Stand: 28.12.2016 16:15 Uhr

Habeck: Name ist "wurst", Debatte albern

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Landwirtschaftsminister Robert Habeck findet die Debatte über "vegane Wurst" albern.

Schmeckt wie Wurst, sieht aus wie Wurst - enthält aber kein Fleisch, sondern meistens pflanzliches Eiweiß. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will, dass die Hersteller solche Produkte nicht mehr als "vegane Wurst" oder "vegetarisches Schnitzel" verkaufen dürfen. Eine alberne Debatte, sagte Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) im Interview. Seiner Meinung nach können Verbraucher Wurst und vegane Ersatzprodukte nicht verwechseln. Er wirft Schmidt vor, nur die Fleischindustrie stärken zu wollen.

Wie groß ist denn Ihrer Meinung nach die Verwechslungsgefahr tatsächlich?

Robert Habeck: Die Verwechslungsgefahr ist null - und das ist nicht nur meine Meinung, sondern das ist untersucht worden vom Lebensmittel- und Veterinärinstitut Braunschweig/Hannover. Die haben eine Probereihe durchgeführt für verschiedenste vegetarische und vegane Produkte und es gibt null Verwechslungsgefahr. Es gibt außerdem eine Rechtsnorm, die besagt, dass die Kennzeichnung vegan/vegetarisch neben dem Produkt sein muss und 75 Prozent der Schriftgröße ausmachen muss. Wer lesen kann, hat also keine Chance, sich zu vertun.

Bauernverband für mehr Klarheit

Der Bauernverband in Schleswig-Holstein unterstützt den Vorstoß von Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt. "Wir begrüßen jede Initiative, die dazu führt, dass es für den Verbraucher mehr Transparenz und Klarheit bei Lebensmitteln gibt", sagte Michael Müller-Ruchholtz, der die Umweltabteilung des Verbands leitet. Der Bauernverband fordert, den Herstellungsprozess und die Zutaten insgesamt noch deutlicher zu kennzeichnen - zum Beispiel auch gentechnisch veränderte Enzyme, die in der Produktion verwendet wurden.

Wir haben natürlich auf der Straße nachgefragt - und da haben fast alle gesagt: Ja, ich finde das verwirrend und ich fühle mich betrogen, weil nicht drin ist, was draufsteht.

Habeck: Wahrscheinlich sind das lauter Leute, die keine vegetarischen oder veganen Produkte nehmen. Denn, wirklich: Wenn man in einen Supermarkt geht, ist es deutlich beschildert. Ich glaube, dass Herr Schmidt etwas anderes im Sinn hat. Das reiht sich ein in eine Reihe von Vorschlägen, wie den Fleischkonsum in Kitas oder insgesamt hochzufahren. Herr Schmidt versteht sich auch als Vertreter der Fleischindustrie und er will mit der Debatte um die Wurst die "Quasi-Leitkulturdebatte" über die Menge des Fleischkonsums stützen. Das ist eine alberne Debatte.

Aber um auf das andere nochmal zurückzukommen: Sie würden mir aber schon zustimmen und sagen, dass Verbraucher das Recht haben zu erfahren, was in Lebensmitteln drin ist?

Habeck: Selbstverständlich, da gebe ich Ihnen völlig Recht. Man muss ausschließen, dass Verbraucher betrogen werden. Das ist völlig klar. Allerdings stimme ich nicht zu bei der Beschreibung: In Wurst ist Fleisch drin. Da empfehle ich einen Blick in den Duden - da steht nicht, dass Wurst Fleisch hat, sondern es ist die Art des Aufstrichs und die Form der Produkte. Das ist sozusagen ein Kurzschluss. In Sojamilch ist auch nicht Milch drin und wenn man von alkoholfreiem Bier spricht, redet man ja immer noch von Bier. Die Inhaltstoffe definieren also nicht das Produkt.

Robert Habeck vor grünem Hintergrund © NDR Fotograf: Kalina Nennstiel

Habeck: "Eine alberne Debatte"

NDR 1 Welle Nord -

Können Verbraucher vegetarische Ersatzprodukte mit echter Wurst verwechseln? Über die Debatte hat Moderator Pascal Hillgruber mit Landwirtschaftsminister Robert Habeck gesprochen.

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Da muss man also ganz genau hingucken. Die Krux ist aber doch momentan, dass sich im Sprachgebrauch der Menschen Dinge verselbstständigen?

Habeck: So ist es. Das gilt für alle möglichen anderen Bereiche auch. Wir reden von E-Mobilen und meinen damit Autos. Aber nicht unbedingt benzin-fahrende Autos. Mir persönlich ist es völlig egal, ob es Wurst oder Aufschnitt heißt. Mir geht es eher darum, dass die Debatte sich unsäglich einreiht in den Kulturkampf um die Menge an Schweinefleisch, die wir zu uns nehmen. Da ist Herr Schmidt auf dem falschen Weg.

Wie realistisch ist es denn überhaupt, dass dieser Vorstoß in einem Gesetz endet?

Habeck: Ich glaube, die Welt hat andere Probleme, als sich darüber zu unterhalten, ob wir vegetarische Wurst oder vegetarischen Aufschnitt auf die Packung schreiben.

Das Interview führte Pascal Hillgruber.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein am Nachmittag | 28.12.2016 | 16:16 Uhr

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