Stand: 24.01.2016 11:45 Uhr

Cybercrime: LKA von Internetfirmen abhängig

Bild vergrößern
Die Cybercrime-Einheit des LKA hilft auch dabei, die Absender von Hasskommentaren ausfindig zu machen.

Wenn die Polizei in Schleswig-Holstein in Fällen von Internetkriminalität ermittelt, hilft oft die Cybercrime-Einheit des LKA - auch bei Hasskommentaren im Netz. Dann ist es ihr Auftrag, den Urheber solcher Postings auszumachen. Dafür hält das LKA Kontakt zu den großen Internet-Firmen. Der Chef des Dezernats 23 "Cybercrime und digitale Spuren", Alexander Hahn, wünscht sich klarere Vorschriften darüber, welche Daten die Unternehmen vorhalten und an die Ermittler übergeben müssen. Denn bisher ist das LKA auf das Wohlwollen der Firmen angewiesen.

Herr Hahn, der Ton im Internet ist deutlich rauer geworden. Merken Sie das bei Ihrer Arbeit?

Alexander Hahn: Das ist für uns als Cybercrime-Dienststelle schwer zu sagen, weil diese Delikte grundsätzlich nicht bei uns bearbeitet werden. Wir als Cybercrime-Dienststelle leisten sogenannte Ermittlungsunterstützung. Das heißt: Wenn es besonders schwierige technische Fragen gibt, die mit Computer und Internet zusammenhängen, dann helfen wir bei den Ermittlungen. Wir sind aber selber nicht ermittlungsführend, also bei uns gehen die Anzeigen nicht ein.

Was für Aufgaben stellen Ihre Kollegen Ihnen denn?

Hahn: Das ist sehr unterschiedlich. Das hängt davon ab, in welchem Medium die Hasskommentare passiert sind - ob bei Facebook, Twitter, in Online-Foren oder sogar im Usenet. Wir haben unterschiedliche Ermittlungsmöglichkeiten. Bei Facebook zum Beispiel haben wir auch die Möglichkeit, Anfragen nach den Nutzern und den dazugehörigen Daten zu stellen. Wenn wir Daten bekommen, können wir damit vielleicht weiter arbeiten. Vielleicht muss man auch auf technischem Wege, also über IP-Adressen, weiter ermitteln. All diese Möglichkeiten haben wir. Es gibt bei jedem Delikt andere Ansätze, die wir beschreiten müssen.

Das heißt, Sie können bei Facebook anrufen und fragen, ob Sie die Daten bekommen?

Hahn: Ja, so ähnlich kann man sich das vorstellen. Facebook hat eine solche Ansprechstelle, wo wir genau solche Fragen nach Nutzerdaten stellen können. Man muss aber auch dazu sagen, dass wir natürlich von diesen Unternehmen in gewissen Maße abhängig sind, ob sie uns im konkreten Fall auch Angaben machen. Bei so Unternehmen wie Facebook, die von den USA aus operieren, ist es nicht so einfach, in jedem Fall auch alle Angaben zu bekommen, die wir uns wünschen. Da gibt es eine gewisse Abhängigkeit vom Wohlwollen dieser Unternehmen. Ich würde mir schon wünschen, dass es dafür entsprechende Vorschriften gibt. Allerdings haben wir wieder das Problem, dass man einem Unternehmen in den USA nicht einfach diese Vorschriften machen kann. Die globalisierte Internetwelt macht das Ganze nicht einfacher.

Wie gehen Sie bei den Ermittlungen vor?

Hahn: Wir schauen uns die Profile an, ob es dort schon Hinweise gibt. Wenn sich die Leute mit ihrem echten Namen angemeldet haben, dann ist die Aufklärung einer solchen Tat natürlich relativ einfach. Wenn Pseudonyme genutzt werden, dann gucken wir, gibt es anderweitige Hinweise auf die Person oder auf den Ort, von wo aus sie gehandelt hat. Im schlimmsten Fall müssen wir Anfragen bei den Unternehmen stellen, ob die Daten haben, die auf den eigentlichen Verfasser hinweisen. Wir nutzen natürlich auch das Internet für unsere Recherchen. Gibt es an anderer Stelle andere Kommentare von demselben Nutzer oder von demselben Nickname. Wir verknüpfen also andere, öffentlich zugängliche Quellen.

Einige Politiker, unter anderem Ralf Stegner von der SPD, haben angeregt, bei politischen Diskussion nur noch Klarnamen zu verwenden. Würde Ihnen das wirklich helfen?

Hahn: Wenn man so eine Klarnamen-Pflicht konsequent durchsetzen würde, dann würde das bedeuten, dass jeder Menschen, der Twitter oder Facebook nutzt, vorher ein Ident-Verfahren durchlaufen müsste. Das wissen wir alle, dass das nicht praktikabel ist. Wenn ich dann einen Kommentar auf der Homepage einer Zeitung posten darf, müsste ich mich wieder sicher identifizieren. Da würde, glaube ich, jegliche politische Diskussion auch ganz schnell zum Erliegen kommen. Ich weiß nicht, ob wir das wollen. Ich glaube, die Idee von Herrn Stegner ist eher so ethisch-moralischer Art, dass wir die Leute selber dazu bringen, dass sie mit offenem Visier kämpfen. Das ist sicherlich wünschenswert, aber durch eine Vorschrift schwer zu realisieren.

Ist es Ihnen immer möglich, den Verfasser ausfindig zu machen?

Hahn: Es ist immer eine Frage des Aufwands - bei den Tätern wie auch bei der Polizei. Ein Täter kann hinreichend viele Ideen entwickeln und Maßnahmen ergreifen, um anonym zu bleiben. Er wird es uns sicherlich mit jeder Idee und mit jeder Maßnahme schwieriger machen. Die Polizei hat auch eine Menge Möglichkeiten und hier arbeiten auch eine Menge kluge Köpfe, die auch in der Lage sind, dagegen an zu ermitteln. Das ist zum Teil aber äußerst aufwendig und naturgemäß auch im Rahmen knapper Ressourcen nicht bei jedem einzelnen Delikt zu leisten. Aber so schwerwiegender das Delikt, desto größer ist auch der Ermittlungsaufwand der Polizei. Je mehr Aufwand und Ideen wir investieren, umso größer ist die Chance, den Täter zu ermitteln.

Das Interview führte Jörg Jacobsen, NDR 1 Welle Nord

Weitere Informationen

Anonymität im Netz: Kein Gesicht, keine Hemmungen

24.01.2016 18:05 Uhr
NDR 1 Welle Nord

Brauchen wir strengere Regeln im Netz, um Kommentare zu mäßigen? Der netzpolitische Sprecher der Grünen, Konstantin von Notz, glaubt nicht, dass eine Klarnamenpflicht helfen würde. mehr

Lösen Anzeigen das Hasskommentar-Problem?

Beim Kampf gegen Hasskommentare in sozialen Medien wie Facebook spielen auch die Nutzer eine große Rolle. Haben Anzeigen bei der Polizei Erfolgsaussichten? NDR Info hat nachgefragt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Zur Sache | 24.01.2016 | 18:05 Uhr