Stand: 21.02.2016 15:42 Uhr

Experte: Zahl der Bauern mit Burn-out nimmt zu

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Berät Bauern bei psychischen Problemen: Landwirt Hans Friedrichsen.

Bauern stehen unter Druck: Sie müssen oft große Investitionen abbezahlen - und haben gleichzeitig mit sinkenden Preisen zu kämpfen und einem schlechter werdenden Image ihres Berufs in der Gesellschaft. Das schlägt durch - nicht nur auf die Bilanzen der Bauernhöfe, sondern auch auf die Psyche der Landwirte. Das merkt zum Beispiel Hans Friedrichsen aus Horstedt (Kreis Nordfriesland). Er ist Ansprechpartner für Betroffene von Burn-out und Depressionen aus der Landwirtschaft und ihre Angehörigen.

Psychische Erkrankungen oft Grund für Erwerbsminderung

Psychische Erkrankungen seien mehr geworden, sagt Friedrichsen, der auch Vorstandsmitglied der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVFLG) ist. Etwa bei jedem sechsten Landwirt waren bundesweit im Jahr 2013 nach Angaben der Sozialversicherung Burn-out, Depressionen und andere psychische Erkrankungen die Ursache für Erwerbsminderungen (16,72 Prozent). Noch häufigere Gründe für Erwerbsminderungen waren nur Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes (33,18 Prozent). Im Jahr 2013 erhielten etwa 50.000 Mitglieder der SVFLG Erwerbsminderungsrente.

Berater beklagt "Hetzkampagne gegen Landwirte"

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Bauern und Kritiker der konventionellen Landwirtschaft haben eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung des Berufs.

Die Gemengelage derzeit sei schwierig für viele Landwirte, sagt die Sprecherin des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Kirsten Hess. Auch bei Gesprächen zwischen Verbandsvertretern und Landwirten nehme das Thema Burnout immer mehr Raum ein, sagt Hess. Ein Problem seien die derzeit desaströsen Preise und die öffentliche Diskussion. Wenn man kein Geld verdiene und dann noch gesagt bekomme, dass das, was man mache, verwerflich sei, überfordere das viele Landwirte. Friedrichsen sieht es ähnlich: "Zu der wirtschaftlichen Situation und der wahnsinnigen Flut an Gesetzen, Verordnungen und Auflagen kommt diese unsägliche Diskussion in der Öffentlichkeit." Seiner Meinung nach betreibt "eine kleine Gruppe von Ideologen, Idealisten eine regelrechte Hetzkampagne gegen Landwirte". Das auszuhalten und Spaß bei der Arbeit zu haben sei nicht einfach. "Da müsse man schon ein sehr starkes Nervenkostüm haben und sehr selbstbewusst sein."

Viele Bauern haben Schulden

Und viele Landwirte drücken auch finanzielle Sorgen. Viele Höfe seien in der Vergangenheit zu schnell gewachsen. "Zu einer gewissen Größe gehört meiner Meinung nach auch eine gewisse Substanz". Friedrichsen kritisiert ein Stück weit auch die Beratung, die oft nur auf Wachstum abziele und die Eigenkapitalbasis dabei aus den Augen verliere. Wenn dann die Preise einbrechen, komme die Sorge, Kredite bedienen zu können, noch hinzu.

Manchmal leiden auch die Tiere, wenn es den Bauern schlecht geht

In Schleswig-Holstein hat man die Problematik auch erkannt. Der Vertrauensmann für Tierschutz in der Landwirtschaft, Edgar Schallenberger, hat im August 2015 in seinem ersten Bericht festgestellt, dass Missstände in der Tierhaltung oft verbunden mit familiären Problemen oder wirtschaftlichen Druck seien. "Die Tiere mussten leiden, weil die Bauern litten." In solchen Fällen sei psychosoziale Beratung gefragt.

Im Frühjahr Konzept für Netzwerk von Hilfsangeboten

Im nördlichsten Bundesland sind daher derzeit verschiedene Akteure, darunter Ministerium, Bauernverband, Landwirtschaftskammer und Berufsgenossenschaft dabei, ein Netzwerk mit Hilfsangeboten zu knüpfen. "Ziel ist es, Beratungsangebote zu stärken, diese besser zu koordinieren und über sie zu informieren", sagt Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Im Frühjahr sollen erste Ergebnisse vorgestellt werden.