Stand: 08.08.2014 14:44 Uhr

Gutfleisch: Kritik an Schweinehaltung

Ein verwesendes Schwein, das aufgedunsen im Gang eines Mastbetriebes liegt. Enge Ställe, in denen sich Schweine mit blutigen, verstümmelten Schwänzen drängen. Ein anderes Schwein liegt lethargisch am Boden. Seine Artgenossen fallen über das Tier her, knabbern seine Ohren an. Muttertiere, die in engen Kastenständen stehen und sich offenbar nicht einmal umdrehen können. Es sind Bilder, die nicht nur für Tierschützer schwer zu ertragen sind.

Fünf Höfe in Schleswig-Holstein im Visier

Entstanden sind sie auf fünf Höfen in Schleswig-Holstein. Heimlich gefilmt von Tierschutz-Aktivisten. Besonders brisant: Die Mastbetriebe stehen auf der Liste derjenigen Höfe, die Fleisch für die Edeka-Marke Gutfleisch liefern. Und das, obwohl Gutfleisch damit wirbt, besonders auf den Tierschutz zu achten - seine Hand also quasi für seine Höfe ins Feuer legt: "Unsere Landwirte halten die Tiere artgerecht und dokumentieren ihre Gesundheit. [...] Wir haben direkten Kontakt zu unseren Landwirten; jeder Hof dokumentiert seine Arbeit genau."

Tierschützerin: "Unbeschreibliches Tierelend"

Ria Rehberg von der Organisation Animal Equality war selbst in den betreffenden Höfen unterwegs. Das Markenversprechen von Gutfleisch sieht sie hier nicht erfüllt: "Das wird uns natürlich suggeriert, aber, wie wir gesehen haben, ist das überhaupt nicht der Fall. Wir haben wirklich in jedem einzelnen Betrieb, der offen war und in den wir reingegangen sind, schreckliche Dinge gefunden. Wir haben Verstöße und unbeschreibliches Tierleid vorgefunden."

Entsetzt reagiert auch Roland Ferber, als NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin ihm die Bilder zeigen. Ferber hat die Gutfleisch-Marke mit entwickelt - und ist seit einem Jahr im Ruhestand. "Ich würde sagen, das kann kein Gutfleisch sein! So etwas haben wir uns nicht vorgestellt."

Wird nicht ausreichend kontrolliert?

Die Haltungsbedingungen, die auf den Videos dokumentiert sind, sind aus Ferbers Sicht nicht vereinbar mit der Marke Gutfleisch: "Wenn der Landwirt Tiere für ein Markenfleisch-Programm produziert, dann sind solche Zustände überhaupt nicht akzeptabel. So etwas entspricht weder dem Tierschutz noch dem geltenden Recht oder irgendwelchen Gutfleisch-Kritierien. Das ist Tierquälerei!" Kann Ferber sich erklären, warum es zu solchen Verstößen kommt? Er findet, dass es an Kontrollen fehle: "Ich bin früher selbst in diese Betriebe gegangen. Und wenn mir so etwas aufgefallen ist, dann habe ich das mit den Landwirten vor Ort besprochen und habe ihnen eine Frist gegeben, das abzustellen - und so lange war der Betrieb gesperrt."

Edeka leitet interne Prüfung ein

Edeka-Nord hat sich nach der Berichterstattung von NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein-Magazin ausdrücklich von den gezeigten Zuständen in den fünf Schweinemastbetrieben distanziert. Die gezeigten Aufnahmen entsprächen nicht den Gutfleisch-Richtlinien, heißt es in einer Mitteilung auf der Homepage des Unternehmens. Man nehme die Vorwürfe sehr ernst und habe eine umfassende interne Prüfung eingeleitet. Edeka-Nord verweist auf ein umfangreiches Kontrollsystem zur Einhaltung von Tierschutzstandards, das in den vergangenen Jahren weiter ausgebaut worden sei.

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Ria Rehberg ist Tierschutz-Aktivistin bei "Animal Equality". Sie wirft den Gutfleisch-Zulieferern systematische Tierschutzverstöße vor.

Ria Rehberg von Animal Equality Deutschland hingegen denkt sogar, dass Tierschutz-Verstöße häufiger vorkommen: "Ich würde auf jeden Fall sagen, dass das systematisch ist, denn wenn wir in fünf Betriebe reinschauen und in jedem einzelnen Missstände sehen, dann können das keine Einzelfälle sein."

Gutfleisch -"Mitgründer" Ferber: "Der Landwirt ist das schwächste Glied"

Für Roland Ferber verliert die Marke Gutfleisch, die er als sein Lebenswerk betrachtet, so ihre Glaubwürdigkeit. Er wünscht sich, dass sich das System von Grund auf ändert - und das heißt aus seiner Sicht vor allem, dass der Handel den Produzenten mehr zahlen muss: "Der Landwirt selber ist das schwächste Glied. Man muss ihnen natürlich die Arbeit und den Aufwand bezahlen. Letztlich macht ja der Handel die Preise und da ist Vieles möglich!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.08.2014 | 11:00 Uhr