Stand: 03.04.2015 12:41 Uhr

"Es wird über das Sterben diskutiert"

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Anne Münchmeier von der Hospiz-Initiative Kiel spricht unter anderem über die Arbeit ehrenamtlicher Sterbebegleiter.

Sterbebegleitung – das ist derzeit ein großes Thema auch in Schleswig-Holstein. Wie hat sich die ehrenamtliche ambulante Hospiz-Arbeit in Kiel und seinem Einzugsbereich entwickelt? NDR.de hat darüber mit Anne Münchmeier gesprochen. Die 72-Jährige ist erste Vorsitzende der Hospiz-Initiative Kiel e.V.

Frau Anne Münchmeier, die Hospiz-Initiative Kiel feiert 2015 ihr 20-jähriges Jubiläum. Wie kam es damals zur Gründung?

Münchmeier: Bereits 1994 taten sich in Kiel einige Frauen zusammen, die im sozialen Bereich arbeiteten und damit haderten, wie immer wieder Menschen in Krankenhäusern und zuhause alleingelassen sterben mussten. Daher wählten sie auch nach dem Vorbild der 1985 gegründeten, ersten deutschen ambulanten Hospiz-Initiative das Motto "Menschenwürdiges Leben bis zuletzt". Sie taten sich mit anderen zusammen und organisierten Kurse, um Interessierte auf die Arbeit vorzubereiten, schwerkranke und sterbende Menschen zuhause zu begleiten. 1995 erfolgte die Gründung als gemeinnütziger Verein.

Welche Zustände herrschten Mitte der 90er-Jahre?

Münchmeier: Die meisten Krankenhäuser und auch Pflegeheime waren nicht darauf eingestellt, dass bei ihnen Menschen sterben und dass Angehörige sie dabei begleiten und vielleicht an ihrem Bett wachen wollen. Das Sterben musste im Verborgenen geschehen, die Verstorbenen sollten möglichst unsichtbar sein. Das Tabu um Sterben und Tod war noch sehr mächtig.

Es ging also darum, Sterben und Tod anders zu sehen...

Münchmeier: Der Wunsch, zuhause sterben zu dürfen, war schwierig umzusetzen. Es gab nur wenig palliativ ausgebildete Ärzte, die ambulant arbeiteten, und kaum Pflegedienste mit palliativen Fachkräften. Die Angehörigen waren meist sehr hilflos und ängstlich angesichts des Leids der Sterbenden. Inzwischen hat sich vieles verbessert – aber es ist noch nicht genug geschehen. Das große Tabu jedoch ist ins Wanken gekommen. Es wird über das Sterben diskutiert, Filme greifen das Thema auf. Menschen kommen, fragen und holen sich Orientierung.

Wie wird man eigentlich ehrenamtlicher Sterbebegleiter?

Münchmeier: Wer das möchte, erhält zunächst einen Fragebogen: Warum will ich ausgerechnet Sterbende begleiten? Was verspreche ich mir davon für mich selbst? Welche Erfahrungen habe ich mit dem Tod gemacht? Anschließend wird im Gespräch geklärt, ob dieses Ehrenamt wirklich das Richtige ist. Der dann folgende Kurs dauert etwa ein halbes Jahr. Er bereitet darauf vor, entweder Erwachsene zu begleiten oder Familien mit einem erkrankten Kind oder eine Familie, in der ein Elternteil schwerst erkrankt ist. Insgesamt sind es 80 Stunden mit einem Praktikum zur Kursmitte. Nach Abschluss des Kurses erhalten die Absolventen ein Zertifikat und nehmen eine erste Begleitung auf.

Wann geschieht das?

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Münchmeier: Wir bekommen einen Anruf von einem Arzt, einem Pflegedienst oder Pflegeheim oder von Verwandten und Freunden, manchmal auch von dem Menschen selbst. Daraufhin vereinbart eine Koordinatorin einen ersten Besuch. Sie klärt, was der Mensch braucht und erwartet. Die Wünsche können sehr unterschiedlich sein: Etwas tun, was allein nicht mehr möglich ist, etwa gemeinsam an die Förde zu fahren oder etwas vorgelesen zu bekommen. Manchmal soll jemand einfach nur da sein und zuhören. Die Koordinatorin sucht einen Begleiter aus, der am besten zu dem Menschen passen könnte. Ab dem gemeinsamen zweiten Besuch gestaltet der Begleiter die Besuche in Absprache mit dem begleiteten Menschen selbständig. Die Koordinatorin bleibt aber immer als Ansprechpartnerin und Beraterin im Hintergrund – und zwar für beide.

Was ist den Begleitern nicht erlaubt?

Münchmeier: Sie dürfen nichts tun, was mit Pflege und Medizin im engeren Sinn zu tun hat - etwa umbetten. Und kritisch wird es schon, wenn sie aus dem Bett in den Rollstuhl helfen. Sie dürfen keine Wundversorgung machen und, wenn es die Krankheit schwierig macht, auch nicht Essen eingeben. Da muss der Begleiter sehr umsichtig sein und sehr genau seine Grenzen kennen. Über Medizin und Pflege hinaus aber gibt es oft viel zu tun und zu helfen. Für all dies können wir unser großes Plus einsetzen: die Zeit, das kostbare Gut, über das die anderen Dienste nicht verfügen.

Wie viele Begleiter sind derzeit bei der Hospiz-Initiative Kiel engagiert?

Münchmeier: Es sind knapp 150. Das heißt aber nicht, dass sie alle immer im Dienst sind. Alle Ehrenamtlichen haben immer nur eine einzige Begleitung. Ist der Mensch dann verstorben, der in einer längeren oder auch sehr emotionalen Begleitung oft wie ein Freund wurde, pausieren sie. Sie müssen sich sammeln und zu sich kommen können. Es kann auch einmal länger dauern, bis die Bereitschaft für eine nächste Begleitung wieder da ist.

Gibt es spezielle Weiterbildungen?

Münchmeier: Alle Ehrenamtlichen sind verpflichtet, Supervisionen und Fortbildungen zu besuchen. Darüber hinaus bieten wir ihnen ihren Neigungen entsprechende Spezialisierungen an. Einige haben gerade mit einem Kurs zur Trauerbegleitung begonnen. Sehr viele Menschen nehmen unsere verschiedenen Angebote zur Trauerbegleitung an: Einzel- oder Gruppengespräche, das Trauercafé, Trauerwandern oder auch das Sonntagsfrühstück – gegen die Einsamkeit der leeren sonntäglichen Wohnung. Andere Ehrenamtliche spezialisieren sich in Richtung Schulen: Unterrichtseinheiten zum Thema Sterben und Trauer. Andere beginnen, das Problem der Wohnsitzlosen aufzugreifen. Eine Gruppe arbeitet momentan an einem besonderen Thema: Wie sterben Menschen mit schwerer Behinderung? Es gibt erst jetzt eine Generation älterer Menschen in der Regel mit Mehrfachbehinderung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden sind.

Erhält die Hospiz-Initiative Kiel finanzielle Unterstützung vom Land?

Münchmeier: In Schleswig-Holstein gibt es keine Förderung von Stadt und Land für ambulante Hospiz-Dienste wie den unseren, der mit sechs hauptamtlichen Fachkräften arbeitet. Ambulante Hospiz-Dienste ohne hauptamtliche Mitarbeiter bekommen dagegen geringe Zuschüsse vom Land. Allerdings erhalten wir über den Verband der Ersatzkassen Zuschüsse für einen großen Teil unserer Arbeit: für einen Teil der Personalkosten, für Supervisionen und Fortbildungen. Alles andere ist spendenfinanziert. Wir sind sehr dankbar, dass viele Menschen uns mit Spenden unterstützen. Aber der Anteil, den wir an Spenden erwirtschaften müssen, ist bei weitem zu hoch. Es müssen mehr Bereiche verlässlich grundfinanziert werden – vor allem die Trauerarbeit, die bisher keinerlei Zuschüsse erhält.

Das Interview führte Behrang Samsami

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 31.03.2015 | 19:30 Uhr

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