Stand: 25.07.2015 10:00 Uhr

Kein Kanzlerkandidat? SPD empört über Albig

Es war ein Interview vor der idyllischen Kulisse der Kieler Förde - und es stört die sommerliche Ruhe bei der SPD gewaltig. Empört weisen führende Sozialdemokraten einen Vorstoß von Schleswig-Holsteins Regierungschef Torsten Albig (SPD) zurück. Er hatte im Sommerinterview mit NDR 1 Welle Nord die Frage aufgeworfen, ob die SPD angesichts der Beliebtheit von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Bundestagswahl 2017 überhaupt einen eigenen Kanzlerkandidaten braucht. "Völlig abwegig" findet SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi den Gedanken. Die große Koalition sei eine Veranstaltung auf Zeit - dafür kämpfe die SPD. "Ich gehe davon aus, dass das auch für Schleswig-Holstein und seinen Ministerpräsidenten gilt", sagte Fahimi dem "Spiegel".

Auch SPD-Landeschef und Bundesvize Ralf Stegner gibt Contra. "Eine Partei wie die SPD, die in 14 von 16 Ländern regiert, die fast jede deutsche Großstadt regiert, die kann natürlich nicht den Anspruch aufgeben, den Kanzler zu stellen", sagte Stegner am Freitag NDR 1 Welle Nord. Merkel sei zwar populär, aber es könne nicht das Ziel sein "mit den Grünen darum zu wetteifern, wer der nächste Juniorpartner der Union wird." Auch mehrere SPD-Ministerpräsidenten kritisieren Albigs Aussagen - ebenso wie die Opposition. "Diese Luschenhaftigkeit einiger Sozialdemokraten befördert Politikverdrossenheit", erklärte der Vizechef der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch.

Kommentar

SPD-Kanzlerkandidat: Albigs Analyse richtig - sein Vorstoß falsch

Ministerpräsident Albig hat mit seinen Äußerungen über die Lage der SPD eine Diskussion ausgelöst. Stefan Böhnke kommentiert. mehr

Union im Bund bedankt sich

Amüsiert nimmt dagegen der Berliner Koalitionspartner Union die Debatte auf - und Albigs Aussagen, Merkel mache ihren Job ganz ausgezeichnet. "Wissen wir. Aber danke", kommentierte die Unionsfraktion im Bundestag bei Twitter hämisch. "Die SPD solle sich aber keine falschen Hoffnungen machen", sagte CDU-Generalsekretär Peter Tauber. "Wenn Angela Merkel wieder antritt, dann für die CDU und nicht für die SPD." Auch der CDU-Landesvorsitzende Ingbert Liebing gibt Albig Recht. "Merkel ist einfach gut", twittert er.

Kubicki: Albigs Job machen andere ausgezeichnet

Nach Ansicht der Opposition im Kieler Landtag sollte Albig aus seinen Äußerungen Schlüsse für seine eigene Zukunft ziehen. FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki rief den Ministerpräsidenten auf, bei der kommenden Landtagswahl - ebenfalls 2017 - nicht mehr anzutreten. Eine Kandidatur sei aufgrund seiner mangelnden Leistungen völlig aussichtslos. "Den Job machen andere ausgezeichnet", sagte Kubicki. Ähnlich äußerte sich auch die Junge Union in Schleswig-Holstein.

Albig hatte in seinem Interview mit NDR 1 Welle Nord gesagt, er habe keinen Zweifel, dass Sigmar Gabriel es als Kanzlerkandidat exzellent machen werde. Aber er glaube, dass es schwer sei, gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu gewinnen. "Ich glaube, sie macht das ganz ausgezeichnet – sie ist eine gute Kanzlerin."

Albig: Auch Regierungsbeteiligung der SPD ein Erfolg

Wäre heute Wahl, so Albig, wäre es eine legitime Aussage, dass eine Regierung, an der Sozialdemokraten beteiligt sind, eine bessere Regierung sei als eine, in der die Union alleine regiere. An der nächsten Regierung beteiligt zu sein, könne daher auch Wahlziel für seine Partei sein, meinte der Regierungschef. Und dafür brauche man einen starken Kandidaten. "Ob die Bezeichnung Kanzlerkandidat noch richtig ist oder nicht, das werden wir sehen", so der SPD-Politiker in dem Interview. Albig verwies auf die Erfolge der SPD in der großen Koalition. "Wie sähe das Land aus ohne Sozialdemokratie? Den Mindestlohn hätte man nicht", erklärte der Ministerpräsident.

Kritik und Häme im Netz

Albigs Einschätzung stößt im Netz auf große Resonanz - vor allem hagelt es Häme und Spott. Publizist Jakob Augstein fragt bei Twitter: "Im Ernst? Hilfe! Wo ist der Arzt?" NDR.de Nutzer McWade kommentiert: "Tauber und Kauder suchen noch den 'Mitarbeiter des Monats' ... gefunden." Für viele Nutzer sind Albigs Aussagen auch ein Armutszeugnis für die SPD. "Wow. Ich war nie echter Sozialdemokrat, aber nach so einer Aussage ist die SPD für mich komplett unwählbar", schreibt Nutzer Inoa. Und Hannes Albers ergänzt: "Sommer-Schwätzer Albig. Mitten in Merkels Schoß. Naiv. Unpolitisch. Unsolidarisch."

Weitere Informationen
10 Bilder

Albig-Aussagen: Große Resonanz in den Medien

Ein SPD-Ministerpräsident lobt Kanzlerin Merkel als "ausgezeichnet" und stellt infrage, ob die SPD einen Kanzlerkandidaten braucht. Torsten Albig löst mit seinen Aussagen ein großes Echo aus. Bildergalerie

Albig: "Es ist schwer, gegen Merkel zu gewinnen"

Für Ministerpräsident Albig ist Merkel "eine gute Kanzlerin". Seiner Meinung nach braucht die SPD nicht unbedingt einen eigenen Kanzler-Kandidaten. Im Interview spricht Albig weiter Klartext. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 24.07.2015 | 19:30 Uhr