Stand: 13.04.2017 05:00 Uhr

Nach der Flucht den Anschluss finden

von Anne Passow

Das Telefon klingelt, Setareh Jamshidi greift zum Hörer. "Im Moment ist der Chef nicht da. Er kommt heute Mittag wieder", erklärt sie der Kundin. Am Telefon sprechen - das ist bis heute nicht ganz einfach für Setareh Jamshidi. "Wenn die Leute hier im Laden stehen, sehen sie, dass ich Ausländerin bin und sprechen langsam. Am Telefon ist das schwieriger", erklärt die 31-Jährige. Setareh ist Iranerin, flüchtete im Januar 2015 aus Teheran nach Schleswig-Holstein und arbeitet seit August letzten Jahres als Badplanerin und -verkäuferin bei einer Firma in Elmshorn (Kreis Pinneberg).

Schwerer Start in den Arbeitsmarkt

Mehr Männer als Frauen in Jobs

Sie gehört zu den wenigen Frauen, die mit der großen Flüchtlingswelle gekommen sind und den Sprung in den Arbeitsmarkt bereits geschafft haben. Rund 15.200 Frauen - und knapp doppelt so viele Männer (rund 29.800) - kamen laut Innenministerium 2015/2016 als Asylsuchende nach Schleswig-Holstein. Nur rund 170 Frauen aus den acht hauptsächlichen Fluchtländern (siehe Kasten) konnte die Bundesagentur für Arbeit in diesem Zeitraum Arbeit vermitteln. Die Zahl der vermittelten Männer ist mit 1.440 etwa acht Mal höher.

Eine andere Religion gilt fast als kriminell

Setareh hat den Weg erstaunlich schnell gemeistert: Von einer Frau, die geflüchtet ist und kein Wort Deutsch sprach - zu einer Arbeitnehmerin mit guten Sprachkenntnissen. "Der Grund dafür ist sicher auch, dass ich alleine geflüchtet bin", sagt sie. Dabei hatte sie eigentlich ein gutes Leben im Iran. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Architektin und Englischlehrerin in Teheran. Dann aber entschloss sie sich, Christin zu werden. "Jemand der die Religion wechselt, gilt als ungläubig, fast als kriminell", berichtet sie. Die junge Frau musste sich entscheiden, ihren neuen Glauben zu verleugnen oder zu gehen. Deutschland kannte sie schon als Touristin. Und so wurde ihr einstiges Reiseland plötzlich ihr neues Zuhause.

Bäder planen und verkaufen

Vom Erstaufnahmecamp in Neumünster landete sie bald in einer kleinen Wohnung in Wilster (Kreis Steinburg). In einem offiziellen Deutschkurs bekam sie nie einen Platz. Sie lernte mit einem Internetprogramm und mit Hilfe einiger engagierter Wilsteraner. Täglich büffelte sie Vokabeln und Grammatik. "Ich habe gedacht, ich bin schon über 30 und fange wieder von null an. Ich habe keine Zeit", erinnert sie sich. Sie wollte wieder als Architektin arbeiten, überlegte, nochmal zu studieren, um in Deutschland Fuß zu fassen. Eine ihrer neuen Freundinnen aus Wilster vermittelte sie aber schließlich über einen Kontakt an die Firma Wulff in Elmshorn. Der Chef, Norbert Böhlke, wollte die junge Architektin gerne in seinem Team aufnehmen. "Es war ein Bauchgefühl, es passte einfach", sagt er. Setareh begann zwar nicht als Architektin, aber neben dem Verkaufen von Bädern plant sie diese auch und kann so ihre Kenntnisse anwenden.

Nur etwa ein Drittel mit Abschluss

Viele der geflüchteten Frauen, die nach Schleswig-Holstein kommen, haben viel schlechtere Chancen auf einen Job als Setareh Jamshidi, weil sie keine abgeschlossene Ausbildung haben. "Es gibt viele Frauen, die einige Jahre in der Schule waren, die dann früh Kinder bekommen haben und zuhause geblieben sind", sagt Arne Krasemann vom Jobcenter Kiel. Tatsächlich konnten laut der Bundesagentur für Arbeit im Februar 2017 nur etwa ein Drittel der in Schleswig-Holstein als arbeitslos gemeldeten geflüchteten Frauen überhaupt einen Abschluss vorweisen (siehe Kasten).

Zahlen zu geflüchteten Frauen

Frauen sind unter den Geflüchteten in der Minderzahl. "In Schleswig-Holstein gehen wir von knapp 70 Prozent Männern und gut 30 Prozent Frauen aus", sagt Arne Krasemann vom Jobcenter Kiel. Während zu Beginn der Flüchtlingswelle vor allem Männer gekommen seien, kämen nun jedoch verstärkt die Frauen und Familien nach, sagt Edibe Oğuz vom IQ Netzwerk in Kiel. Laut der Arbeitsagentur aus dem Norden waren im Februar 2017 rund 2.470 geflüchtete Frauen in Schleswig-Holstein als arbeitslos gemeldet. Der größte Teil von ihnen ist laut Arbeitsagentur zwischen 25 und unter 35 Jahren alt, also in einem Alter, das für den Arbeitsmarkt interessant ist. Doch viele Frauen kommen ohne Schulabschluss. Das ist bei 31 Prozent der im Februar 2017 als arbeitslos gemeldeten geflüchteten Frauen der Fall. 33 Prozent können einen Abschluss vorweisen, 19 Prozent von ihnen haben eine Hochschulreife. Bei etwa 35 Prozent liegen keine genauen Angaben zum Abschluss vor. Die Angaben der Arbeitsagentur beziehen sich auf die acht relevanten, nichteuropäischen Herkunftsländer Syrien, Irak, Afghanistan, Iran, Eritrea, Somalia, Pakistan und Nigeria.

Zukunft als Industrieelektrikerin

Helwa Osko kann einen Abschluss vorweisen. Die Syrerin ist Elektroingenieurin. Als der Krieg kam, flüchtete erst ihr Mann aus Qamischli im Norden Syriens nach Schleswig-Holstein. Vor zweieinhalb Jahren kam Helwa mit den drei Kindern nach. Sie wollte schnell wieder arbeiten. "Das wichtigste war, erstmal Deutsch zu lernen", sagt sie. Zügig machte sie diverse Deutschzertifikate. Nun ist sie kurz davor, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Seit letztem April macht Helwa Osko bei der Technischen Akademie Nord eine Umschulung zur Industrieelektrikerin. In einer hohen Werkshalle der Firma Caterpillar in Kiel sitzt die 39-Jährige vor einem Schaltkreis, legt verschiedene Schalter um und erklärt: Der Schaltkreis simuliert eine Tür vor einer Sandstrahlanlage, die nur dann eingeschaltet werden kann, wenn die Tür geschlossen ist. 

Deutscher Arbeitsmarkt ist Neuland

Helwa Osko ist eine der geflüchteten Frauen, die erst mal eine Umschulung oder Ausbildung machen, um in den Arbeitsmarkt zu kommen. Rund 3.700 Frauen haben laut der Bundesagentur für Arbeit in den vergangenen zwei Jahren an Qualifizierungsmaßnahmen teilgenommen - im Vergleich dazu waren es in diesem Zeitraum rund 13.000 Männer. Denn auch für ausgebildete Frauen sei es schwierig, im deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, sagt Edibe Oğuz vom IQ Netzwerk in Kiel, das Geflüchteten bei der Berufsorientierung hilft. "Vielen Frauen fehlen ihre Unterlagen über die Abschlüsse in ihrem Herkunftsland. Wenn die dann mit Mitte 30 hören, sie müssten nochmal ein paar Jahre studieren, entmutigt das viele", sagt sie. Und selbst mit Unterlagen werden viele ausländische Berufsabschlüsse nicht anerkannt. "Wir haben zum Beispiel viele Lehrerinnen, bei denen das der Fall ist", sagt Oğuz. Außerdem konkurrieren die Flüchtlinge mit den deutschen Arbeitnehmern, die das System hierzulande kennen. "Den Geflüchteten müssen wir erst erklären, wie hier alles funktioniert und was man wo beantragen muss", sagt Oğuz.

Elf Stunden pro Tag unterwegs

Helwa Osko, inzwischen anerkannter Flüchtling, hat diese Hürden gemeistert. "Die ersten Wochen hier waren sehr schwer für mich, weil ich nicht so gut deutsch konnte. Ich hatte Angst vor den fremden Leuten. Aber es gab zwei deutsche Kollegen, die haben mich sehr unterstützt", erinnert sie sich. Außerdem hält ihr Mann ihr den Rücken frei, damit sie ihre Umschulung abschließen kann. "Ohne ihn könnte ich das nicht machen", betont Helwa. Im August wird sie fertig und will dann arbeiten - möglichst  in Teilzeit, um ihren Mann zu unterstützen, der ab Mai eine Umschulung macht. Außerdem sind da ja noch ihre Kinder. Im Moment ist die Syrerin mit Hin- und Rückfahrt täglich elf Stunden von ihrem Zuhause in Kiel-Mettenhof weg.

Flüchtlinge: Schritt für Schritt zum Job

  • Welche Leistungen gibt es für Asylsuchende?

    Bis zur Entscheidung über den Aufenthaltstitel erhalten alle geflüchteten Menschen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. In dieser Zeit können diese Menschen Angebote der Agenturen für Arbeit in Anspruch nehmen - zum Beispiel Beratungsangebote, Kompetenzfeststellung oder Sprachkurse.

  • Welche Leistungen gibt es für anerkannte Flüchtlinge?

    Entscheidet das Bundesamt für Migration (BAMF) positiv über den Asylantrag, dann erhalten geflüchtete Menschen zunächst Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II. Neben Geld für Miete und Lebensunterhalt beinhaltet das unter anderem auch die Finanzierung und Vermittlung von Umschulungen, Praktika oder Sprachkursen.

  • Wer hilft geflüchteten Menschen, die Arbeit suchen?

    Die Zentrale Anlaufstelle für geflüchtete Menschen (ZAS) in den Jobcentern berät über alle Belange der Arbeitsmarktintegration und kümmert sich um die Auszahlung von Leistungen. Geflüchtete Menschen unter 25 Jahren werden im Jobcenter für Jugendliche beraten. Das IQ Netzwerk Schleswig-Holstein berät ausländische Fachkräfte mit einer abgeschlossenen Ausbildung oder einer langjährigen Berufserfahrung, die in Schleswig-Holstein leben und arbeiten wollen.

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Kinderbetreuung und niedrigschwellige Ausbildungen

Auch für andere Frauen stellen die Themen Familie und Kinder eine Hürde auf dem Weg in den Beruf dar. "Das fängt schon bei den Integrationskursen an. In Schleswig-Holstein bieten die keine Kinderbetreuung an. Da bleiben viele Frauen weg, die auf ihre kleinen Kinder aufpassen müssen", betont Edibe Oğuz om IQ Netzwerk in Kiel. Neben Kinderbetreuungsangeboten in Integrationskursen plädiert die Berufsberaterin für niedrigschwellige Ausbildungen für die Frauen. Das gibt es bereits im Pflegebereich. "Etwas Ähnliches könnte man auch in der Pädagogik einführen", schlägt Edibe Oğuz mit Blick auf die geflüchteten Lehrerinnen vor. "Dann haben diese Frauen viel schneller einen Zugang zum Job. Und wenn ihre Kinder alt genug sind, können sie überlegen, ob sie sich berufsbegleitend weiterbilden wollen."

Projektmanagerin Bad & Wohnen

Setareh Jamshidi tut das schon jetzt. Inzwischen ist sie - ebenso wie die Syrerin Helwa Osko - anerkannter Flüchtling. Ihr Chef, Norbert Böhlke, investiert in sie, schickt sie bundesweit zu Fortbildungen, damit sie im Mai ihre Prüfung zur  Projektmanagerin Bad & Wohnen mit IHK-Zertifikat macht. Sie freut sich darauf. "Lange habe ich immer versucht, alles in meinem Leben genau zu planen. Das hat irgendwann nicht mehr geklappt. Jetzt gucke ich, was kommt und überlege von Fall zu Fall: Mache ich das oder nicht? Das funktioniert bisher gut", erzählt sie.

Weitere Informationen

Flüchtlinge in Norddeutschland

Viele Flüchtlinge sind in Norddeutschland angekommen. Auf NDR.de finden Sie aktuelle Meldungen und Hintergründe rund um das Thema sowie Informationen speziell für Flüchtlinge. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 13.04.2017 | 20:05 Uhr

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