Stand: 07.10.2016 05:00 Uhr

Hamfelde: Wie ein Landgasthof "in" bleiben kann

von Tobias Senff

In den alten Eichen zwitschern Vögel und sattgrünes Gras umsäumt den kleinen See, an dessen Ufer plötzlich ein stattliches Geweih auftaucht. Langsam steigt ein kapitaler Hirsch aus dem Wasser und trottet den Kühen auf der Wiese des Geheges hinterher. Der Blick von der Terrasse des Landgasthofs "Waldeslust" in Hamfelde im Kreis Stormarn ist malerisch und wirkt fast kitschig-schön. Es ist, als würde hier die Zeit stillstehen. Doch das Restaurant selbst geht mit der Zeit, immer schon. Und genau das Erfolgsrezept von Familie Koops - in einer Zeit, in der es viele Landgasthöfe sehr schwer haben.

Das "Waldeslust" ist moderner als sein Name

Gäste erwarten Modernisierung

Dass das "Waldeslust" von 1873 nicht in der Vergangenheit stehen geblieben ist, fällt schon auf den ersten Blick auf: Die Möbel sind modern, die Terrasse ist neu gepflastert und es gibt einen vollverglasten Wintergarten. Natürlich lebt der Gasthof von seiner Tradition, aber die allein reicht den Kunden nicht. "Seit es uns gibt, haben wir jedes Jahr investiert und renoviert, mal einen Raum, dann die Küche", erklärt Inhaberin Sylvia Koops. "So wie man einmal vergisst etwas zu machen, wird es später zu viel." Gäste nehmen Modernisierungen wahr und erwarten sie auch, ergänzt die Wirtin. In den Händen der Familie Koops liegt der Gasthof bereits seit 1932, mittlerweile in dritter Generation bewirtschaftet. Von früheren Jahrzehnten zeugen Fotos an den Wänden des Eingangsbereichs "Wir müssen mal ein paar neue Bilder dazu hängen", schmunzelt Sylvia.

Von der Forelle bis zum Kamerunschaf

Vor allem für die kleinen Gäste kann der Restaurantbesuch in Hamfelde sogar zu einem echten Erlebnis werden, denn sie dürfen auch im Gehege spazieren gehen. "Für Kinder sind die Tiere einer der Anziehungspunkte", verrät Inhaberin Sylvia Koops und zeigt auf einen Futterautomaten, der an der Pforte zum Gehege angebracht ist: "Besucher dürfen die Tiere auch füttern." Das "Waldeslust" hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch zu einer Art Streichelzoo entwickelt. Bei einem kurzen Rundgang zeigt Sylvia Koops unter anderen Kamerunschafe, Gänse, Enten mit Küken und Forellen in einem Becken.

Von der Wiese auf den Teller

Bild vergrößern
Sylvia Koops hat die Leitung des Gasthofs von ihrem Vater übernommen. Er tritt inzwischen kürzer, hilft aber auch im Alter von 78 Jahren gern noch mit.

Die Tiere sind aber nicht nur Besucherattraktion, sondern auch für den Verzehr gedacht. Zur Verarbeitung gibt es neben dem Restaurant eigens eine kleine Schlachterei. Als ein Mitarbeiter kurz die Tür zu einem Kühlhaus öffnet, fällt der Blick auf ein Reh, das an einem Haken hängt. Fachmännisch zerlegt landen Schafe, Enten und auch Wild in der Küche und später appetitlich angerichtet auf den Tellern der Gäste. Karin und Wolfgang Brauer aus Großensee, die regelmäßig bei den Koops essen gehen, finden: "Hier stimmt alles." Die Umgebung sei toll, der Garten schön und man wisse, wo das Fleisch herkommt, erklärt Karin Brauer.

Heute sind sie und ihr Mann aber nur für eine Weinschorle und ein Bier auf der Terrasse vorbeigekommen. Drinnen an einem Fensterplatz haben es sich Traute Peters und Therese Selig aus Barsbüttel und Angelika Klatt aus Lütjensee bequem gemacht. Alle drei stöbern schon in der Dessertkarte. "Früher haben wir hier selbst in der Küche gearbeitet", fängt Traute an zu schwärmen, "und ich fühle mich hier noch immer wohl. Es ist sehr familiär." Das ist ganz sicher ein weiteres Erfolgsgeheimnis des Gasthofes.

Lieber modern als Eiche rustikal

Im Jahr 2000 hat Sylvias Vater die Geschäfte offiziell an die Tochter übergeben, und auch ihr Ehemann Roberto Monesi steht in der Verantwortung. Doch so richtig loslassen kann der Vater mit seinen 78 Jahren noch nicht. Als gelernter Schlachter hilft er immer gern bei der Verarbeitung der Tiere. Zur geschäftlichen Vater-Tochter-Beziehung sagt er mit einem Augenzwinkern: "Ich bin der Präsident, meine Tochter ist die Kanzlerin." Ganz ohne Probleme läuft der Generationswechsel im "Waldeslust" aber nicht. Gerade wenn es um Veränderungen geht, liegen die Meinungen manchmal deutlich auseinander, wie Sylvia Koops mit einem Lächeln erklärt: "Mein Vater möchte gern Eiche rustikal und ich sage dann: Nee, wir machen einen neuen Stil." Auch wenn es um neue Küchengeräte geht, sind sich Vater und Tochter nicht immer einig. Aber, sagte Sylvia, "wir finden immer zusammen eine Lösung."

Von Neuseeland zurück nach Hamfelde?

Auch deshalb läuft der Gasthof gut. Er beschäftigt zusammen mit dem Bereich Landwirtschaft zehn Festangestellte und 50 Aushilfen. Sylvia Koops hält alle Fäden in der Hand und macht nur selten Urlaub. Abschalten kann sie auch dort, wo sie arbeitet: "Bei der Entspannung hilft die Lage ganz gut", erklärt sie, "auf der anderen Straßenseite liegt das Naturschutzgebiet Hahnheide und auf dem Hof habe ich auch ein paar Ecken, wo ich ungestört bin." Ob der Landgasthof "Waldeslust" irgendwann mal auch in vierter Generation von den Koops betrieben wird? Sylvias Antwort ist ein vorsichtiges Achselzucken. Ihr Sohn, 23 Jahre alt, bringt eigentlich gute Voraussetzungen mit. Er hat in einem Zwei-Sterne-Restaurant eine Lehre als Koch abgeschlossen. Zurzeit lernt er aber die Welt kennen und lebt in Neuseeland. Ob es ihn von dort eines Tages wieder nach Hamfelde zieht, steht noch in den Sternen.

Weitere Informationen

Schluss mit Sauerfleisch und Tanzkapelle

Früher gab es in fast allen Dörfern Schleswig-Holsteins einen Landgasthof. Doch immer mehr von ihnen geben auf. Das hat viele Gründe - wie die "Mühle" am Großen Plöner See zeigt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 07.10.2016 | 06:40 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

07:33

Wirbel um Abschiebung einer albanischen Familie

17.08.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
02:24

Saisoneröffnung in der Handball-Bundesliga

17.08.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
02:46

B 404: Kontrollen gegen riskante Überholmanöver

17.08.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin