Stand: 27.04.2016 15:17 Uhr

Die braunen Jahrzehnte im Kieler Landeshaus

Bild vergrößern
1950 beginnt der schleswig-holsteinische Landtag seine parlamentarische Arbeit. Mit dabei waren zahlreiche Politiker mit NS-Vergangenheit.

In Schleswig-Holsteins Nachkriegspolitik haben Politiker mit NS-Vergangenheit offenbar eine größere Rolle gespielt als bislang bekannt. Zwischen 1958 und 1971 bestand der schleswig-holsteinische Landtag etwa zur Hälfte aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern. Aber auch zuvor und danach gab es über Jahrzehnte zahlreiche Landespolitiker mit einer NS-Vergangenheit. Zu diesem Ergebnis kommt Professor Uwe Danker, Leiter des Instituts für Zeit- und Regionalgeschichte der Universität Flensburg. Im Auftrag des Landtages untersuchte er die Biografien von etwa 400 Personen der Geburtsjahrgänge bis 1928. Darunter waren 342 ehemalige Landtagsabgeordnete. Dabei konnten die Wissenschaftler bei 115 Abgeordneten eine NSDAP-Mitgliedschaft nachweisen. Dass Schleswig-Holstein ein extremer Sonderfall ist, zeigt sich im Vergleich mit anderen Bundesländern. Nirgendwo sonst war der Anteil der ehemaligen Nationalsozialisten durchgängig so hoch wie hier.

Auszeichnungen für ehemalige Nazis

Die Wissenschaftler haben auch nach politisch Verfolgten unter den Abgeordneten geforscht. Deren Zahl ging vor allem nach 1950 stark zurück - im Gegensatz zu den Politikern mit NS-Vergangenheit. Vor allem in der CDU sind viele von ihnen untergekommen. 40 Prozent der sogenannten "Alterskohorten", die zwischen 1946 und 1996 im Landtag saßen, waren NSDAP-Mitglied. Überrascht waren die Forscher auch bei den Ehrungen für landespolitisches Engagement: 40 Prozent der 115 ehemaligen NSDAP-Mitglieder bekamen während ihrer Arbeit in der Landespolitik nach dem Zweiten Weltkrieg einen Orden oder eine ähnliche Auszeichnung.

Während der Anteil der ehemals verfolgten Politiker (blaue Linie) im Landtag abnimmt, steigt die Zahl der ehemaligen NSDAP-Mitglieder (braune Linie) in den 1950er Jahren. (Quelle: Europa-Universität Flensburg)
SS-Mann leitete Kieler Staatskanzlei

"Wir wollen deutlich unterstreichen, dass wir als Wissenschaftler weder Prangerlisten gutheißen, noch vertreten können, wenn Namensnennungen aus den jeweils von uns gestalteten Kontext verbreitet werden", heißt es in der Auswertung der Universität. Bereits bekannt ist aber beispielsweise, dass Ernst Kracht, ein früherer NSDAP- und SS-Mann, in den 1950er-Jahren die Staatskanzlei in Kiel leitete. SS-Mann Heinz Reinefarth wurde bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 zum "Henker von Warschau". Nach dem Krieg war er Bürgermeister von Westerland auf Sylt. 1958 zog Reinefarth in den Landtag ein.

Mitglieder des Landtages unterstützten Aufarbeitung

Zu allen Biografien haben die Historiker Ordner mit eingescannten Originaldokumenten angelegt. Es entstand eine Datenbank mit insgesamt 1.200 Seiten. 2013 hatte der Landtag beschlossen, die Vergangenheit früherer Landespolitiker überprüfen zu lassen. Die Europa-Universität Flensburg gewann die Ausschreibung und bekam 100.000 Euro für das Projekt. Unterstützt wurde die Aufarbeitung von einem Beirat des Landtages. Dieser bestand aus Mitgliedern aller Fraktionen.

Weitere Informationen

Als die SS-Verbrecher nach Flensburg kamen

Mai 1945 - Kriegsende in Flensburg: Die letzte Reichsregierung nimmt in Mürwik ihren Sitz. Gleichzeitig kommen Tausende SS-Angehörige, um auf der "Rattenlinie" ihre Spuren zu verwischen. (08.05.2015) mehr

Streit über Ex-Nazi-Bürgermeister auf Sylt

Er ließ 1944 in Warschau Zehntausende hinrichten und war später Bürgermeister von Westerland. Erst heute stellt sich Sylt der Vergangenheit des Nazis Heinz Reinefarth. (05.05.2014) mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 27.04.2016 | 19:30 Uhr

Erinnerung an letzten Akt der Nazi-Diktatur

In Flensburg ist an die Verhaftung der Dönitz-Regierung vor 70 Jahren erinnert worden. Kulturministerin Spoorendonk mahnte die dauerhafte Auseinandersetzung mit der Nazi-Diktatur an. (23.5.2015) mehr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

02:02 min

Millionenschaden durch Brand bei Feuerwehr

22.02.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
03:10 min

Opposition in Kiel kritisiert Abschiebestopp

22.02.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
02:27 min

Zivilprozess nach Gasexplosion in Itzehoe

22.02.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin