Stand: 21.10.2017 13:00 Uhr

"Rescue Days": Leben retten weltweit

von Astrid Wulf

Die Unfallstelle sieht täuschend echt aus: Ein altes, rotes Feuerwehrauto steht mit einem Vorderreifen auf der zerborstenen Frontscheibe eines Kleinwagens. Der Fahrer darunter, zum Glück nur ein Dummy, wurde eingequetscht. Um dieses Chaos haben sich etwa 15 Feuerwehrleute versammelt, unter ihnen Patricia Paulsen aus Teneriffa. Die 32-Jährige will sich bei der Ausbildungsmesse "Rescue Days" in Schwarzenbek (Kreis Herzogtum Lauenburg) für ihren Job bei der Freiwilligen Feuerwehr in Adeje, einer Stadt auf der kanarischen Insel, fit machen. "Es gibt koa richtig und koa falsch", sagt der Ausbilder im breiten Wienerisch und nickt den Teilnehmern aufmunternd zu. Sie sollen sich einteilen und die Unfallwagen für die Bergung stabilisieren.

Freiwillige Feuerwehr? Das finden Patricias Freunde auf den Kanaren seltsam

"So etwas haben wir Gott sei Dank nicht so oft auf der Insel", sagt die Feuerwehrfrau mit den dunklen Locken. "Eher Pkw gegen Pkw. Aber man lernt immer was". Die 32-jährige Hotelmanagerin mit österreichischen Wurzeln ist schon seit 17 Jahren in der Feuerwehr aktiv. "Mein Vater hat sie mitgegründet", erzählt sie, während sie Holzblöcke unter die Reifen des zerstörten Autos schiebt. Ihre Freunde und Kollegen können nicht verstehen, warum sie sich das antut: "Die Leute fragen oft, ob ich verrückt sei - ohne Bezahlung nachts um drei aufzustehen für einen Einsatz." Freiwillige Feuerwehrleute seien auch nicht so angesehen wie beispielsweise in Deutschland. "Die Leute glauben nicht, dass du professionell bist oder dass du weißt, was du tust."

Axels Erfahrung: In Amerika gelten Feuerwehrleute als Helden

Auf dem Schul- und Sportgelände an der Buschkoppel lernen die Feuerwehrleute die neuesten Rettungstechniken unter realistischen Bedingungen. Dafür werden an diesem Wochenende 150 Autos, mehrere Busse und Lastwagen aufgehebelt, zerbogen und zerschnitten. Axel Rose sucht seine Übungsstation - ein Auto, das gegen einen Baum geprallt ist. Der Feuerwehrmann aus Schwarzenbek lebt seit einigen Monaten im amerikanischen Bundesstaat North Dakota und ist nun dort bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. "Wenn ich dort mit meinem Feuerwehr-Shirt rumlaufe, werde ich beim Supermarkt vorgelassen. Dass man mitten auf der Straße sagt: Vielen Dank, dass du das machst - das erlebt man in Deutschland eigentlich gar nicht."

Viel Nachholbedarf für Rettungskräfte in Kenia und Ungarn

Die Sporthalle der Schule an der Schwarzenbeker Buschkoppel wurde für die große Ausbildungsveranstaltung kurzerhand zum Cateringsaal umfunktioniert. Viele Sprachen sind zu hören - von Arabisch über Spanisch bis Japanisch. Kipkirni Langnat hat sich einen Kaffee geholt. Der Chef der Behörde für berufliche und technische Ausbildung in Kenia erzählt von seinem Plan: Er will ein Ausbildungszentrum in dem afrikanischen Land auf die Beine stellen. Die Feuerwehrleute dort seien einfach zu alt, die jüngeren schlecht ausgebildet, so Langnat. Auch in Ungarn hätten die Feuerwehrleute andere Probleme als fehlende Anerkennung, sagt Szemlits Gyula. "Wir haben ungefähr zehn bis zwanzig Jahre Verspätung in diesem Thema, zum Beispiel bei Fahrzeugen, bei Taktik und bei Technik." Seit den Zeiten des Kommunismus habe das Land die Entwicklung in Sachen Rettungstechnik verschlafen, sagt der Feuerwehrmann.

Feuerwehrleute auf der ganzen Welt: Eine große Gemeinschaft

Draußen macht sich bei den Teilnehmern der Unfallübung Erleichterung breit. Patricia Paulsen und die Kollegen haben es geschafft - die Unfallwagen stehen stabil. Beim Besuchertag am Sonntag ab 11 Uhr zeigen die Teilnehmer noch bei einem spektakulären Massenunfall, was sie gelernt haben. Patricia hofft, noch viele Kameraden aus anderen Ländern zu treffen. Schließlich seien Feuerwehrleute auf der ganzen Welt wie eine große Familie. "Egal, wo man ist: Wenn man als Feuerwehrmann eine Wache findet, ist alles ok", sagt Patricia lachend. "Man kann nie verloren gehen."

Rund 800 Feuerwehrleute bei den "Rescue Days"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 21.10.2017 | 16:40 Uhr

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