Stand: 21.03.2016 10:33 Uhr

Missbrauch: Wenn Kinder Puppen sprechen lassen

von Christian Wolf
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Die Sachen im Vernehmenszimmer des K 11 sollen es den Kindern leichter machen, über das Erlebte zu sprechen.

Der Raum ist bunt angemalt. Puppen, eine riesige Tigerente, Stifte, Papier - überall im Vernehmungszimmer des Kommissariats 11 der Kieler Kriminalpolizei liegen Spielsachen herum. Die Kommissare dieser Abteilung beschäftigen sich nicht nur mit Leichen und Bränden, sondern auch mit Fällen sexuellen Missbrauchs. Oft geht es um Kinder wie bei dem im Januar für bundesweite Schlagzeilen sorgenden Missbrauch an zwei jungen Mädchen aus Kiel. "Der öffentliche Druck war enorm", sagt Kommissarin Nadine Müller (Name von der Redaktion geändert). Nach den bisherigen Ermittlungen soll ein 30-Jähriger im Kieler Stadtteil Gaarden zunächst eine Fünfjährige und mehrere Wochen später eine Siebenjährige schwer sexuell missbraucht haben.

Haftbefehl erst nach zweitem Fall

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sabine Busch (Name von der Redaktion geändert) ist Müller Anfang des Jahres auch an diesem Fall dran. Schnell nimmt das Duo den Tatverdächtigen nach dem ersten Fall ins Visier. Der Mann bleibt jedoch auf freiem Fuß. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft liegen keine Haftgründe gegen den Kieler vor. Ende Januar später kommt es wieder zu einem Missbrauch. Wieder gilt der 30-Jährige schnell als Täter. Doch dieses Mal erlässt ein Richter Haftbefehl.

Eine Kamera nimmt jedes Wort auf

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Wäre die Kamera nicht, könnte man das Vernehmungszimmer für das Wartezimmer einer Kinderarztpraxis halten.

Zurück im Komissariat 11: Kinder, die einen Missbrauch erlebt haben, bleiben ein Leben lang davon geprägt, weiß Busch. "Daher ist es so enorm wichtig, ihnen so früh wie möglich die Hemmung zu nehmen darüber zu sprechen. Nur so können sie sich später einem Therapeuten öffnen", sagt Busch. Kinder lassen die Ermittler selbst entscheiden, mit wem von beiden sie sprechen. Manchmal finden die Beamten aber partout keinen Zugang zu kindlichen Opfern eines sexuellen Missbrauchs. Zu krass ist oft das Erlebte. Einige Kinder malen dann auf, was passiert ist oder aber spielen es mit Puppen nach. Eine Kamera hält in dem speziellen Vernehmungszimmer der Kieler Polizei alles fest. "Denn es ist wichtig, alles aufzunehmen: Alleine schon, um den Kindern später eine Befragung im Gericht zu ersparen", sagt Busch.

Schwierige Wahrheitssuche

Doch was ist wahr und was ist frei erfunden? "Das Problem daran ist, dass Kinder in ihrer Fantasie beim Spielen manchmal etwas dazu dichten", sagt die 28 Jahre alte Ermittlerin. "Daher ist es auch immer eine Abwägungssache, weil es vielleicht am Ende nicht ganz der Realität entspricht." Ganz kalt lassen die Fälle die beiden Frauen nicht. "Natürlich nimmt man so was mit nach Hause und denkt darüber nach und oft berührt das einen auch", erzählt Müller. Deshalb treffen sich die Ermittler regelmäßig zu Gesprächsrunden. Notfalls können sie aber auch professionelle externe Hilfe in Anspruch nehmen.

Bessere Zusammenarbeit

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Nadine Müller und Sabine Busch haben in dem Fall des doppelten Kindesmissbrauch in Kiel-Gaarden ermittelt.

Für die Beamten steht im Vordergrund, dass nach einem Missbrauchsfall keine weitere Kindeswohlgefährdung besteht. Dafür arbeiten die Ermittler eng mit anderen Behörden wie dem Jugendamt der Stadt zusammen. Nicht immer ist dies einfach gewesen. "Es gab Zeiten, da wollten uns die Kollegen vom Amt aus Datenschutzgründen nicht einmal irgendwelche Namen nennen", sagt Busch. Sie arbeitet seit 2003 im K11. Sie und ihre Kollegin Müller haben sich ihre Dienststelle selbst gesucht. Für beide steht bei ihrer Arbeit das Helfen im Vordergrund. Natürlich berührten sie die Taten, sagt Busch. "Aber alleine die Tatsache, dass wir ein Kind dazu bekommen, mit uns darüber zu sprechen, öffnet für das Kind die Tür, diese Sache jemals bewältigen zu können."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 21.03.2016 | 05:40 Uhr