Stand: 05.02.2016 12:02 Uhr

Missbrauch: Behörden wollen miteinander reden

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Von diesem Schulhof in Kiel soll der Verdächtige das Mädchen verschleppt haben.

Nach zwei Fällen von sexuellem Missbrauch von Kinder in Kiel soll es nun ein Gespräch zwischen Staatsanwaltschaft Kiel, Polizei und Stadtverwaltung geben. Dazu hat die leitende Oberstaatsanwältin Birgit Heß eingeladen. Das Gespräch soll am kommenden Mittwoch stattfinden. "Kommunikationsprobleme darf es, gerade in diesem sensiblen Deliktsbereich, zwischen den beteiligten Behörden nicht geben", sagte Heß. Am Donnerstag hatte die Stadt, deren sozialpsychiatrischer Dienst den Tatverdächtigen betreut, Fehler in dem Fall eingeräumt. Nach Aussagen des Oberstaatsanwalts Axel Bieler gab es bei den Ermittlern aber keine Versäumnisse.

Amtsärzte betreuen Mann nach Suizidversuch

Schon als Schüler soll der heute 30-Jährige, der inzwischen in Untersuchungshaft sitzt, aufgefallen sein, erklärte der für den sozialpsychiatrischen Dienst verantwortlichen Dezernent Gerwin Stöcken. Nach einem Selbstmordversuch wurde der Mann psychiatrisch betreut. Vor zwei Jahren landete er schließlich in der geschlossenen Psychiatrie.

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Stöcken: "Es wäre eine Ausfahrt da gewesen"

Anschließend wurde es ruhig um den Mann. Vorladungen von Behörden ignorierte er. Erst im Januar gab es wieder Hinweise auf den Verdächtigen. Die Kripo informierte das Gesundheitsamt darüber, dass gegen den Mann wegen sexuellen Missbrauchs einer Fünfjährigen ermittelt wird. Zu diesem Zeitpunkt - so Stöcken - hätten Kripo, Staatsanwaltschaft und Gesundheitsamt reagieren müssen. Stöcken sprach von einer "Maschinerie", die hätte losgetreten werden müssen - an deren Ende womöglich eine Einweisung in die Psychiatrie gestanden hätte. Doch das sei unterblieben. "An der Stelle wäre eine Ausfahrt gewesen, die alle hätten nehmen können", erklärte Stöcken. Der Mann blieb aber auf freiem Fuß.

Staatsanwaltschaft sieht keine Versäumnisse bei sich

Damit steht fest, dass der schwere Missbrauch des Mädchens am vergangenen Sonntag hätte vermieden werden können. Der Verdächtige soll die Siebenjährige von einem Schulhof im Stadtteil Gaarden verschleppt haben. "Wir hätten dem Mädchen eine ganz schwere Erfahrung ersparen können. Es dürfen nicht weitere Kinder solche Erfahrungen machen", sagte Stöcken. Der Sozialdezernent kündigte an, Fehlerquellen in der Kommunikation der Behörden untereinander zu beseitigen - wobei die Staatsanwaltschaft Kiel keine Versäumnisse einräumt. Es sei nicht Pflicht der Polizei oder der Staatsanwaltschaft, eine Einweisung in die Psychiatrie zu veranlassen, so Oberstaatsanwalt Bieler - sondern Aufgabe des Gesundheitsamtes.

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Kein Haftbefehl nach erstem Missbrauch

Hinweise auf den 30-Jährigen hatte es bereits vor dem Missbrauch des fünfjährigen Kindes Anfang Januar gegeben. Vor der Tat in einem Kindergarten hatte die Mutter des mutmaßlichen Täters sowohl Polizei als auch Gesundheitsamt auf die psychischen Probleme ihres Sohnes aufmerksam gemacht. Sie habe "Angst vor und um ihren Sohn", so die Frau. Einen Tag später soll der Mann die Fünfjährige in einem Kindergarten missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft sah damals jedoch keine rechtliche Grundlage für einen Haftbefehl. Bei einer Expertin allerdings stößt diese Sichtweise auf Unverständnis. Speziell für sexuelle Missbrauchsfälle gebe es den Haftgrund der Wiederholungsgefahr, sagte Kriminologin Monika Frommel von der Kieler Universität.

Oberstaatsanwalt: "Polizei hat richtig reagiert"

Die Staatsanwaltschaft bleibt auch rückblickend dabei, dass die Entscheidung juristisch korrekt gewesen sei. Oberstaatsanwalt Bieler bestätigte, dass sich die Frau am 18. Januar hilfesuchend an die Polizei gewandt habe. Sie habe den Beamten erklärt, ihr Sohn sei psychisch krank und bitte um Hilfe. Die Polizisten hätten sie nach einer möglichen Gefährdung befragt. "Dazu hat die Frau aber keine Angaben gemacht", sagte Bieler. Anhaltspunkte für die Gefahr weiterer Straftaten habe es nicht gegeben. "Die Polizei hat richtig reagiert", sagte der Oberstaatsanwalt.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 05.02.2016 | 12:00 Uhr