Stand: 27.08.2015 06:00 Uhr

Flüchtlinge: "Eliane ist eine gute Frau"

von Maja Bahtijarevic

Eliane Sievers schaut auf die Uhr. Es ist 9.30. "In einer Viertelstunde hole ich die Familie Islami ab, und um spätestens halb elf sollten wir beim Amt sein", sagt die energiegeladene Frau und trinkt schnell ihre Tasse Kaffee aus. Die Brüder Gani und Ali Islami sind vor einem halben Jahr mit ihrer insgesamt zehnköpfigen Familie aus dem Kosovo gekommen. Mittlerweile leben sie in einem vom Sozialamt angemieteten Haus in der Nähe von Rendsburg. Eliane Sievers hilft ihnen bei Behördengängen, ehrenamtlich - sie muss einfach, aus Mitgefühl. "Als der Gemeindebrief im Februar gekommen ist und da drin stand, dass sie Betreuer für Flüchtlinge suchen, musste ich nicht lange nachdenken", erinnert sich die 66-Jährige. Die Breiholzerin schlüpft in ihre Sandalen und fährt fünf Minuten später auf den Hof des alten Bauernhauses im Nachbarort.

Gerne unterwegs für die, die sie brauchen

Für einen Stempel in die Zuwanderungsbehörde

Heute steht die Verlängerung der Asylbewerberausweise an. Gani Islami begrüßt die Helferin mit einer herzlichen Umarmung. "Wir müssen uns beeilen! Hast Du Ausweise? Stempel, Stempel!", fragt sie neckisch und hämmert sachte mit der Faust in die offene Hand. Gani nickt, die Papiere der ganzen Familie in der Hand. "Meine Chefin!", ruft er mit einem starken Akzent und lacht. Er spricht fast kein Deutsch, doch dank des Unterrichts, den Eliane Sievers und die anderen Helfer regelmäßig organisieren, versteht er schon recht viel. "Wenn's mal hakt, dann verständigen wir uns halt mit Händen und Füßen", sagt Sievers selbstverständlich und zuckt mit den Schultern. Mindestens drei volle Tage in der Woche ist sie für Flüchtlinge unterwegs. Das Sozialamt deckt das Kilometergeld, aber das ist der Rentnerin eigentlich gar nicht so wichtig.

Mehrtägige Flucht nach Deutschland

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Die Familie ist vor der Armut in ihrem Heimatland Kosovo geflohen. Eliane Sievers unterstützt die Familie, seit sie in ihr Nachbardorf gezogen sind.

Gani Islamis 20-jähriger Sohn Adil und Bruder Ali Islami begleiten die Beiden zur Zuwanderungsbehörde in Rendsburg. Auf Sievers' Beifahrersitz erinnert sich Gani Islami an die Flucht. "Zu der Zeit fuhren etwa zehn Busse täglich aus dem Kosovo raus", berichtet der 46-Jährige auf Serbokroatisch. Die Reise ging durch Serbien, zu Fuß über die Grenze nach Ungarn, dann mit dem Zug weiter durch Österreich nach Deutschland. Mehrere Tage war die Familie unterwegs, als Gepäck hatten sie nur einen kleinen Rucksack pro Person mit. "In unserem Heimatland ist es sehr schlecht," sagt Gani Islami und meint die wirtschaftliche Situation. Auf die korrupten Politiker bräuchten sie nicht zu bauen. "Dort gibt es kein Geld, keine Arbeit", erzählt er, "es gibt einfach keine Zukunft."

Nicht alle finden Sievers' Arbeit gut

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Die Fahrt zum Amt dauert 15 Minuten. "Normalerweise lernen wir im Auto immer was Neues dazu", erzählt Sievers. "Ich frage dann: 'Was ist das? Was ist das?', und sie antworten." Heute wird gescherzt und gelacht. "Elijana je dobra žena", sagt Ali Islami - Eliane ist eine gute Frau. "Sie kommt immer und bringt uns, was wir brauchen, Kleidung, Fahrräder." Für ihr Engagement bekommt Sievers in ihrem Bekanntenkreis viel Zuspruch, vor allem ihre Familie steht ganz hinter ihr. "Die bremsen mich aber auch mal, wenn ich zu viel will". Doch nicht alle in Breiholz finden ihren Einsatz gut. "'Was machst Du denn da mit den Flüchtlingen?'", ahmt Sievers ihre Kritiker mit überspitzter Mimik und weit aufgerissenen Augen nach. "Die sagen: 'Den Flüchtlingen wird alles hinterhergeworfen.' Und wenn ich frage, 'was denn genau?', dann kommt nichts." Sie schüttelt ungläubig den Kopf. "Einer aus dem Dorf grüßt mich auch nicht mehr. Ich bin die Rechtfertigungen leid. Manchmal tut es auch weh, aber da steh' ich drüber."