Stand: 13.01.2016 07:14 Uhr

"Bei uns grüßen sich Nachbarn nicht mehr"

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Werner-Marten Hansen ist Bürgermeister von Oesterwurth, dem Zuhause von 265 Einwohnern - und 180 Windmühlen.

In Schleswig-Holstein polarisiert das Thema Windkraft: Es gibt vermehrt Streit zwischen denen, die von den Anlagen profitieren, und denen, die sie ablehnen oder darunter zu leiden haben. Was das im Alltag bedeutet, darüber hat NDR 1 Welle Nord Moderator Jan Malte Andresen mit Werner-Marten Hansen (WGOe) gesprochen. Als Bürgermeister der kleinen Gemeinde Oesterwurth bei Heide im Kreis Dithmarschen wird Hansen inzwischen täglich mit den Auseinandersetzungen konfrontiert. Die Differenz zwischen Einwohnerzahl und Anzahl der Windmühlen ist in Oesterwurth nicht mehr groß.

Ihre Gemeinde besteht aus 265 Einwohnern und 180 Windmühlen, ist das richtig?

Werner Marten Hansen: Ja, aber das ändert sich täglich. Rund um die Gemeinde gibt es ein reges Baugeschehen.

Nun stehen viele dieser Mühlen teilweise nur 400 Meter von den Häusern entfernt. Das bedeutet für viele Besitzer deutliche finanzielle Verluste. Wen treffen diese Verluste besonders?

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Hansen: Vor allem die Anwohner mit Eigenheim und die Immobilien-Besitzer sind betroffen. Das teilt sich eigentlich in drei Bereiche auf: zum einen ein Verlust der Lebensqualität durch massiven Lärm. Zum anderen gesundheitliche Aspekte, die auch untersucht werden. Stichwort: Infraschall. Und drittens der massive Wertverlust von Immobilien.

Lassen Sie uns auch über das Positive sprechen, denn es gibt auch Gewinner. Die 180 Mühlen stehen ja nicht umsonst in Oesterwurth. Wer sind die Gewinner?

Hansen: Das sind die Betreibergesellschaften und auch die Verpächter der Standorte und die Beteiligten an diesen Anlagen. Das lässt sich relativ kurz auf einen Nenner bringen.

Wer sein Land für so eine Mühle hergegeben hat, der hat auch ordentlich etwas davon?

Hansen: So ist es.

Und wie ist es, wenn in einem so kleinen, beschaulichen Dorf Verlierer und Gewinner nahe zusammenwohnen? Ist Oesterwurth zerrissen?

Hansen: Ja. Ich muss sagen, wir haben uns an diesen Zustand mittlerweile schon gewöhnt. Es gibt massive Risse - durchs Dorf, durch Freundeskreise und durch Familien. Also sämtliche sozialen Netze sozusagen erleiden da massiven Schaden. Und das, was wir hier an der Westküste quasi hinter uns haben, das kann man jetzt eben auch sehr schön landesweit beobachten. Ich war auf mehreren Veranstaltungen, wo jetzt genau die Dinge anfangen, die wir eigentlich schon seit Jahren mit uns herumtragen. Dass also Misstrauen aufkommt, dass Nachbarn miteinander nicht mehr kommunizieren und reden, sich nicht mehr grüßen. Das sind auch keine Einzelschicksale. Es betrifft hier wirklich ganze Regionen - und das ganze Bundesland.

Ich habe gehört, dass diese Teilung in Gegner und Befürworter sogar Familienfeste betrifft. Einer sitzt rechts, der andere links.

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Hansen:  So ist es. Wenn Sie da tatsächlich die Möglichkeit haben, räumlich auszuweichen. Man grüßt sich zwar noch, aber man sitzt dann in unterschiedlichen Zimmern.

Für die Hochzeit müssen es dann immer zwei Feierräume sein?

Hansen: Ja, oder sie kommt gar nicht erst zustande. Das kann natürlich auch sein.

Dumm, wenn der Trennungsgraben zwischen Mann und Frau verläuft, oder gab es das noch nicht?

Hansen: Das auf jeden Fall (lacht).

Nun will ja die Landesregierung die Windenergie in Schleswig-Holstein noch deutlicher ausbauen. Was sind da nach Ihrer Ansicht die Voraussetzungen - wenn Sie mal an die Standortwahl denken, an die Höhe der Anlagen, an die Mindestabstände, an die Transportleistung?

Hansen: Nach meinem Dafürhalten haben wir, zumindest was die Westküste anbelangt, die Grenzen mittlerweile erreicht beziehungsweise schon deutlich überschritten. Und wenn es tatsächlich um die Planung geht, muss hier also massiv über die Abstände geredet werden. Da sind andere Bundesländer uns schon um einiges voraus, zum Beispiel Bayern. Dass die Mindestabstände deutlich erhöht werden. 400 Meter Abstand zu solchen Anlagen oder 450 Meter - das ist keinem Menschen mehr zuzumuten. Wenn die Anlagen mindestens einen oder anderthalb Kilometer entfernt stehen würden, dann wäre das mal ein Ansatz. Über diese Abstände muss einfach geredet werden.

Sonst laden Sie Ministerpräsident Torsten Albig mal auf ein Familienfest nach Oesterwurth ein...

Hansen: Gerne. Er ist herzlich willkommen.

Das Interview führte Jan Malte Andresen, NDR 1 Welle Nord.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein am Nachmittag | 12.01.2016 | 16:16 Uhr