Stand: 01.08.2017 05:00 Uhr

Maurer wollen schlechtes Image loswerden

von Cassandra Arden

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"Der Nachwuchsmangel führt teils schon zu längeren Wartezeiten für Bauherren", sagt Broder Ingwersen, Vorstandsmitglied im Baugewerbeverband SH.

Broder Ingwersen, heute 63 Jahre alt, begann seine Laufbahn als Maurer 1969 mit einer Lehre. "Damals", sagt er, "war es wirklich schwere körperliche Arbeit. Wenn heute noch so gearbeitet werden würde und ich wäre noch Geselle, dann würde es mich gar nicht mehr geben - weil das viel zu schwer war." Inzwischen gibt es für alles, was schwer ist, Maschinen und Technik. Auch das Klischee vom vielen Bier auf den Baustellen sei schon lange keine Realität mehr, betont Ingwersen. Bier gebe es nur noch nach Feierabend, stattdessen werde durchaus auf die Gesundheit geachtet. "Die Krankenkassen bieten Rückenschulen an und kommen in die Betriebe - es wird schon Vorsorge gemacht", erklärt Ingwersen. Er will aufräumen mit dem Klischee: "Maurer trinken den ganzen Tag Bier, sind immer dreckig und müssen schuften bis zum Umfallen." Denn dieses Vorurteil sei mitverantwortlich für den gravierenden Nachwuchsmangel in der Branche.

"Das Image noch nicht genug aufpoliert"

6.200 ohne Ausbildung - trotz offener Stellen

Zum Start ins Ausbildungsjahr haben mehr als 6.200 Jugendliche in Schleswig-Holstein laut Agentur für Arbeit noch keine Lehrstelle gefunden. Gleichzeitig melden die Unternehmen im Land noch 6.300 offene Stellen. Die Gründe: Junge Menschen bewerben sich laut Arbeitsagentur beispielsweise nur selten im Hotel- und Gastgewerbe oder für einen Handwerksberuf. Junge Männer interessieren sich demnach eher für kaufmännische Berufe oder technisch geprägte wie den des Kfz-Mechatronikers. Bei den jungen Frauen stehen medizinische Ausbildungsberufe hoch im Kurs. Diese seien jedoch schnell vergeben, so die Arbeitsagentur.

Damit haben nicht nur Maurer, sondern auch die meisten anderen Handwerksberufe zu kämpfen. Deshalb gab es eine große Imagekampagne. "Das hat auch funktioniert", sagt der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer in Flensburg, Udo Hansen. Denn im Vergleich zum vergangenen Jahr beginnen nun mehr junge Menschen eine Ausbildung im Handwerk. Nur die Maurer, klagt Ingwersen, die hätten ihr Image noch nicht gut genug aufpoliert. Der Beruf habe sich gewandelt, das Bild dazu aber nicht. "Wenn man erzählt, was man macht, dann sagen die Leute 'Oh ja, interessant' - aber ihr Blick sagt 'Du arme Sau'."

Nur 200 neue Lehrlinge in SH

Dabei boomt das Baugewerbe gerade, weil viele Menschen wegen der niedrigen Zinsen bauen. Die Auftragsbücher sind voll, doch die Maurerklassen in den Berufsschulen leer. Nur etwa 200 junge Menschen fangen laut Jan Jacobsen vom Baugewerbeverband Schleswig-Holstein in diesem Jahr eine Lehre an. "Wir bräuchten um ein Vielfaches mehr", sagt Jacobsen, "aber es gibt auch einfach immer weniger Schulabgänger." Der demografische Wandel und immer mehr Abiturienten und Studenten machten es schwer, geeignete Fachkräfte im Handwerk zu finden. Zumal viele, die ins Handwerk wollen, lieber eine Ausbildung zum Zimmermann machen.

Selbstständig mit Anfang 20 - im Handwerk geht das

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Domenic Stöver (l.) ist erst 24 Jahre alt, hat aber schon seinen Meisterbrief in der Tasche.

Einer der wenigen jungen Maurer ist Domenic Stöver. Gerade mal 24 Jahre alt, hat er schon seinen Meister gemacht und ist glücklich in seinem Beruf. "Ich habe ein Jahr Steuerfachangestellter gelernt, aber das war nichts, dann wollte ich Maurer werden. Ich bin gerne draußen, und es ist wirklich nicht mehr so, dass wir viel im Dreck liegen." Sein Chef spekuliert schon darauf, dass Stöver den Laden vielleicht irgendwann übernimmt. "Das ist vielen gar nicht klar, dass es im Handwerk sehr schnell die Karriereleiter hochgehen kann, wenn man sich ein bisschen gut anstellt", sagt Jan Jacobsen vom Baugewerbeverband.

Bauphysik macht den Beruf anspruchsvoller

Aber das mit dem "sich gut anstellen" ist kein Selbstgänger. Denn mehr Technik macht den Maurerberuf anspruchsvoller als früher. Im Zuge der Energiesparverordnung gibt es viele neue Herausforderungen, wie zum Beispiel die Wärmedämmung von Gebäuden. Dafür braucht es jede Menge Know-how. Das Stichwort Bauphysik falle inzwischen häufiger als Baustatik, meint Ingwersen. Da brauche man gute Leute. "Aber von den wenigen, die sich bewerben, können auch einige nicht bis drei zählen. Und dann gibt es noch die, die von der Zahl Drei noch nie was gehört haben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 01.08.2017 | 08:00 Uhr

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