Stand: 25.08.2017 13:30 Uhr

Die Rückkehr aus dem Meer der Tränen

von Rafael Czajkowski

Björn Hagge kennt diese Situation: Menschen, die im Mittelmeer in Seenot geraten, Schlauchboote, die kentern, Flüchtlinge, die ertrinken. Diese Bilder beschäftigen ihn, sie sind nachhaltig. "Man kommt aus einer Umgebung raus, die völlig unwirklich ist. Man denkt sich: Ich war in einer Gegend, wo keiner sein möchte. Und hier in Deutschland regt man sich über Kleinigkeiten auf", sagt Björn Hagge nach seiner Rückkehr. Er war insgesamt dreimal auf eigene Faust im Mittelmeer, um Flüchtlinge zu retten.

Hagge ist ehrenamtlicher Seenotretter, arbeitet als Notfallsanitäter für den Kreis Plön und wohnt in Behrensdorf - für die Einsätze im Mittelmeer gingen seine Urlaubstage drauf. "Ich wollte mein Wissen, meine Energie anwenden, um zu helfen", sagt Hagge. Er nahm Kontakt zu Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) auf, bekam Flug und Unterkunft gestellt und war plötzlich auf einem der Helferschiffe, die er bisher nur aus der Tagesschau kannte.

Den Tod im Auge

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Wenn Lebensrettung zum Dauereinsatz wird

Im Interview mit NDR.de erzählt Björn Hagge von seinen Einsätzen im Mittelmeer. Er berichtet von überfüllten Booten mit Flüchtlingen, die nie am Festland ankommen sollten. Video (01:13 min)

"Ich habe Menschen gesehen, deren Hände nicht einmal 30 Zentimeter von mir entfernt waren, und trotzdem sind sie vor meiner Nase ertrunken." Zwischen der griechischen Insel Lesbos und dem türkischen Festland habe er ein Schiff kentern sehen: "Von den 160 Menschen haben wir 30 retten können." Diese Bilder speichert man ab, sagt der 48-Jährige. Aber auch die Schreie und Tränen der Menschen bleiben ihm im Ohr. "Das Gesicht, wenn ein Mensch um sein Leben kämpft, ist unbeschreiblich einprägsam", erinnert sich Hagge. "Diese Blicke, diese wahnsinnige Angst von denen, weil sie wissen, dass sie gleich ertrinken werden." Manche hätten ihm Kinder in Rucksäcken zugeworfen, in der Hoffnung, dass sie es schaffen. Manchmal haben er und seine Kollegen 15 Menschen gleichzeitig reanimiert. "Ab und zu habe ich geweint", sagt Hagge.

Flüchtlinge sollten Europa nie erreichen

Für ihn selbst gefährlich wurde es zwischen der libyschen Küste und der italienischen Insel Lampedusa: "Plötzlich bekamen wir eine Salve von Maschinengewehren von der libyschen Küstenwache um die Ohren. Das sind so Situationen, in denen man sich fragt: Wo bin ich in zehn Stunden? Wann komm ich hier raus? Komm ich überhaupt raus?" Aber auch die türkische Küstenwache habe verhindern wollen, dass die Flüchtlinge zurück aufs Festland kommen, erzählt Hagge. Die Schlepperboote seien zum Teil so ausgerüstet gewesen, dass sie das Ziel Europa nie hätten erreichen können. "Benzinkanister waren zur Hälfte mit Zement gefüllt. Rettungswesten sogen sich so voll, dass sie die Menschen unter Wasser gezogen haben."

Zwischen 2.000 und 3.000 Menschenleben habe er retten können, schätzt Hagge. Unzählige nicht. Doch darüber will er nicht nachdenken. Das sage er auch seinen Kollegen, die den Tod von Hunderten Geflüchteten nicht ertragen können. "Wir müssen sehen, wie viele Leben wir retten konnten. Nur das zählt", sagt Hagge. Alles andere würde man psychisch nicht aushalten können.

"Wir zählen die Menschen, die wir retten konnten"

Wenn das Erlebte die Psyche verändert

Bei seinen drei Einsätzen war er insgesamt zweieinhalb Monate auf verschiedenen NGO-Schiffen. "Das alles macht einen nachdenklich, ruhiger, zum Teil gelassener, aber auch in manchen Situation aufbrausender." Vor allem bei fremdenfeindlichen Sprüchen koche er hoch, sagt Hagge. Es falle ihm schwer mit Menschen zu sprechen, die nicht am Mittelmeer geholfen haben. "Da ist die Bundeswehr ein Stück weiter, weil sie ihre Notfallseelsorger teilweise in den Einsätzen haben. Denen würde ich auch mehr erzählen", sagt Hagge.

Für ihn steht fest, dass er wieder im Mittelmeer bei einer NGO helfen wird. "Die Frage ist nicht ob, sondern wann", sagt er, "Ich möchte nur gerade meine Familie um mich herum haben, denn in den vergangenen drei Jahren habe ich nicht einen Erholungsurlaub gehabt. Auch meine Familie hat ein Recht auf mich."

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25.08.2017 13:30 Uhr

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Einstieg gegenüber einer vorherigen Version verändert und die Hauptfigur des Artikels, Björn Hagge, in den Mittelpunkt gestellt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 25.08.2017 | 17:00 Uhr

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