Stand: 12.07.2015 13:39 Uhr

Bargteheide feiert Tennis-Weltrekord

von Thilo Buchholz

Aus den Lautsprechern dröhnt Pop-Musik: der Sommerhit aus Jamaika "Cheerleader". Fans, Familie und Freunde stehen am Tennisplatz und brüllen die Namen der beiden Tennisspieler: "Dennis Groißl" und "Niklas Jahn". Die letzten Minuten laufen. Alle hier im Bargteheider Tennisclub jubeln, schauen auf die beiden. Dann läuten sie den Countdown ein: "Fünf, vier, drei, zwei, eins!" Es ist genau 23 Uhr: Die zwei haben es geschafft. 61 Stunden am Stück haben Groißl und Jahn jetzt Tennis gespielt.

Am Netz fallen sich die beiden Männer in die Arme, können nur noch lachen, sind erleichtert und völlig erschöpft. Das ist aber erst mal Nebensache. Der ganze Tennisplatz feiert eine einzige Party. Die Menschen schreien vor Freude, viele haben Tränen in den Augen, sind unfassbar glücklich. Am Rand des Spielfeldes rennen die beiden Tennisspieler einer La-Ola-Welle hinterher - erst einmal, dann noch einmal. Familie und Freunde gratulieren mit Tränen in den Augen. Die Atmosphäre nach diesem Tennis-Marathon ist emotional. "Ich kann es noch gar nicht glauben", sagt Groißl und sein Partner dankt den Fans: "Ohne die hätten wir das niemals geschafft."

Bis die Knie nicht mehr mitspielten

Genau 31 Minuten lang gratulieren die Fans den beiden frisch gebackenen Weltrekordlern. Dann, um 23.31 Uhr, spielen Groißl und Jahn weiter. Sie wollen die Messlatte richtig hoch hängen. Denn zwei Männer aus Herford hatten schon 77 Stunden lang am Stück Tennis gespielt. Ihr Weltrekordversuch 2013 scheiterte aber, weil die gemachten Pausen ungültig waren. Das hatte die Guinness-Buch-Gesellschaft entschieden. Mit ihrer Leistung vom Wochenende überholen die zwei Stormarner aber zwei Amerikaner, die auf 60 Stunden, 59 Minuten und 58 Sekunden kamen.

Ihr gesetztes Ziel von 80 Stunden schaffen die Schleswig-Holsteiner dann doch nicht: Nach rund 63,5 Stunden ist endgültig Schluss, weil die Knie nicht mehr mitspielen. "Es ging einfach nicht mehr", sagt Sportwart Michael Wiescholek.

Körperliche Fitness

Bild vergrößern
Eine erste Pause gab es am Freitagmorgen. Ein Physiotherapeut sorgte für die Auflockerung der Muskulatur.

Bei ihrem Marathon-Match waren nur fünf Minuten pro Stunde Pause erlaubt. Groißl und Jahn konnten die Minuten aber sammeln. Die erste lange Pause machten die beiden nach 24 Stunden am Freitagmorgen. Die Füße taten weh, die Beine waren da schon schwer. Ein Physiotherapeut massierte eine halbe Stunde lang. Die beiden spielten immer so lange am Stück, wie es ihr Körper mitmachte. Eine zweite lange Pause machten sie nach elf Stunden - am Freitagabend.

Essen und Trinken ist enorm wichtig für einen solchen Rekordversuch: Das Duo hatte zusätzlich eine Ernährungsberaterin engagiert. Bis drei Tage vor Spielbeginn galt eine Low-Carb-Diät mit wenig Kohlenhydrat-Aufnahme. Weil beide Sportler ihren Körpern diese Energieträger zunächst entzogen haben, sprachen sie während des Rekordspiels besonders gut auf deren Zufuhr an. Powerriegel, Koffein, und Elektrolyte-Gels stehen auf dem Speiseplan; aber auch Salami-Brötchen, um den Salzhaushalt aufzufrischen, Eier, Bananen, Nudeln, Joghurt-Getränke.

Immer an der Seite von Dennis Groißl war auch seine Schwester. Sie stand besorgt am Rand, behielt ihren Bruder und seinen Spielpartner im Blick. "Die beiden gehen an ihre körperlichen Grenzen. Wir haben ein Auge auf sie. Wenn wir der Meinung sind, dass sie nicht mehr können, dann holen wir sie vom Platz", sagte Bianca Groißl.

Schlechte Phasen

Nach drei Tagen und drei Nächten Tennisspielen sahen die beiden schließlich angeschlagen aus: Ihre Hände übersäht mit Pflastern, die Unterarme getapt mit einem Verband. Der sollte verhindern, dass die zwei unnötige Bewegungen machen.

Bild vergrößern
In den Nächten ist es besonder hart, denn es ist kalt und auch Zuschauer feuerten nicht die ganze Zeit an.

Das Wetter hat nicht mitgespielt. Sonne, Wind und Regen - eigentlich Aprilwetter. "Vor allem in den Nächten ist es schwierig gewesen. Es war kalt und die beiden haben fast alleine, ohne Publikum gespielt", erzählt die Schwester. Wie die beiden Spieler, hat auch sie kaum geschlafen. Hier mal eine Stunde und da mal eine. Sie sieht auch müde aus. Mit abwechslungsreichen Spielen versuchten die beiden Tennisspieler, sich immer wieder aus ihrem Tief zu holen. Und auch Kaffee hat etwas dazu beigetragen. "Irgendwann haben wir einen dollen Adrenalinschub bekommen, sodass wir wieder richtig fit waren", sagt Dennis Groißl. Und Samstagabend sind dann viele Menschen gekommen. Das hat auch die Durststrecke der beiden beendet.

"Klar ist das schräg"

Die Idee zu dem Weltrekordversuch war Groißl und Jahn vor etwa einem Jahr gekommen. Sie wollten sich einer neuen Herausforderung stellen und sich testen. "Klar ist das schräg. Einige sagen, wir sind bekloppt. Aber wir haben Lust, etwas Verrücktes zu machen", sagt Groißl. Mit Ausdauer- und Kraftsport haben sie sich schon Wochen vorher fit gemacht: Niklas Jahn mit Kickboxen, sein Spielpartner mit Schwimmen, Rudern und Joggen.

Guiness-Prüfung steht noch aus

Videokameras haben den Spielverlauf lückenlos aufgezeichnet. Die Dateien schickt der Verein nach London zur Guinness-Buch-Gesellschaft. Die Prüfung dauert rund zwei Monate. Wären die Briten selbst gekommen, hätten Groißl und Jahn 6.500 Euro zahlen müssen. "Die Ausrüstung selber zu besorgen, ist da wesentlich günstiger", sagt ein Helfer.

Nach dem Tennis-Marathon wollen die zwei als Erstes den verpassten Schlaf aufholen. Und schlafen werden wohl auch Familie und Freunde sowie die vielen Helfer, die im Hintergrund geholfen haben.

Auf der roten Asche von Bargteheide

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 12.07.2015 | 13:00 Uhr