Stand: 30.11.2015 18:02 Uhr

Friesenhof: "Niemand fühlte sich zuständig"

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Die Meldorfer Amtsrichterin Christiane Orgis hat als Zeugin vor dem Friesenhof-Untersuchungsausschuss ausgesagt.

Es sind schwere Vorwürfe, die eine Meldorfer Amtsrichterin im Fall der Friesenheime erhebt. Scharfe Kritik an dem Umgang mit den Mädchen genauso wie an den Behörden, die nach Meinung von Chrisitiane Orgis die Verantwortung hin und her geschoben haben. Keiner wollte für die Kinder im Friesenhof zuständig sein. Und das Heim habe auch ein Mädchen aufgenommen, das eigentlich geschlossen untergebracht werden musste. Das sind zwei Vorwürfe, die die Amtsrichterin erhebt. Im Friesenhof-Untersuchungsausschuss des Landtages kritisierte sie am Montag die Zustände in den Friesenhof-Mädchenheimen und das Heimsystem generell. Orgis schilderte vier Fälle aus den Jahren 2010 und 2013, in denen sie als Richterin mit den Friesenhof-Heimen zu tun hatte.

"Keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen"

Dabei sei es immer um Mädchen gegangen, die häusliche Gewalt erfahren hatten, betonte Orgis. Keines der Kinder, mit denen sie zu tun hatte, sei kriminell oder drogensüchtig gewesen seien, wie es die Heimleitung gerne darstelle, kritisierte die Amtsrichterin. Das Heim "Nanna" sei nach ihrem Eindruck bereits 2010 wie eine quasi-geschlossene Anstalt geführt worden, so die Richterin. Es habe keine Möglichkeiten gegeben, sich tagsüber in die Zimmer zurückzuziehen.

"Aus Mangel an Alternativen toleriert"

Auch die Behörden und die Politik kritisierte Orgis. Mit Blick auf den Fall, in dem ein Mädchen aufgenommen wurde, das eigentlich in eine geschlossene Anstalt gehört hätte, sagte die Richterin, sie habe den Eindruck gehabt, dass der Friesenhof alle Kinder aufnehme - auch in anderen Fällen. Sie vermute, dass Jugendämter und Aufsichtsbehörden dies gewusst hätten und es aus Mangel an Alternativen toleriert hätten.

Mit dem Problem, dass es in Schleswig-Holstein keine geeigneten geschlossenen Einrichtungen gebe, die psychisch kranke Kinder aufnehmen können, sei sie an den damaligen Sozialminister Heiner Garg (FDP) herangetreten. Die Antwort des Sozialministeriums kann man laut der Zeugin folgendermaßen zusammenfassen: "Kurz gefasst hieß es: Wir sind nicht zuständig." Ähnliche Antworten habe sie von anderen Behörden auch oft erhalten.

Reaktion ausgeblieben

Orgis berichtete weiter, dass sie 2014 in einem Fachartikel grundsätzliche Systemfehler und Missstände bei der Unterbringung von Heimkindern am Beispiel der Situation in Dithmarschen skizziert habe, ohne konkrete Einrichtungen zu nennen. Sie beziehe sich darin jedoch auch auf Eindrücke, die sie in den Friesenhofheimen bekommen hat. Eine Reaktion auf ihren Artikel aus dem Sozialministerum sei jedoch ausgeblieben.

CDU und FDP: Alheit hat versagt

Die Einrichtung in Dithmarschen war im Juni nach massiven Vorwürfen wegen unzureichend ausgebildeten pädagogischen Personals und menschenentwürdigender Methoden im Umgang mit untergebrachten Mädchen geschlossen worden. Dabei soll es seit Jahren Vorwürfe gegeben haben, gehäuft seit Sommer 2014. CDU und FDP warfen Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) Versagen vor. Die Ministerin versicherte, sie habe von den Anschuldigungen gegen den Friesenhof erst im Mai 2015 erfahren.

Am Freitag hatte ein Gutachter im Auftrag des Sozialministeriums die Heimaufsicht entlastet. Es habe "kein Versagen der Heimaufsicht in Schleswig-Holstein und auch kein Versagen der Ministerin" gegeben, sagte Gutachter Christian Schrapper von der Universität Koblenz-Landau. Aus seiner Sicht gebe es keine Anzeichen, dass aus Überlastung Hinweisen nicht ausreichend nachgegangen wurde.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 30.11.2015 | 19:30 Uhr