Stand: 12.01.2017 18:57 Uhr

Ex-HSH-Schiffe: Staatsflotte auf Crashkurs?

von Patrik Baab, Stefan Eilts

Ein halbes Jahr ist es her, dass Hamburg und Schleswig-Holstein gemeinsam faule Schiffskredite aus der HSH Nordbank herausgekauft haben. So sollte die seit Jahren wankende Landesbank entlastet und für mögliche Kaufinteressenten aufgehübscht werden. Ende Dezember hat die zuständige Zweckgesellschaft der beiden Länder erstmals einen Quartalsbericht verfasst. Das vertrauliche Papier liegt NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin vor. Dem Bericht zufolge sind die Schiffe, deren Kredite mittlerweile den Ländern gehören, im dritten Quartal 2016 extrem unter Druck geraten. Fast das komplette Portfolio droht demnach auszufallen. Die Opposition fürchtet Milliardenverluste und fordert einen Untersuchungsausschuss. Finanzministerin Monika Heinold (Grüne) beschwichtigt: Die zuständige Länderanstalt hätte bereits Risikovorsorge gebildet.

"HSH Portfoliomanagement" soll Schaden minimieren

Das Unternehmen, um das es geht, wirkt klein und unscheinbar und ist noch im Aufbau begriffen. 34 Mitarbeiter sind mittlerweile beschäftigt, weitere sollen dazu kommen. Eine Homepage hat die "HSH Portfoliomanagement" noch nicht. Doch die Mitarbeiter in dem Gebäude hantieren mit Milliardensummen - und dem Wohl der Steuerzahler von Hamburg und Schleswig-Holstein. Das Unternehmen gehört den beiden Bundesländern und wurde ausschließlich gegründet, um der wankenden HSH Nordbank faule Schiffskredite abzukaufen. 2,4 Milliarden Euro haben die beiden Länder im vergangenen Sommer für die Papiere, die früher mal fünf Milliarden wert waren, gezahlt. Es handelt sich um Kredite, mit denen vor Jahren der Bau von 252 Schiffen finanziert wurde, die heute allesamt tief in der Krise stecken.

Schifffahrtsmärkte brechen weiter ein

Die 34 Angestellten am Kieler Martensdamm haben nur eine Aufgabe: Die faulen Papiere irgendwie langfristig doch noch zu Geld zu machen. Sie sollen warten, bis die Schiffseigner wieder Zinsen zahlen können, sie sollen Kredite umstrukturieren, Teilschulden erlassen oder Käufer für die Papiere finden. So soll der durch die Krise der HSH Nordbank angerichtete Schaden für Hamburg und Schleswig-Holstein in Grenzen gehalten werden.

Doch die Lage auf den Weltmärkten macht den Angestellten der "HSH Portfoliomanagement" das Leben extrem schwer. Die Charterraten für die Schiffe sind bereits im Keller und werden sich wohl auch nicht erholen. Man verzeichne einen "erheblichen Einbruch" der Charterraten-Prognosen über alle Containerschiffs-Typen hinweg, so der Bericht. Die Prognosen sanken innerhalb eines Jahres demnach um 4 bis 21 Prozent.

Massive Kreditausfälle drohen

Die "HSH Portfoliomanagement AöR"

Die Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein haben der HSH Nordbank im Sommer 2016 faule Schiffkredite in Milliardenvolumen abgekauft. So soll die kriselnde Landesbank entlastet und für Investoren aufgehübscht werden. Denn die EU hat entschieden, dass die HSH Nordbank bis Februar 2018 verkauft werden muss - sonst erfolgt die Abwicklung der Bank.

Die beiden Bundesländer haben für den Kauf der Schiffskredite die gemeinsame "HSH Portfoliomanagement AöR" gegründet, eine Art Schattenhaushalt. Die "HSH Portfoliomanagement" hat der HSH Nordbank 2,4 Milliarden Euro für die Papiere bezahlt. Dahinter verbergen sich aktuell Kredite für 252 Schiffe. Der ursprüngliche Wert der Kredite hatte fünf Milliarden Euro betragen.

Am schlimmsten sehe es bei den kleinen bis mittleren Schiffen der "Handymax"- und "Panamax"-Klasse aus, heißt es in dem Papier. Ausgerechnet diese Schiffe, die Platz für 1.000 bis 4.300 Container haben, machen den Schwerpunkt des Länderportfolios aus. Die Panamax-Schiffe haben Experten zufolge tägliche Betriebskosten von etwa 6.000 US-Dollar. Die Charterraten lagen im Dezember aber bei nur noch gut 4.000 Dollar pro Tag. Die Schiffe fahren also selbst bei guter Auslastung Verluste ein, ihre Eigner können die Kredite bei der "HSH Portfoliomanagement" immer seltener bedienen.

Wie es um das Kreditpaket steht, geht aus einer Auflistung in dem Bericht hervor. Demnach besteht nur bei zwei Prozent des Portfolios kein akuter Handlungsbedarf. Für den großen Rest des Portfolios setzt die "HSH Portfoliomanagement" eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 100 Prozent an. Hier erwarten die staatlichen Schiffsfinanzierer, dass die Schuldner ihre Verbindlichkeiten im kommenden Jahr nicht begleichen können, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Für mehrere Schuldner werden dem Bericht zufolge Restrukturierungen geprüft – also ähnliche Schuldenschnitte wie den umstrittenen Forderungsverzicht beim Hamburger Reeder Bernd Kortüm. Dies würde zu Verlusten in den Büchern der Länderanstalt führen.

  • HSH Nordbank: Mögliche Milliardenschäden für den Steuerzahler

    Hamburg und Schleswig-Holstein haben während der Krise 2009 eine 10-Milliarden-Euro-Garantie für die HSH ausgesprochen. Anfang Dezember hat HSH-Chef Ermisch erstmals eingeräumt, dass die Bank wohl die kompletten zehn Milliarden in Anspruch nehmen muss.

  • HSH Nordbank: Mögliche Milliardenschäden für den Steuerzahler

    Im Sommer 2016 haben die beiden Länder der Bank 2,4 Milliarden Euro für die faulen Schiffskredite bezahlt. Die Hoffnung der Landesregierungen war, diese Papiere langfristig zumindest in Teilen zu Geld zu machen. Ob dies gelingt oder sogar weitere Verluste entstehen, ist fraglich

  • HSH Nordbank: Mögliche Milliardenschäden für den Steuerzahler

    Darüber hinaus hoffen die Landesregierungen, die HSH bis Februar 2018 für möglichst viel Geld verkaufen zu können. Ob sich Käufer finden, ist offen.

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    Wie groß der durch die HSH entstandene Schaden am Ende insgesamt sein wird, lässt sich noch nicht beziffern. Während FDP-Fraktionschef Kubicki von 15 Milliarden Euro pro Bundesland ausgeht, heißt es von der Landesregierung regelmäßig, man wolle den Schaden so gering wie möglich halten.

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Opposition fürchtet Totalverlust

Was ist das Portfolio also aktuell wert? Die "HSH Portfoliomanagement" hatte bereits im Dezember eine Risikovorsorge von 341 Millionen Euro gebildet, um auf zu erwartende Verluste vorbereitet zu sein. Anstatt der gezahlten 2,4 Milliarden Euro wäre das Portfolio aktuell entsprechend weniger wert. Für Tobias Koch, finanzpolitischer Sprecher der CDU, ist das nur der Anfang. Er befürchtet nach dem Quartalsbericht nahezu einen Totalverlust der Investition aus dem Sommer: "Das ist das Eingeständnis, dass keine Fortführungsperspektive für diese Schiffe besteht, dass die Kredite ausfallen werden, dass am Ende nur noch ihr Schrottwert bleibt."

Stephan Jersch, der für die LINKE in der Hamburger Bürgerschaft sitzt, geht davon aus, dass noch in diesem Jahr von der ursprünglichen Investitionssumme von 2,4 Milliarden Euro Verluste von einer Milliarde abgeschrieben werden müssen. Diese Zahl nennt auch der Kieler FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki, "weil Schleswig-Holstein und Hamburg bei der Übernahme des Portfolios mindestens eine Milliarde zu viel bezahlt haben". Die Annahmen und Berechnungen der Gutachter im Rahmen des ursprünglichen Ankaufs der Papiere seien erkennbar falsch gewesen - das hätten Finanzministerin Monika Heinold und ihr Staatssekretär erkennen können, so Kubicki. Er und CDU-Mann Koch bringen einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss ins Spiel.

Heinold verweist auf Risikovorsorge

Finanzministerin Heinold will über zukünftige Entwicklungen des Portfolios nicht spekulieren: "Es war klar, dass wir der Bank schwierige Kredite abgenommen haben und dass diese zum Teil auch ausfallgefährdet sind. Die 'Portfoliomanagement' steuert diese Kredite durch schwere Zeiten." Heinold verweist auf die aktuell gebildete Risikovorsorge von 341 Millionen Euro. Diese Risiken sehe die Länderanstalt momentan. Wenn sich dies ändere, werde die "HSH Portfoliomanagement" erneut reagieren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 12.01.2017 | 17:00 Uhr

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