Stand: 23.04.2017 10:47 Uhr

Protest auf hoher See gegen Angelverbot

von Astrid Wulf

Ein tiefes Dröhnen schallt über die Ostsee. Willy Lüdtke drückt die Hupe seines Kutters "MS Südwind", mehrere Schiffe hupen zurück. Etwa zehn von ihnen nehmen gemeinsam Kurs auf Heiligenhafen. Im Mast oder auf dem Schiffsrumpf sind auffällige Banner mit der Aufschrift "Nein zum Angelverbot!" angebracht. Dieser Protest ist ein Zeichen gegen die Fangbeschränkungen, die den Freizeitanglern vor der Ostsee bereits jetzt den Spaß vermiesen - und gegen ein drohendes, grundsätzliches Angelverbot für Freizeitangler im Fehmarnbelt.

Umsätze der Angeltourenanbieter brechen ein

Der Kapitän steht am Steuerrad und blickt konzentriert auf die Wellen. Gleich wird er an einer Stelle halt machen, in der erfahrungsgemäß viele Dorsche zu holen sind - an Bord hat Lüdtke etwa 15 Freizeitangler, die an diesem sonnigen und stürmischen Tag auf einen guten Fang hoffen. Der Fehmaraner vertritt mit seinem Verband der Hochseeangelschiffbesitzer 30 Kutter-Kapitäne. Bereits die bestehende Fangbeschränkung habe die Umsätze der Freizeitangelkutter massiv einbrechen lassen, sagt er. Um die strapazierten Dorschbestände zu schonen, dürfen Freizeitangler seit Jahresbeginn am Tag nur fünf Dorsche fangen, in der Schonzeit sogar noch weniger. Für viele Angler würde sich seitdem ein Ausflug mit der "MS Südwind" nicht mehr lohnen. "Ich habe 30 Prozent weniger Buchungen, bei Kollegen sind es sogar 70 Prozent."

Geplantes Angelverbot für den Naturschutz

Wenn das von der Bundesregierung geplante grundsätzliche Angelverbot für Freizeitfischer im Fehmarnbelt kommt, sieht Lüdtke schwarz. "Das würde bedeuten, dass kaum noch Angler kommen und wir unser Geschäft zumachen müssen." Es gebe zwar alternative Routen rund um das Gebiet, das unter besonderen Schutz gestellt werden soll. Lüdtke will seine Tour allerdings nicht ändern. "Das ist unser bestes Gebiet, und das wissen die Angler auch." Hintergrund der geplanten Verordnung: Bereits 2004 hat Deutschland den Fehmarnbelt bei der EU als "Fauna Flora Habitat" und somit als besonders schützenswertes Gebiet ausgewiesen. Nun sollen die Konsequenzen folgen, das Bundesumweltministerium will den Bereich unter Naturschutz stellen und das Freizeitangeln verbieten.

Mit dem Kutter-Korso gegen das Angelverbot

Freizeitfischer wollen handfeste Argumente aus der Politik

An Bord der "MS Südwind" fährt Lars Wernicke mit, er veranstaltet die Demo mit. Er fühlt sich als Freizeitangler ungerecht behandelt, kann die strikten Beschränkungen und vor allem das geplante Angelverbot nicht nachvollziehen. "Wenn ich mit meinem 50-Gramm-Köder an der Angel angeblich Natur zerstöre, dann frage ich mich, warum das der Berufsfischer mit dem Schleppnetz nicht tut." Während der Podiumsdiskussion stellen sich Politiker den Fragen und Vorwürfen der Angler. SPD-Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn begründet das geplante erbot damit, dass die Riffe im Fehmarnbelt besonders geschützt werden müssen, sie seien schließlich die Kinderstube für die Dorsche. Christel Happach-Kasan, Präsidentin des Deutschen Angelfischerverbandes (DAFV), gibt sich mit der Antwort nicht zufrieden: "Ein Angelhaken hat nie die Potenz, auf irgendeine Weise die Riffe zu schädigen." Ein Verbot sei gar nicht nötig, sagt auch der Bundestagsabgeordnete Ingo Gädechens von der CDU. "Die FFH-Richtlinie sieht nicht vor, dass ein Naturschutzgebiet mit einem Verbot für Freizeitfischerei belegt werden muss."  Selbst Wissenschaftler Harry Strelow vom Thünen-Institut für Ostseefischerei sieht keinen Sinn darin, den Freizeitfischern das Angeln zu verbieten. Die bereits geltende Fangbeschränkungen, hält er allerdings für sehr sinnvoll. Nur so könnten sich die massiv eingebrochenen Dorschbestände erholen.

Freizeitangler weichen auf andere Angelgebiete aus

Die Ostsee habe für Freizeitangler bereits stark an Attraktivität verloren, sagt ein Freizeitangler aus Bayern an Bord der "MS Südwind". Viele würden in andere Angelgebiete fahren, die ihnen mehr Freiheiten versprechen. "Wenn ich schon die Strecke in den Norden fahre, machen mir ein paar Kilometer mehr nichts aus - dann fahre ich gleich nach Dänemark oder Norwegen weiter", sagt der Freizeitangler. Gerade für die Angler im Süden Deutschlands sei auch die italienische Po-Gegend attraktiv.

Das Angelverbot soll kommen

Auch wenn Kutterbetreiber Willy Lüdtke spürt, dass die Angler auf seinen Touren immer weniger werden, will er weiter gegen das drohende Angelverbot kämpfen und fordert Antworten aus der Politik. Für SPD-Politikerin Hagedorn ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis das Angelverbot gilt: "Die Verordnung wird zeitnah kommen." Für den Kapitän sei es halb so schlimm, er gehe nächstes Jahr in Rente: "Mir tut es um die jüngeren Kollegen leid."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 23.04.2017 | 08:00 Uhr

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