Stand: 23.11.2017 18:39 Uhr

Brandanschlag Mölln: Entsetzen ist ungebrochen

von Katrin Bohlmann

Einmal im Jahr ist Ausnahmezustand in Mölln. Immer am 23. November. Zum Jahrestag der Brandanschläge. Medienvertreter aus aller Welt strömen in die kleine Till-Eulenspiegel-Stadt. Politiker, Kirchenvertreter und Angehörige aus Kiel, Hamburg, Berlin und der Türkei kommen nach Mölln, um an der offiziellen Gedenkfeier der Stadt teilzunehmen. Auch 25 Jahre nach den rechtsextremistischen Anschlägen, bei denen drei Menschen starben und neun weitere verletzt wurden, ist die Betroffenheit spürbar groß. "Mölln ist sensibler geworden", sagt Bürgermeister Jan Wiegels (SPD). "Vor allem die politisch Verantwortlichen sind sich dessen bewusst, dass wir hier eine besondere Verantwortung tragen. Solche schrecklichen Geschehnisse wie 1992 dürfen nicht wieder stattfinden, schon gar nicht in unserer Stadt."

25 Jahre Möllner Brandanschlag

Drei Tote - neun Schwerverletzte

In der Nacht zum 23. November 1992 warfen zwei Neonazis zunächst Brandsätze in ein Wohnhaus in der Ratzeburger Straße in Mölln. Hier lebten sechs türkische Familien. Als ihr Haus brannte, sprangen sie panisch aus den Fenstern. Viele verletzten sich schwer - doch sie alle kamen lebend ins Freie. Die beiden jungen Täter fuhren weiter zur Mühlenstraße. Auch hier warfen sie Brandsätze in ein Haus, in dem die türkische Familie Arslan lebte. Sie gossen Benzin in den Flur. Schnell brannte das Haus lichterloh. Hier starben die Großmutter und zwei Mädchen der Familie.

Schwere Bürde für die Stadt

Die Möllner haben aus den tödlichen Ereignissen vor 25 Jahren gelernt - sagen sie. Der Verein "Miteinander leben" hat sich kurz danach gegründet - als direkte Reaktion auf die Brandanschläge. Seitdem setzen sich seine rund 100 Mitglieder für Demokratie und gegen Fremdenfeindlichkeit ein. Sie betreuen Flüchtlinge in der internationalen Begegnungsstätte im Bahide-Arslan-Gang.

Lehrer Jörg-Rüdiger Geschke hat den Verein damals mit gegründet. Jedes Jahr thematisiert er die Brandanschläge in der Möllner Gemeinschaftsschule. "Mölln hat immer noch offene Wunden, die permanent bearbeitet werden sollten", sagt der 56-Jährige. Dazu gehört unter anderem die Tatsache, dass einige Möllner laut Geschke gar keinen Gedenktag mehr haben wollen. "Ich habe in Zeiten von AfD und Rechtspopulismus Angst, dass sich rassistische Anschläge wie damals wiederholen könnten", sagt der Möllner Lehrer.

Opfer Ibrahim Arslan leidet noch heute

Jörg-Rüdiger Geschke hat Ibrahim Arslan in die Schule eingeladen. Er hat den Brandanschlag auf sein Haus in der Mühlenstraße überlebt. Er war damals sieben Jahre alt. Seine Großmutter Bahide hatte ihn in nasse Tücher gewickelt und so gerettet. Sie selbst starb. Wie auch Ibrahims zehnjährige Schwester und seine 14-jährige Cousine. Ibrahim Arslan ist heute 32 Jahre alt und leidet immer noch an den Folgen des Brandanschlags. Er hat eine posttraumatische Belastungsstörung - einen chronischen Husten. An die Brandnacht selbst erinnert sich der Familienvater kaum. "Ich kann mich daran erinnern, dass ich brennende Töpfe gesehen habe. Und dass mich Feuerwehrleute rausgetragen haben", erzählt Ibrahim Arslan. Ihm hilft es, über die Geschehnisse von damals zu reden. Deswegen besucht er deutschlandweit Schulen und erzählt seine Geschichte. Dann ist das Husten fast weg, sagt Ibrahim Arslan, der Mölln schon vor Jahren verlassen hat.

Konflikte in Mölln auch nach 25 Jahren

Einer der beiden Täter ist auf die Möllner Gemeinschaftsschule gegangen. Er soll laut Geschke unauffällig gewesen sein. 25 Jahre später hören die heutigen Schülerinnen und Schüler aufmerksam dem Opfer Ibrahim Arslan zu. Die Jugendlichen sind aufgewühlt. "Das ist schon heftig, was er damals erlebt hat. Es ist bewundernswert, dass er so stark geblieben ist", sagt Tatjana (16). Dilara (15), Kind einer türkischen Familie, seit Langem in Mölln, erlebt immer noch fremdenfeindliche Sprüche. "Meine Mutter trägt ein Kopftuch. Als wir neulich in der Stadt unterwegs waren, hat uns ein Typ angerempelt und gesagt: 'Scheiß Flüchtlinge'. Ich habe mich schon daran gewöhnt." Andere Kinder mit Migrationshintergrund berichten von ähnlichen Erlebnissen in Mölln. Ibrahim Arslan rät ihnen: Wehrt Euch. Kämpft gegen Rassismus - gegen jede Art von Rassismus.

Zwei Gedenkveranstaltungen in Mölln

Auch Mölln gedenke der Opfer nicht gerecht, kritisiert Ibrahim Arslan. So sei erst auf Druck - unter anderem von ihm - eine Straße nach einem Opfer benannt worden: nach seiner Großmutter Bahide Arslan. Bürgermeister Wiegels entgegnet: Mölln sei es leid, immer wieder den Vorwürfen ausgesetzt zu sein, ignorant gegenüber der Trauer und den Forderungen der Familie zu sein. "Dem widerspreche ich ausdrücklich."

Die Möllner tragen eine schwere Bürde. Viele tun etwas gegen Fremdenhass und für Integration. Die türkische Gemeinde in Mölln ist mit mehr als 500 Menschen groß. Und trotzdem - so ist ihr Eindruck - zeigt die Welt einmal im Jahr mit dem Finger auf ihre kleine idyllische Kleinstadt. Zum Jahrestag am 23. November hat es zwei Gedenkveranstaltungen gegeben. Eine offizielle der Stadt Mölln und eine Mahnwache vor dem Brandhaus in der Mühlenstraße - organisiert auch von Ibrahim Arslan.

Täter von Mölln haben ihre Strafen verbüßt

Die Brandanschläge von Mölln waren die ersten rechtsextremistischen Anschläge in Deutschland nach der Wiedervereinigung, bei denen Menschen getötet wurden. Schnell stellte sich heraus, dass zwei Neonazis die Brandsätze auf die beiden Häuser in Mölln geworfen hatten. Die damals 19- und 25-jährigen Männer wurden zu zehn Jahren Jugendstrafe sowie lebenslanger Haft verurteilt. Beide haben ihre Strafen inzwischen verbüßt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 23.11.2017 | 08:00 Uhr

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