Stand: 09.02.2016 12:02 Uhr

Brandanschlag verändert Dorfleben in Escheburg

von Katrin Bohlmann

Es ist der 9. Februar 2015, als die Gemeinde Escheburg im Kreis Herzogtum Lauenburg schlagartig und unfreiwillig in ganz Deutschland bekannt wird. Ein Familienvater wirft einen Brandsatz in eine Doppelhaushälfte, in die wenige Tage später sechs Flüchtlinge aus dem Irak einziehen sollen. Es ist der erste Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Schleswig-Holstein. Der Polizei gelingt es schnell, den Täter zu überführen. Das Landgericht Lübeck verurteilt ihn zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Wie ist die Situation in dem 3.300-Seelen-Ort heute? NDR.de hat sich in der Gemeinde umgehört.

Der Anschlag in Escheburg und seine Folgen

Viel Arbeit für Pastorin und andere Helfer

Pastorin Christel Rüder ist der gute Geist in der Gemeinde. Sie reagierte sofort, nachdem ein damals noch Unbekannter den Brandanschlag im Wohngebiet "Am Golfplatz" verübt hatte. Rüder führte Gespräche mit den Escheburgern, versuchte zu vermitteln und bot Hilfen an. Schon vor dem Anschlag hatte die Pastorin damit begonnen, den Kreis "Escheburg hilft" zur Unterstützung von Flüchtlingen zu gründen. Dass der plötzlich so viel Arbeit bekommen würde, hatte Rüder nicht ahnen können.

"Die Wirklichkeit hat uns überrollt"

"Auch ein Jahr nach dem furchtbaren Geschehen herrscht immer noch eine Hintergrund-Beklommenheit", beschreibt die 58-Jährige die Situation in Escheburg. "Ich bin immer noch erschrocken, dass ein Mensch so etwas machen kann." Für den ersten Jahrestag des Brandanschlags hat sie in Escheburg bewusst nichts organisiert: keine Gedenkfeier, keine Mahnwache. "Wir haben hier genug anderes zu tun. Es wäre einfach nicht klug, und ich möchte die Stimmung hier nicht verderben", sagt Rüder nachdenklich. "Die Wirklichkeit hat uns überrollt."

Stimmung ist besser geworden

In Escheburg leben inzwischen etwa 60 Menschen aus Syrien, Eritrea, Somalia und dem Irak. Sie sind verteilt auf Container, Wohnungen und Häuser. Die Pastorin und ihr Helferkreis treffen sich mit den neuen Nachbarn regelmäßig. Sie üben mit ihnen Deutsch, backen oder spielen Tischkicker, um einfach gemeinsam Spaß zu haben. "Die Stimmung in Escheburg ist bezüglich des Brandanschlags inzwischen besser geworden", findet Rüder.

"So wollen wir nicht sein"

Die Escheburger seien in den vergangenen Monaten zusammengerückt. "Nach dem Brandanschlag haben wir gesagt: So sind wir nicht, so wollen wir nicht sein - wir wollen eine offene Dorfgemeinschaft sein." Viele Menschen, die sich in der Helferrunde zusammengetan haben, hatten vorher kaum etwas oder gar nichts miteinander zu tun. "Jetzt sind wir ein gemischter Haufen", freut sich Rüder, "dadurch ist es so vielfältig und faszinierend."

Weniger Flüchtlingshelfer, mehr Flüchtlinge

Doch inzwischen stoßen die Flüchtlingshelfer an ihre Grenzen. Ihr Kreis schrumpft, einige Mitglieder sind abgesprungen - und zugleich kommen immer mehr Flüchtlinge. "Wir brauchen eine kleine Pause, eine individuelle Betreuung können wir nicht mehr gewährleisten", erklärt die erschöpfte Pastorin. Und sie fragt sich, wie es weitergehen soll. Immer wieder tauchen neue Probleme auf. Da gibt es zum Beispiel ein Einfamilienhaus in Escheburg, ausgelegt für sechs Bewohner. Das für die Flüchtlingsverteilung zuständige Amt Hohe Elbgeest wollte dort 24 Asylsuchende unterbringen. "Das ist viel zu viel, da ist Stress programmiert", so Rüder. Sie intervenierte - erfolgreich: Nun kommen doch weniger Flüchtlinge in das Haus.

Tipp der Pastorin: Immer schön "Guten Tag" sagen

Bild vergrößern
Pastorin Christel Rüder engagiert sich mit viel Elan für ein gutes Miteinander in Escheburg.

Aufregung herrscht zurzeit in dem Escheburger Wohngebiet "Bergsiedlung". Auch dort wurden Flüchtlinge untergebracht. Einige Nachbarn kämen damit nicht klar, erzählt die Pastorin. "Es gibt dort aggressive Äußerungen gegenüber den Flüchtlingen." Rüder hat den Schutzsuchenden Tipps mit auf den Weg gegeben: immer schön "Guten Tag" sagen und den Nachbarn freundlich in die Augen schauen, um keine Angriffsfläche zu bieten.

Das Kind fühlt sich wohl, einige Nachbarn eher nicht

Das Doppelhaus, auf das damals der Brandanschlag verübt wurde, wurde renoviert. Auch dort leben mittlerweile Flüchtlinge: zwei Familien aus Tschetschenien und Aserbaidschan. Zu den Kindern gehört Ina. Die Elfjährige fühlt sich wohl in Escheburg. Sie hat hier Freunde gefunden und schnell Deutsch gelernt. Inas Eltern wissen, was in ihrem Haus im Februar 2015 passierte, und auch, dass einige Menschen in dem Wohngebiet sich noch immer schwer damit tun, Flüchtlinge in der Nachbarschaft zu akzeptieren.

Täter ist aus dem Ort weggezogen

"Die Situation ist nicht bereinigt. Wir haben einen relativ großen Kern von Leuten, die helfen wollen, die viel Zeit investieren. Aber es gibt immer noch ein paar, die dem Ganzen sehr ablehnend gegenüber stehen", erklärt Matthias Sprenge vom Helferkreis. Auch der Brandstifter von 2015, ein damals 39-jähriger Finanzbeamter, lebte mit seiner Familie in diesem Wohngebiet, direkt gegenüber der Flüchtlingsunterkunft. Er ist mittlerweile aus Escheburg weggezogen.

Täglicher Kampf gegen Ängste und Resignation

Die Wunden, die seine Tat in der Gemeinde hinterlassen hat, sind offensichtlich bis heute nicht ganz verheilt, "auch wenn die gute Dorfgemeinschaft geholfen hat, diese schwere Zeit zu überstehen", wie die Escheburgerin Nicole Schröter berichtet. Dass immer noch einige Bürger Angst vor Flüchtlingen haben, findet sie unverständlich: "Ich glaube, wir sind alle erwachsene Menschen. Wir dürfen wählen gehen, gucken im Internet, wir lesen Zeitung - ich glaube einfach, jeder ist für die Beseitigung seiner eigenen Ängste oder Bedenken selbst verantwortlich." Und dies könne man nur tun, wenn man auf die Leute zugehe, dafür sei kein anderer zuständig, ist Schröter überzeugt.

Noch 30 freiwillige Helfer

Pastorin Rüder findet die Situation heute schwieriger als damals direkt nach dem Brandanschlag. "Gegen die Resignation durch die Überlastung in der Flüchtlingshilfe anzukämpfen, ist sehr anstrengend. Die Belastung ist wirklich emotional kaum zu ertragen", erklärt die Pastorin. Und sie hat Angst vor einer politischen Eskalation: "Die Situation in Deutschland ist gefährlich.". Mut macht Christel Rüder, dass in Escheburg trotz aller Probleme immer noch Menschen bereit sind zu helfen. Von zwischenzeitlich rund 200 Freiwilligen sind immerhin 30 noch dabei.

Weitere Informationen

Wie und wo können Sie Flüchtlingen helfen?

Sie wollen sich für Flüchtlinge engagieren, wissen aber nicht wie und wo? NDR.de hat eine Auswahl an Initiativen und Koordinierungsstellen für ehrenamtliches Engagement zusammengestellt. mehr

Flüchtlinge in Norddeutschland

Viele Flüchtlinge sind in Norddeutschland angekommen. Auf NDR.de finden Sie aktuelle Meldungen und Hintergründe rund um das Thema sowie Informationen speziell für Flüchtlinge. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.02.2016 | 07:00 Uhr