Stand: 21.01.2016 17:46 Uhr

Ist mutmaßliche SS-Helferin verhandlungsfähig?

Die Angeklagte soll im KZ Auschwitz im Jahr 1944 bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden geholfen haben.

Eine 91-Jährige soll der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg im Vernichtungslager Auschwitz bei NS-Verbrechen geholfen haben. Die Staatsanwaltschaft beim Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht wirft der Frau Beihilfe zum Mord in mehr als 260.000 Fällen vor. Die Behörde hatte bereits im vergangenen September Anklage erhoben. Obwohl es nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig einen hinreichenden Tatverdacht gegen die Frau gibt, ist weiterhin offen, ob das Hauptverfahren eröffnet wird. Zunächst soll die Verhandlungsfähigkeit der Frau untersucht werden. "Derzeit ist ein Gutachter aus der Region Kiel damit beauftragt, dies festzustellen", sagte Karin Witt, Pressesprecherin des Landgerichtes Kiel, NDR.de. Das könne noch einige Wochen dauern.

Einsatz zwischen April und Juli 1944

Die 91 Jahre alte deutsche Staatsangehörige soll in ihrer Funktion als Funkerin der Kommandantur des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von April bis Juli 1944 bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden geholfen haben. Weil die Frau zur Tatzeit heranwachsend gewesen ist, ist die Jugendkammer des Landgerichts Kiel zuständig.

Immer mehr Nebenkläger melden sich beim Gericht

Mittlerweile haben sich beim Landgericht Kiel einige Nebenkläger gemeldet. Dort liegen bereits zehn Anträge von Überlebenden oder Angehörigen von Opfern des Lagers Auschwitz vor, die alle zugelassen sind. "Weitere werden derzeit geprüft", sagte Witt. Theoretisch gibt es zwei Möglichkeiten einer Verurteilung: nach Jugendstrafrecht maximal zehn Jahre Gefängnis oder nach Erwachsenenstrafrecht nicht unter drei Jahren.

Früherer SS-Mann zu vier Jahren Haft verurteilt

Der bisher letzte Auschwitz-Prozess wurde gegen den früheren SS-Unterscharführer Oskar Gröning geführt. Erst im Juli hatte das Landgericht Lüneburg den 94-jährigen Ex-SS-Mann wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt. Nach dem Urteil legten sowohl die Anwälte Grönings als auch Anwälte mehrerer Nebenkläger Einspruch gegen das Urteil ein. Wann sich der Bundesgerichtshof mit dem Fall des verurteilten Ex-SS-Mannes beschäftigt, ist unklar.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.01.2016 | 22:00 Uhr