Stand: 17.02.2016 14:56 Uhr

Jung, männlich - und weit weg von zu Hause

von Constantin Gill
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Nach der Inobhutnahme geht es für Minderjährige häufig in Wohngruppen. Dort lernen sie zunächst ganz Alltägliches.

Wenn Ahmed in seiner alten Wohnung auftaucht, strahlt er und geht selbstsicher und gut gelaunt auf seine ehemaligen Betreuer zu. Der 21-Jährige war selbst einmal unbegleiteter minderjähriger Ausländer und lebte in der Wohngruppe in Eutin. Jetzt hat er Schule und Ausbildung geschafft, hat einen Job und arbeitet zusätzlich noch als Dolmetscher für den Kinderschutzbund. Im Nachhinein betrachtet war es gut für ihn, früh - als Minderjähriger - nach Deutschland zu kommen. "Wenn man in jungen Jahren nach Europa kommt, dann kann man auch vieles erreichen", sagt Ahmed.

Schwieriger Start in ein neues Leben

Auch Hashi aus Somalia hat seinen Weg gemacht: Nach seiner Zeit in einer Jugendhilfe-Einrichtung im Kreis Ostholstein schaffte er den Realschulabschluss - jetzt will er eine Ausbildung machen. Leicht sei es nicht gewesen, mit 18 Jahren auf eigenen Füßen zu stehen. In Somalia, erzählt Hashi, verlässt man die Familie normalerweise mit 25 oder 30 Jahren. Aber nicht - wie er - als Minderjähriger. Ohne die Unterstützung der ehemaligen Betreuer und ehrenamtlicher Helfer wäre es vielleicht nicht gelungen. Sein Ziel: "Eigenes Geld verdienen, und hierbleiben. Wenn ich darf", sagt er, und lacht.

Schüchtern, weil die Worte fehlen

Was Ahmed und Hashi geschafft haben, haben Reza, Hamed, Mahadi und Ali noch vor sich: Die afghanischen Jugendlichen sind vor zwei Wochen in die Eutiner WG gezogen. Noch sind sie etwas schüchtern. Das macht sich auch in der Schule bemerkbar: "Die Schule macht Spaß", sagt der 17-jährige Hamed. "Aber wir können die Sprache noch nicht so gut, und deshalb ist es schwer, Kontakt aufzunehmen."

Mülltrennung ist Neuland

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"Was für uns selbstverständlich ist, ist für die Jungs Neuland", sagt Rüdiger Tuschewski, der Leiter der Eutiner Einrichtung.

Nach der Schule müssen die vier ihre Hausaufgaben machen. Und ganz alltägliche Dinge lernen. Einkaufen, das Essen selbst zubereiten, technische Geräte benutzen - und Mülltrennung. "Was für uns selbstverständlich ist, ist für die Jungs Neuland", sagt Rüdiger Tuschewski, der Leiter der stationären Einrichtungen des Kinderschutzbundes in Ostholstein. Dazu kommt, dass den Jugendlichen meist ganz andere Dinge im Kopf herumspuken: Was ist mit ihrem Asylstatus? Wie geht es meiner Familie?

Familienkontakte sind Fluch und Segen

Online versuchen sie, Kontakt zu ihren Verwandten zu halten. Gelingt das, ist es oft ein zweischneidiges Schwert für die Geflüchteten: "Man freut sich über den Kontakt, aber andererseits weiß man nicht, wie lange es dauert, bis man die Familie wiedersieht. Das macht einen traurig", sagt einer der Jugendlichen.

Betreut werden die vier von Heinrich Wrage. Er kommt nachmittags und an den Wochenenden in die Wohngruppe in der Nähe des Bahnhofs, um den Jugendlichen zu helfen. Gemeinsame Projekte, etwa mit Schulen oder Sportvereinen helfen, den Kontakt zu den Einheimischen herzustellen. "Wir hatten gerade in Grömitz ein großes Hallenfußballturnier. 14 Mannschaften, auch eine Damenmannschaft. Das funktionierte wunderbar, es gab keine Probleme", erzählt Wrage.

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Apropos Frauen: Auch die Ereignisse von Köln und Hamburg in der Silvesternacht hätten die Betreuer mit den Jugendlichen diskutiert, sagt Rüdiger Tuschewsky, beim Ostholsteiner Kinderschutzbund zuständig für stationäre Einrichtungen. "Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gewaltfreiheit - das sind Themen, die wir mit denen besprechen. Wir erklären ihnen, dass die Jugendlichen mit ihrem Verhalten maßgeblich dazu beitragen, wie Flüchtlinge hier in unserer Gesellschaft wahrgenommen werden."

Tuschewski ist einer der Teilnehmer auf einer Fachtagung des Kinderschutzbundes heute in Kiel. Dort soll es vor allem darum gehen, mit welchen pädagogischen Konzepten Jugendliche integriert werden können.

Kinderschutzbund: Hilfe auch für Volljährige

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Fordert stärkere Unterstützung für die Kinder und Jugendlichen: Irene Johns, Vorsitzende des Kinderschutzbunds.

Die Vorsitzende Irene Johns meint, dass die Grundversorgung für unbegleitete minderjährige Ausländer sichergestellt sei. Aber im Alltag müssten die Kinder und Jugendlichen noch stärker unterstützt werden. Am besten auch, nachdem sie volljährig geworden sind.

Sorgen macht sich Johns, weil Tausende minderjährige Flüchtlinge in Deutschland vom Radar der Behörden verschwunden sind. Zwar könnten manche von ihnen auch doppelt registriert oder auf eigene Faust weitergezogen sein. Aber Johns meint: Kinder und Jugendliche seien besonders gefährdet - es bestehe die Gefahr, dass sie Opfer von Kriminellen würden. "Auf Schärfste" verurteilt Johns die Pläne, den Familiennachzug für unbegleitete minderjährige Ausländer einzuschränken.

Es bleiben Fragezeichen

Zwischen Schule, Hausaufgaben, Hausarbeit und Freizeit stehen auch bei Reza, Hamed, Mahadi und Ali große Fragezeichen. Werden sie bleiben dürfen? Was bringt die Zukunft? Alle wollen die Schule schaffen und arbeiten. "Ich will nützlich sein", sagt einer. Ob sie sich wünschen, dass ihre Familien nachkommen können? Einhelliges Nicken. "100 Prozent, ja."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein am Nachmittag | 17.02.2016 | 16:16 Uhr