Stand: 26.07.2017 17:27 Uhr

Nach G20: Polizisten kämpfen mit den Folgen

von Kevin Bieler

"Wir hatten Angst!", erzählt Polizeiarzt Dr. Thomas Wagner. Er war mittendrin, als auf Hamburg St. Pauli die Situation bei der "Welcome to hell"-Demo außer Kontrolle geriet. Als er und seine Kollegen einer zusammengebrochenen Polizistin zur Hilfe eilen wollen, sieht er, wie sich in den Ecken und Seitenstraßen der schwarze Block formiert. "Da ist einem schon anders geworden", seufzt der Polizeiarzt aus Eckernförde. Trotz Helm und schwerer Schutzmontur. Andere Beamte berichteten Wagner von einem Wendemanöver mit einem Polizeiauto im Schanzenviertel. Kurz zeigte der Einsatzwagen eine verwundbare Seite - dann flogen Steine. "Was wäre passiert, wenn die Steine nicht die Karosserie getroffen hätten, sondern ein Stück höher in die Scheiben?" Schwere Splitterverletzungen bei den Beamten im Einsatzfahrzeug wären wohl die Folge gewesen, erzählt Wagner.

Wasserwerfer und Polizisten auf den Hamburger Straßen © NDR

Das Trauma nach dem G20-Gipfel

Schleswig-Holstein Magazin -

Nach dem Einsatz von etwa 1.700 Polizisten aus SH in Hamburg beginnt die Nachsorge. Denn ganz offenbar waren die Tage für die Beamten noch dramatischer als bislang bekannt.

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Erst Todesangst und Hilflosigkeit, dann körperliche Probleme

Solche und ähnliche Geschichten sind es, mit denen die Mitarbeiter vom Polizeipsychologischen Dienst um Wolfgang Laudon seit den G20-Krawallen konfrontiert werden. Schon während des Einsatzes in Hamburg sind Laudons Mitarbeiter - genannt "Peers" - im Dauereinsatz gewesen. Sie erleben Kollegen, die Angst, teilweise Todesangst hatten und einige, besonders junge Bereitschaftspolizisten, fühlten sich der Situation hilflos ausgesetzt. Schlaf- und Konzentrationsprobleme oder auch Appetitlosigkeit sind häufige Symptome nach solchen Einsätzen bei Beamten. Im schlimmsten Fall sogar Angst- oder Panikstörungen, zählt Laudon auf. Mit Schlafproblemen hat auch Wagner zu kämpfen.

"Warum habe ich keinen Hunger mehr?"

Für viele Betroffene ist es außerdem schwer, die Zusammenhänge zu erkennen: "Warum habe ich jetzt Schlafprobleme? Warum habe ich keinen Hunger? Warum bin ich unruhig? Ist das in Verbindung mit dem Einsatz zu sehen?" sind Fragen, die sich Betroffene häufig stellen, erzählt Laudon. Probleme, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten können. Bei manchen gleich nach dem Einsatz, bei anderen erst viele Jahre später, berichtet Laudon. Daher ist es für den Polizeipsychologischen Dienst schwer, jetzt verlässliche Zahlen über Polizeibeamte aus Schleswig-Holstein zu bekommen, die bereits Hilfe gesucht haben. Die Polizei rechnet mit einem starken Anstieg in den kommenden Wochen.

Gefreut haben sich alle im Einsatz aber über Zuspruch ausländischer Polizeibeamter. Über soziale Medien hätten unter anderem Polizeikollegen aus den USA den Einsatzkräften in Hamburg Glück gewünscht und Mut zugesprochen, was im Chaos der Gipfeltage sehr hilfreich war, erinnert sich Wagner: "Da kriege ich jetzt noch eine Gänsehaut."

G20: Scherben, Ruß und geplünderte Läden

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 26.07.2017 | 19:30 Uhr

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