Menschen, die in der salafistischen Szene waren, haben sich selten auf die Schule konzentriert. Das heißt, wir müssen hier auch darüber reden: Wie kriegen wir Schulabschlüsse hin? Wie kriegen wir eine Ausbildung hin?", sagt er.  Auch sonst sei es sehr wichtig, den Aussteigern dabei zu helfen, sich ein neues soziales Umfeld aufzubauen, damit sie nicht zurückfallen.

Salafisten werben gezielt bei Flüchtlingen

Neue Anhänger sucht die Szene neuerdings laut Meilicke auch ganz gezielt unter Flüchtlingen. Die anfängliche Orientierungslosigkeit von ihnen nutze die Szene aus. Das sei auch mit ein Grund, warum die Zahl der Salafisten 2015 - mit dem großen Flüchtlingsstrom - so stark angestiegen sei.

Die Rekrutierung neuer Mitglieder läuft oft über neue Anhänger, die in ihrem sozialen Umfeld werben. Und über das Internet. Seit YouTube und Facebook verstärkt gegen Salafisten und Islamisten auf ihren Seiten vorgehen, werben die Extremisten laut Meilicke zum Beispiel über speziell verschlüsselte Messengerdienste.

Das wirkt widersprüchlich, berufen sich die Salafisten doch auf den aus ihrer Sicht ursprünglichen und unverfälschten Islam des Mittelalters. Moderne Kommunikationstechniken gab es da noch nicht. Doch Aussteiger Schmitz berichtet, er habe in seiner Zeit als Salafist öfter erlebt, wie "Wasser gepredigt und Wein getrunken" worden sei.

Definitionen

  • Islamismus

    Unter "Islamismus" versteht man einen politischen Extremismus, der sich auf den Islam beruft. Islamisten sehen in den Geboten des Islam also Handlungsanweisungen für eine islamistische Staats- und Gesellschaftsordnung. Sie sagen, alle Staatsgewalt könne ausschließlich von Gott (Allah) ausgehen. Religion und Staat sollen also nicht getrennt werden. Damit richten sich islamistische Bestrebungen gegen die Wertvorstellungen des deutschen Grundgesetzes, wie Individualität, Menschenrechte oder Pluralismus.

  • Salafismus

    Der "Salafismus" ist eine ultrakonservative Strömung des Islam. Er will zu den Wurzeln des Islams zurückkehren und bezieht sich auf die Gesellschafts- und Religionsvorstellungen der ersten drei Generationen der Muslime nach dem Propheten Mohammed. Die "heiligen Schriften" des Koran und der Sunna sollen also nicht neu interpretiert, sondern wortwörtlich genommen werden. Diese Einstellung bringen Salafisten auch in ihrem Erscheinungsbild und Kleidungsstil zum Ausdruck: Zum Beispiel tragen sie gerne lange Bärte oder knöchellange Gewänder. Ziel der Salafisten ist es, Staat, Rechtsordnung und Gesellschaft nach einem salafistischen Regelwerk umzugestalten. Am Ende wollen sie einen "islamischen Gottesstaat" errichten. Die demokratische Grundordnung in Deutschland lehnen Salafisten somit ab.

  • Dschihad

    Der "Dschihad" stellt als eines der Grundgebote des islamischen Glaubens und eine allen Muslimen auferlegte Pflicht ein wichtiges Glaubensprinzip des Islam dar. Die islamische Tradition kennt den "kleinen Dschihad" und den "großen Dschihad". Der "große Dschihad" ist friedlich. Er bezeichnet das individuelle Bemühen um das richtige religiöse Verhalten gegenüber Gott und den Mitmenschen. Der "kleine Dschihad" ist kriegerisch. Er beschreibt den gewalttätigen Kampf zur Verteidigung und Ausweitung des Herrschaftsgebiets des Islam. Dschihadistische Islamisten berufen sich ausschließlich auf den "kleinen Dschihad". Gewalttaten werden für sie durch den Islam gerechtfertigt.

    Quellen: Material vom Bundesamt für Verfassungsschutz, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.05.2017 | 17:00 Uhr

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