Stand: 01.06.2017 05:00 Uhr

Der Hüter des Hindenburgdammes

Es ist eine ruckelige Fahrt neben den Bahngleisen am Fuße des Hindenburgdammes. "So etwa 50 Kilometer pro Stunde kann man schon fahren. Dann presst es einen zwar in die Sitze - aber das geht", schmunzelt Jörn Dieck. Sein Job ist es, mehrmals im Jahr den holprigen Weg aus Basalt- und Granitsteinen entlang zu fahren und zu gucken, ob alles in Ordnung ist. "Besonders nach Sturmfluten müssen wir nachschauen, ob Ausspülungen vorhanden sind", sagt der Bauingenieur der Bahn. Außerdem überprüft er die weit ins Watt ragenden Lahnungen. "Je mehr Vorland wir haben, desto sicherer." Eigentlich müsste Dieck nur alle drei Jahre einmal vorbei schauen. Weil der Hindenburgdamm aber so ein besonderes Bauwerk ist, kommt er meist fünf Mal im Jahr. Heute vor genau 90 Jahren wurde die Bahnstrecke durchs Watt nach Sylt offiziell eröffnet.

Hindenburgdamm nach Sylt feiert 90. Geburtstag

"Ich werde schon manchmal beneidet"

In der restlichen Zeit hat er aber auch genug zu tun. Dieck ist auch verantwortlich für Brücken der Bahn. Etwa die Hälfte dieser Bauwerke in Schleswig Holstein muss er inspizieren. Die Arbeit auf dem etwa acht Kilometer langen Damm zwischen dem Festland und Sylt ist schon die glamouröseste. "Viele Eisenbahner kommen und sagen, sie würden gern mal auf den Damm", erzählt der 43-Jährige. "Nur, weil man bei der Bahn ist, darf man ja noch nicht automatisch auf den Damm. Da kommt man nur rauf, wenn man Inspektion macht oder im Rettungseinsatz. Es gibt viele, die das einfach mal sehen wollen." Das ist nicht verwunderlich, der Damm in der Nordsee gilt als eines der außergewöhnlichsten Bauwerke der Bahn. Etwa 1.500 Menschen haben fünf Jahre lang daran gebaut. Jedes Jahr investiert die Bahn nach eigenen Angaben Hunderttausende Euro, damit das Meer sich nicht zurückholt, was der Mensch ihr einst genommen hat.

Fahrradweg wäre viel zu gefährlich

Neben den Fans für den Damm gibt es aber natürlich auch immer Leute, die meckern - zum Beispiel darüber, dass man nicht mit dem Fahrrad über den Hindenburgdamm fahren kann. "Aber das geht nicht", erklärt Dieck. Immer wieder gibt es Sturmfluten an der Nordseeküste. "Danach ist der Weg komplett voll mit Treibgut und Ablagerungen. Wir könnten das gar nicht gewährleisten, den Rettungsweg sicher zu halten." Außerdem sei der holprige Weg eben auch einfach nur ein Rettungsweg - den könne man nicht als Fahrradweg ausbauen, schüttelt Dieck den Kopf.

Den Wind muss man mögen

Es weht ganz schön ordentlich hier, wo man den freien Blick auf die Nordsee hat. Gerade das mag Jörn Dieck. "Heute ist es doch harmlos, ich mag es auch, wenn es heftiger weht." Und sein Vorgänger Rainer Damschen nickt zustimmend. "Es sind die tollen Momente in der Natur, die es hier so schön machen. Aber als Ingenieur ist das Besondere auch die Leistung, die damals vollbracht wurde. Den Meeresstrom zu durchbrechen, ist eine geniale Ingenieursleistung", sagt Damschen - und man kann das Strahlen in seinen Augen sehen.

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Rainer Damschen (links) war bis 2012 für den Damm zuständig. Seitdem ist es Jörn Dieck.

Wie schwer der Blanke Hans dem Damm zusetzt, erlebte Damschen bei mehreren schweren Stürmen: "Die Räder der 80-Tonnen-Lokomotive drehten vorwärts, aber in Wirklichkeit fuhr sie rückwärts", erinnert sich der heute 67-Jährige an eine Kontrollfahrt bei Orkan. Die Schienen seien bei Stürmen durch die Gischt teils glatt gewesen wie Schmierseife. "Da geht die Pumpe." Nach der schweren Flut 1976 hing ein Gleis auf einer Strecke von Hunderten Metern in der Luft.

Schönes Erbe vom Vorgänger

Damschen war mehrere Jahrzehnte für den Damm zuständig und hat seinem Nachfolger Dieck 2012 bei der Amtsübergabe etwas vermacht. "Er hat mir einen ganzen Ordner mit von ihm gefundener Flaschenpost gegeben. Er hatte jedem Kind geantwortet und ich habe versprochen, den Ordner weiterzuführen." Bisher hat Dieck aber noch keine Flaschenpost am Fuße des Hindenburgdamms entdeckt. Aber wenn er seine Tour macht und schaut, ob irgendwo etwas repariert werden muss, dann hat er immer auch ein Auge drauf, ob nicht doch eine Flasche mit Post angespült wurde. "Da würde ich mich freuen", lächelt Dieck.

Audios zum Nachhören
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Hindenburgdamm wird 90 Jahre alt

29.05.2017 20:05 Uhr
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03:29

Friesisch für alle: Hindenburgdamm

09.11.2011 21:05 Uhr
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Karte: Der Hindenburgdamm nach Sylt
Weitere Informationen

Seit 90 Jahren mit der Bahn durchs Watt nach Sylt

Der Hindenburgdamm verbindet das Festland mit der Insel Sylt - seit genau 90 Jahren. Doch der Weg zum Damm war lang. Erst im dritten Versuch gelang der Dammbau. Seine Folgen sind nicht nur positiv. mehr

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Ein amerikanischer Investor will das Monopol der Deutschen Bahn bei den Autozügen nach Sylt brechen. Das führt zu mehr Verkehr auf der Strecke und vielen Problemen für Pendler und Insulaner. (03.08.2016) Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 01.06.2017 | 20:05 Uhr

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