Stand: 20.09.2017 13:21 Uhr

Endlagersuche: "Alte Gutachten sind obsolet"

von Arne Helms

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Wissenschaftler Dahmke sagt, die Salzstöcke in Schleswig-Holstein seien zu wenig erkundet.

In der Diskussion um mögliche Endlager-Standorte für Atommüll in Schleswig-Holstein warnt der Geowissenschaftler Andreas Dahmke von der Universität Kiel vor voreiligen Schlussfolgerungen. "Im Vorfeld für Adrenalin zu sorgen" und einige Gemeinden aufgrund von jahrzehntealten Gutachten für möglicherweise geeignet zu erklären, sei "völliger Quatsch", sagte Dahmke NDR.de. Das Verfahren bei der bundesweiten Suche nach einem Endlager gebe es nicht her, irgendwelche Orte herauszupicken. Hintergrund ist, dass als mögliche Standorte immer wieder die Namen von Gemeinden im nördlichsten Bundesland fallen, die bereits in früheren Gutachten in Betracht gezogen wurden.

Ein Beispiel ist Sterup im Kreis Schleswig-Flensburg. Dort machen sich viele der rund 1.000 Einwohner große Sorgen, dass aus ihrem Ort irgendwann eine Atommüllkippe werden könnte. Am Dienstagabend diskutierten 150 Interessierte bei einer Infoveranstaltung mit Dahmke und weiteren Experten. Es ging unter anderem um Fragen wie: In welcher Tiefe müsste der Atommüll gelagert werden? Ist Sterup überhaupt geeignet für ein Endlager?

"Salzstöcke sind zu wenig erkundet"

Heutzutage Untersuchungen wie jene von 1995 oder älter als Kriterium heranzuziehen, sei "obsolet", erklärte Dahmke im Vorfeld der Infoveranstaltung: "Das ist, als wenn Richter heute ein Urteil sprechen und sich dabei auf eine uralte Rechtsprechung beziehen." Der Wissenschaftler ist kein Experte für radioaktive Abfälle, kennt Schleswig-Holsteins Untergrund nach eigenen Angaben aber "ziemlich gut". Das Land sei von sogenannten Salzmauern durchschlagen - Ablagerungen von großen Meeren, die Schleswig-Holstein vor knapp 300 Millionen Jahren überzogen. Eine dieser Salzmauern habe beispielsweise den berühmten Kalkberg in Bad Segeberg entstehen lassen. Insgesamt seien die Salzstöcke jedoch zu wenig erkundet, um ihre Endlager-Eignung zu beurteilen, so Dahmke.

Abbau von Bodenschätzen? "Wenig günstig"

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Viele Salzstöcke sind nach Angaben des Kieler Wissenschaftlers auf ihre Eignung beispielsweise als Gaskavernen hin untersucht worden. Für Atommüll-Endlager seien andere Untersuchungen notwendig, so Dahmke. Im Standortauswahlgesetz des Bundes sind unter anderem "planungswissenschaftliche Abwägungskritierien" formuliert - aufgeteilt in drei sogenannte Gewichtungsgruppen. In Gruppe 1 gilt ein Abstand von mehr als 1.000 Metern zwischen vorhandener Bebauung und möglichem Endlager zum Beispiel als "günstig". Werden Bodenschätze abgebaut - auch per Fracking - oder ist dies geplant, gilt dies als "weniger günstig", um dort ein Endlager zu errichten.

In Sterup formiert sich Widerstand

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Am Dienstagabend diskutierten 150 Interessierte bei einer Infoveranstaltung mit Dahmke und weiteren Experten in Sterup zum Thema.

Sterup im Kreis Schleswig-Flensburg gehört zu den Gemeinden, die Mitte der 1990er-Jahre als mögliches Endlager in Betracht gezogen wurden. Eine Bürgerinitiative setzte sich dort zuletzt erfolgreich gegen Ölförder-Bohrungen ein. Der Bürgermeister rechnet bereits mit massivem Widerstand, falls der Bund Sterup tatsächlich für ein Atommüll-Endlager in Betracht ziehen sollte. Das Standortauswahlgesetz sieht vor, dass bis 2031 schrittweise ein Standort gefunden wird. "In ganz Deutschland gilt das Prinzip der weißen Landkarte", sagte Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck NDR 1 Welle Nord. Kein Ort müsse mehr Sorgen haben als ein anderer, so der Grünen-Politiker: "Das gilt von Bayern bis Flensburg." Habeck hatte zuletzt für Solidarität geworben.

Forscher widerspricht Umweltminister

Geowissenschaftler Dahmke widerspricht. Die Landkarte sei "eben nicht weiß in Deutschland". Ballungszentren wie etwa in Nordrhein-Westfalen fielen beispielsweise als Endlager-Standorte aus. Dort gebe es zudem wenig Salze und Tone - Gesteinsarten, die unter anderem für die Aufbewahrung von Atommüll als geeignet betrachtet werden und in Schleswig-Holstein zum Beispiel vorhanden sind. Anders herum hält Dahmke es auch für falsch, Naturschutzgebiete von vornherein als mögliche Standorte auszuschließen. "Wenn das Endlager für eine Million Jahre sicher sein soll, was sowieso Käse ist, dann ist es egal, ob dort heute ein Naturschutzgebiet ist oder nicht", sagte der Wissenschaftler.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 20.09.2017 | 08:00 Uhr

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