Stand: 28.09.2017 18:54 Uhr

Kartoffelernte mit Treibsel: Glücksburg gewinnt

Von Christine Pilger

Die meisten schleswig-holsteinischen Ostsee-Strände haben eine Sache im Überfluss: Treibsel. Für viele Touristen und Badegäste verschandelt diese Mischung aus Seegras und schwarzen Algen die schöne Strand-Idylle, deswegen wird Treibsel häufig teuer entsorgt. Vielleicht aber nicht mehr lange, denn eine gemeinsame Aktion des Geographischen Instituts der Uni Kiel mit dem Ostsee Info-Centers Eckernförde zeigt: Treibsel kann als guter und natürlicher Dünger für den Kartoffelanbau dienen. 27 Ostsee-Gemeinden traten in einem Wettbewerb an, um das zu beweisen, am Ende sollte die dickste Treibsel-Kartoffelernte gewinnen. Unter den Kontrahenten auch der Bauhof Glücksburg.

Maritime Kartoffelernte auf dem Bauhof in Glücksburg

Kartoffelanbau zwischen Bagger und Containern

Kein Acker, kein Feld, keine Wiese: Der Bauhof Glücksburg sieht auf den ersten Blick nicht nach einem passenden Ort für den Kartoffelanbau aus. Direkt neben dem Gerätehäuschen der freiwilligen Feuerwehr stehen diverse Fahrzeuge auf dem Gelände bereit, mit denen die zehn Männer des Bauhofs Glücksburg zum Beispiel Grünpflege- oder Straßenreinigungsarbeiten erledigen. Am 20. April übernahmen sie außerdem eine kleine, freiwillige Zusatzaufgabe: Kartoffeln anbauen. Die Gemeinde war von den Wettbewerb-Initiatoren angeschrieben worden und die Bauhof-Leute nahmen die Herausforderung spontan an.

"Wir kannten uns gar nicht mit Kartoffelanbau aus"

Das Ostsee Info-Center Eckernförde hatte Anfang dieses Jahres gemeinsam mit den Treibsel-Experten der Uni Kiel zuvor alle Städte und Gemeinden an der Ostseeküste angeschrieben. Ein erster Schritt, um mal herauszufinden, wie das mit dem Treibsel als Ersatzdünger klappt. Damit am Ende alles verglichen werden kann, bekamen die Kartoffel-Anbauer einige Vorgaben. Neun Saatkartoffeln beliebiger Sorte mussten in eine bestimmte Fläche gepflanzt werden. Gedüngt werden durfte nur mit einer geringen Menge an Treibsel. Für Werner Rahf vom Bauhof Glücksburg eine komplett neue Erfahrung: "Also wir kannten uns gar nicht damit aus, wir haben alle das erste Mal Kartoffeln angepflanzt."

Treibsel auf den Trecker und ab zum Bauhof

Kurz vor dem vorgegebenen Pflanzbeginn fuhren Bauhof-Leiter Holger Jöcks und einige Männer vom Bauhof zum Glücksburger Strand: "Seegras haben wir ja wirklich genügend am Strand. Also haben wir eine Tour auf den Trecker aufgeladen, haben dann hier die Kiste gebaut, das Seegras eingelagert und am 20. April die Kartoffeln gepflanzt. Danach haben wir eigentlich nichts mehr gemacht. Nicht gedüngt, kein gar nix. Normales Regenwasser hatten wir ja auch genug dieses Jahr", erklärt Jöcks. Kollege Werner Rahf gibt zu: "Wir waren schon neugierig. Wir haben dann die Erde kurz ein bisschen angekratzt und da konnte man schon sehen, dass da Kartoffeln drunter waren. Dann haben wir sie aber natürlich wieder abgedeckt."

Was zeigt die Waage an?

Fünf Monate nach der Kartoffelanbau-Premiere konnten die Bauhof-Mitarbeiter jetzt zum ersten Mal ernten. Auch dieser Termin ist von den Organisatoren festgelegt worden: Spätestens am 22. September mussten alle Wettbewerber ihre Kartoffeln geerntet und gewogen haben. In der Mittagspause buddelten die Erntehelfer eine Kartoffel nach der anderen aus der selbstgebauten Kiste aus. Einige waren Fingernagel-klein, andere Handflächen-groß. "Da brauchen sie für eine Mahlzeit für zwei Personen ja nur zwei Kartoffeln, das langt schon als Beilage“, freut sich Bauhof-Leiter Jöcks. Das Seegras und die Algen sind mittlerweile relativ vertrocknet und riechen ziemlich muffig - vielleicht dauerte es auch deshalb keine zehn Minuten, bis die Männer die ganze Kartoffelkiste durchsucht hatten. Am Ende sind es satte 10,8 Kilogramm.

"Wir sind hier zehn Mann - jeder bekommt ein Kilo"

Aus neun Saatkartoffeln ist in der Kiste auf dem Bauhof mindestens die vierfache Menge entstanden. Das sorgt für zufriedene Gesichter bei den Bauhof-Mitarbeitern und Magenknurren bei Werner Rahf: "Wir nehmen die jetzt mit nach Hause und kochen die. Mal gucken, wie die schmecken - ob die besonders salzig sind, ob die irgendwas vom Geschmack des Seegras angenommen haben?"

Rund 10 Kilo Bauhof-Kartoffeln reichen für den Sieg

Das Bauhof-Team aus Glücksburg ist gespannt auf die Ernteergebnisse der anderen 26 Wettbewerbsteilnehmer. Am Donnerstagabend die Überraschung: Mit 10,8 Kilogramm Treibsel-Kartoffel-Ernte sichern sich die Bauhof-Männer tatsächlich den ersten Platz und räumen neben Ruhm und Ehre auch noch einige Liter Kartoffelschnaps ab. Laboe landet mit etwa 10 Kilogramm auf Platz 2, dahinter Heikendorf mit rund 7 Kilogramm Kartoffelernte. Leiter Holger Jöcks freut sich über den Sieg für Glücksburg und den Kartoffelschnaps, betont aber nachdrücklich: "Hier im Bauhof wird natürlich nichts getrunken. Aber eins ist klar - in meinem Garten zuhause werde ich jetzt auch eine Reihe mit Seegras anlegen, um das zu testen."

Übrigens: Die Bauhof-Kartoffelbauern haben mittlerweile ihre Kartoffeln probiert. Egal ob Pellkartoffeln oder Bratkartoffeln - sie schmecken super, so das Urteil der Männer, aber keineswegs salziger oder anders als andere Kartoffeln. Die Forscher werden die Treibsel-Kartoffel weiter untersuchen. Sie wollen erforschen, ob Treibsel Kartoffeldünger voll ersetzen kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 21.09.2017 | 20:05 Uhr

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