Stand: 07.06.2015 10:10 Uhr

Pinneberg: Urnenwald-Gegner stiftet Unfrieden

von Susann Penack
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Die Schleswig-Holsteinischen Landesforste müssten wirtschaftlich denken, sagt Klaus-Dieter Schmidt. Dazu gehöre auch die Einrichtung von Urnenbestattungswäldern.

"An so einen Biotop-Baum kommen mit der Zeit zwölf Urnen.“ Klaus-Dieter Schmidt lehnt mit dem Rücken an einer dicken Eiche. "Zwölf Beisetzungsplätze, angedacht in zwei Kreisen um den Baum“, erklärt der Revierförster. Bis zu 500 Menschen sollen so künftig pro Jahr im Kummerfelder Gehege bestattet werden. Mit einer Fläche von rund 80 Hektar könnte hier einer der größten Urnenwälder Deutschlands entstehen. Für die Landesforste Schleswig-Holstein, denen der Wald gehört, ist das Vorhaben auch wirtschaftlich interessant. Schmidt hat lange für die Idee gekämpft. "Wir sind als Schleswig-Holsteinische Landesforste gehalten, möglichst wirtschaftlich zu denken. Es gibt bei uns im Wald nicht nur die Holzwirtschaft, sondern wir haben auch andere Geschäftsfelder. Und so profan es klingt - auch ein Urnenbestattungswald zählt dazu."

Impressionen aus dem Ruheforst

Immer mehr interessieren sich für die Friedhof-Alternative

Ein Urnengrab im Ruheforst Kummerfeld soll zwischen 500 und 2.000 Euro kosten. Je nachdem, ob als letzte Ruhestätte eine mächtige Eiche oder ein junger Baum gewählt wird. Die Grabpflege übernimmt die Natur. Im Vergleich zu einer Bestattung auf dem Friedhof sind Aufwand und Kosten deutlich geringer - zwei Gründe, weshalb sich immer mehr Menschen für eine Bestattung in einem Urnenwald interessieren. Doch es gibt auch regen Widerstand: Andreas Morgenroth, Landschaftsplaner und Friedhofsberater aus Hamburg, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Verbreitung von Urnenwäldern zu stoppen - auch in Kummerfeld. Fast täglich besucht er den Wald. "Also hier kommt mir das so vor, als ob hier schon eingegriffen wurde“, sagt Morgenroth und zeigt auf die frischen Späne, die auf dem Waldboden verstreut sind. "Und das ist offensichtlich eine Zufahrt, die mit Betonschotter neu angelegt wurde." Ein Urnenwald in Kummerfeld ginge auf Kosten der Natur - davon ist Morgenroth überzeugt. Und er sieht auch eine Gefahr für den Menschen: "Wenn Sie sich jetzt hier umgucken - es ist keiner da außer uns", sagt Morgenroth und lauscht in den Wald. "Was ist, wenn einer Oma was passiert auf dem Gang zum Grab? Was ist, wenn sie stürzt bei diesen Verhältnissen hier im Wald?“

Gefährliche Totenasche?

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Der Landschaftsplaner und Friedhofsberater Andreas Morgenroth will die Verbreitung von Urnenwäldern stoppen.

Besonders umstritten ist eine These, mit der Morgenroth bereits bundesweit Schlagzeilen gemacht hat. Er ist überzeugt, dass mit der Totenasche giftige Schwermetalle in den Waldboden gelangen, die das Grundwasser gefährden. Dabei beruft er sich auf Laboruntersuchungen, die bei der DEKRA in Auftrag gegeben wurden: "Es wurde festgestellt, dass Aschen mit Chrom VI belastet sind. Chrom VI gehört nun gar nicht in den Wald. Chrom VI ist bekannt als krebserregend, als erbgutverändernd. Es darf auf gar keinen Fall ins Wasser gelangen." Tatsächlich können sich im Laufe eines Lebens Schwermetalle im Körper anreichern oder durch den Verbrennungsprozess im Krematorium entstehen. Von der Asche geht jedoch trotzdem keine Gefahr für den Wald und das Wasser aus - Wissenschaftler der Uni Freiburg haben das jüngst untersucht. Die Forstwissenschaftler nahmen Bodenproben in einem Urnenwald und stellten fest: Durch die verhältnismäßig geringe Menge an Kremationsasche je bestatteter Urne (etwa drei Kilogramm) und die geringe Grabdichte in einem Urnenwald seien die Risiken "äußerst gering".

Wo ein Baum, da kein Grabstein

Auch Klaus-Dieter Schmidt von den Landesforsten Schleswig-Holstein bezeichnet die Anschuldigungen des Landschaftplaners als absurd. "Man darf nicht glauben, dass das Land hier eine eigene Fläche vergiften lässt, nur um Geld einzunehmen." Schmidt vermutet hinter der Kritik ein wirtschaftliches Interesse, denn Morgenroth steht in enger Verbindung zum Verband deutscher Naturstein-Verarbeiter, also den Steinmetzen und Produzenten von Grabsteinen, die mit klassischen Friedhöfen viel Geld verdienen - mit Urnenwäldern aber nicht. Denn dort gibt es keine Grabsteine. Kleine Plaketten an den Bäumen markieren die Ruhestätte. Morgenroth versichert, es stecke ein "rein kulturelles Interesse" hinter seine Arbeit. Er bezeichnet den Trend zum Urnenwald als bedauerlichen Wandel der Friedhofskultur.

In Kummerfeld stehen noch letzte Gutachten aus, doch den Urnenwald wird Morgenroth nicht mehr verhindern können, da ist sich Schmidt von den Landesforsten sicher. Noch in diesem Jahr soll die erste Beisetzung stattfinden - unter einem Baum, ganz ohne Grabstein.

Ein Kreuz steht in einem Wald.

Urnengräber: Streit um Friedhof-Alternative

Markt -

Bei Pinneberg soll ein großer Waldfriedhof entstehen - wie üblich ohne Grabsteine. Doch es gibt Widerstand. Einer der Gegner hat enge Verbindungen zu Produzenten von Grabmalen.

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 08.06.2015 | 20:15 Uhr