Stand: 01.02.2016 19:10 Uhr

Flughafen Lübeck: "Im Prinzip überflüssig"

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Dieter Faulenbach hat als Flughafenplaner und -berater weltweit Erfahrung.

Im Februar will Isolvenzverwalter Klaus Pannen einen neuen Investor für den Lübecker Flughafen präsentieren. Es wäre der vierte Investor, der in Blankensee antritt. Hat der Flughafen eine Chance? Können Regionalflughäfen überhaupt wirtschaftlich betrieben werden? NDR.de hat darüber mit Dieter Faulenbach gesprochen. Der Offenbacher ist Diplom-Ingenieur und hat als Flughafenplaner und -berater weltweit Erfahrung. Faulenbach ist in der Szene nicht unumstritten. Für Furore sorgte er, als er bereits 2006 eine Kostenexplosion am Berliner Flughafen "BER" voraussagte. Es hagelte Kritik. Später wurden seine Befürchtungen aber sogar übertroffen.

Herr Faulenbach, der Flughafen Lübeck kämpft seit Jahren ums Überleben, drei private Investoren haben sich mittlerweile erfolglos versucht. Ist Lübeck ein Einzelfall?

Dieter Faulenbach: Nein. Regionalflughäfen wie der Flughafen Lübeck können sich nicht selbst tragen, das zeigt der Markt nicht nur im Moment, sondern dauerhaft. Der Luftverkehrsmarkt ist ja ein begrenzter Markt. Und je mehr Flughäfen ich baue, desto weniger Verkehr haben die einzelnen Flughäfen. Das heißt, ich teile den Verkehr nur unter den Flughäfen auf. Mit anderen Worten: Die Flughäfen kannibalisieren sich untereinander, das kann kein vernünftiges Geschäftsmodell sein.

Oft sind, wie in Lübeck, sogenannte Billig-Fluglinien aktiv. Was versprechen die sich denn von diesen Flughäfen?

Faulenbach: Die Billig-Carrier haben das Geschäftsmodell der abseits gelegenen Flughäfen gefunden, und machen dort positive Effekte auf die Regionalwirtschaft geltend. Deren Vorhandensein bezweifle ich. Aber den betroffenen Regionen wird versucht klar zu machen: "Ihr werdet an den internationalen Luftverkehrsmarkt eingebunden, das ist ganz wichtig für Euch. Und dafür müsst ihr auch was springen lassen."

Flughafen Lübeck: Ein Investor jagt den nächsten

Eine direkte Bezuschussung für Airlines ist aber ja nicht zulässig...

Faulenbach: Aber es werden andere Methoden gefunden. Zum Beispiel kann man es vertraglich so regeln, dass ein Flugzeug nach der Landung schneller wieder "umgedreht", also abflugbereit gemacht werden muss. Und der Flughafen bekommt nur Geld von der Airline, wenn er diese Zeiten einhält. Wenn man das Flugzeug in 30 statt in 60 Minuten umdrehen muss, braucht man aber mehr Personal, obwohl Regionalflughäfen ja meist nur wenige Spitzenzeiten haben und den Rest des Tages wenig Betrieb. Das Personal vorzuhalten kostet Geld. Insofern sind diese Flughäfen nicht konkurrenzfähig.

Wie soll es Regionalflughäfen dann gelingen, seriöse Investoren zu finden?

Faulenbach: Also die seriösen Investoren, die ich kenne, die suchen sich Flughäfen, bei denen sie einen wirtschaftlichen Betrieb sicherstellen können. Bei Regionalflughäfen von 500.000 bis drei Millionen Fluggästen im Jahr wird man nie ein wirtschaftliches Betreibermodell hinkriegen. Deshalb halte ich es für unwahrscheinlich, dass man für den Flughafen Lübeck alleine einen seriösen Investor finden wird.

Können sie sich dann erklären, warum die Stadt Lübeck so an dem Flughafen festhält?

Faulenbach: Der Luftverkehr wird immer als wichtig für die nationale Wirtschaft im internationalen Handel beschrieben, entsteht aber in der Regel aus Kirchturmdenken. Die Kirchturmpolitik spielt bei der Standortwahl eines Flughafens eine dominierende Rolle. Das ist übrigens nicht nur bei kleinen Flughäfen wie Lübeck so, sondern auch bei Großflughäfen wie Frankfurt.

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Flughäfen also als Prestigeobjekt?

Faulenbach: Flughäfen sind Prestigeobjekte, ja, keine Frage. Man lässt sich dazu dann noch Gutachten machen, die dann bescheinigen, dass der Flughafen regional wirtschaftliche Effekte habe, die aber noch niemand nachgewiesen hat.

Also ist so ein Flughafen wie Lübeck eigentlich überflüssig?

Faulenbach: Im Prinzip ist ein Flughafen wie Lübeck überflüssig, ja. Man kann ihn nur sinnvoll betreiben, indem man ihn in ein größeres Geschäftsmodell einbindet und nicht als Einzelflughafen betreiben will.

In Lübeck müssten Fördergelder in Millionenhöhe von der Stadt zurückgezahlt werden, wenn der Betrieb nicht weiterläuft. Und die Stadt argumentiert auch damit, dass der Rückbau extrem teuer würde. Sind das auch möglich Argumente, sich immer wieder neue Investoren zu suchen?

Faulenbach: Ich kenne die Finanzsituation der Stadt Lübeck nicht, aber natürlich können diese Überlegungen eine Rolle spielen. Die Frage ist bei allen Regionalflughäfen nur, ob es nicht sinnvoller ist, irgendwann mal einen Schnitt zu machen. Die Defizite werden ja nur noch größer, die werden ja nicht geringer. Und die Frage ist: Wer trägt das Defizit später wieder ab?

Der Steuerzahler?

Faulenbach: Das ist zumindest eine Gefahr. Es gibt Beispiele, wo Flughafenbetreiber sagen: Es gibt die gesetzliche Auflage, dass ein Flughafen eine Feuerwehr und Fluglotsen braucht. Und wenn das eine gesetzliche Auflage ist, müsse die öffentliche Hand auch die Kosten übernehmen. Wie genau das in Lübeck geregelt ist, weiß ich nicht. Natürlich versucht man jetzt zu sagen: Wir suchen einen neuen Betreiber und es kommen keine Kosten auf uns zu und wir hoffen dass es gut geht. Aber eigentlich können wir jetzt schon vorhersagen: Es wird nicht gutgehen.

Das Interview führte Carsten Janz, Schleswig-Holstein Magazin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 01.02.2016 | 19:00 Uhr