Stand: 20.01.2016 11:10 Uhr

Der Reetbauer: Baustoff der Ur-Urahnen

von Lena Haamann

Eine dünne Schneeschicht liegt auf den Schilfpflanzen, als sich die rote Maschine von Thomas Riechmann langsam über das Feld schiebt. 30 Hektar Reet in Stelle-Wittenwurth in Dithmarschen muss der Reetbauer ernten. Thomas Riechmann ist seit acht Uhr morgens mit seinen beiden Mitarbeitern auf den Beinen. Im Moment sind die Bedingungen gut.

Fest, biegsam, braun

Kalt muss es sein und möglichst trocken. Denn bei Kälte stirbt das Reet ab. Der Zucker in den Halmen zieht sich in die Wurzel zurück. So besteht nach der Ernte nicht die Gefahr, dass die Pflanzen anfangen könnten zu schimmeln. "Wenn zwischendurch warme Tage kommen, beginnt die Pflanze zu sprießen. Schneiden wir dann, machen wir die Ernte des nächsten Jahres kaputt", erklärt Thomas Riechmann, während er seine Erntemaschine zum vierten Mal für heute um sein Feld steuert. Die Maschine schneidet die Halme so weit unten ab wie möglich. Denn der untere Teil des Halms ist am härtesten. Fest, biegsam und gelblich braun - so sieht perfektes Reet aus.

Baustoff seit Jahrtausenden

Schon seit Jahrtausenden wird Reet zum Dachdecken verwendet. Es lässt Luft durch, aber kein Wasser, wärmt im Winter und kühlt im Sommer, ist frostbeständig und frei von Chemie - und hält bis zu 45 Jahre lang. Nur 15 Prozent des deutschen Reetbedarfs kommt auch aus Deutschland. Der Großteil wird aus dem Ausland importiert. Das liegt daran, dass die Schilfpflanze sehr viel Feuchtigkeit braucht und Moorgebiete wie das in Stelle-Wittenwurth selten sind. Viele Flächen sind mittlerweile Naturschutzgebiete, in denen nicht geerntet werden darf.

Ernte mit Hilfe moderner Technik

Reeternte in dritter Generation

Für die Ernte hat sich Thomas Riechmann extra Urlaub genommen. Hauptberuflich ist er Schleusenwärter. Vom Reet allein kann er aber nicht leben, erzählt er. Trotzdem wollte er das Familiengeschäft nicht ganz aufgeben. Er ist gerne draußen in der Natur und mit Herzblut dabei. Das Feld hat er vor 15 Jahren von seinem Vater übernommen, nachdem der plötzlich verstarb. Auch sein Großvater hat schon Reet geerntet, damals noch mit der Sense.

Heimische Reetdecker sind Kunden

Thomas Riechmann erntet heute mit einem sogenannten Reetvollernter. Der schneidet das Schilf, reinigt und bündelt es. Hinten auf der Ladefläche stehen seine beiden Mitarbeiter und stapeln die Bündel. Pro kleinem Bündel bekommt Thomas Riechman 2,30 Euro. "Es gab Jahre, in denen ich 20.000 Stück verkauft habe, in anderen waren es nur 6.500. Das hängt ganz stark vom Wetter ab. Schilf ist sehr empfindlich", sagt er. In dieser Saison rechnet Thomas Riechmann mit rund 15.000 Bündeln. Die verkauft er an heimische Reetdachdecker und einen Großhändler in Holland. Heute hat er in fünf Stunden rund fünf Tonnen Reet geerntet. Wenn es trocken bleibt wird er noch bis nachts weiter ernten. Bis Anfang März muss er fertig sein, dann darf er aus Naturschutzgründen nicht mehr ernten.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 20.01.2016 | 19:30 Uhr