Stand: 16.10.2015 20:18 Uhr

Anschlag: "Schreckliches Zeichen der Intoleranz"

In einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Flensburg-Fruerlund ist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag ein Feuer ausgebrochen. Die Ermittler gehen von einem Anschlag aus. Sie entdeckten einen Brandbeschleuniger. Um welchen chemischen Stoff es sich dabei handelt, teilte die Polizei bisher nicht mit. Zwischenzeitlich waren am Freitag mehr als 20 Beamte vor Ort, darunter Brandermittler sowie Mitarbeiter von Landeskriminalamt und Staatsschutz. Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD) hat die Tat "auf das Schärfste" verurteilt.

Wohnung in Flensburg brennt komplett aus

"Menschenverachtende Grundeinstellung offenbart"

Am Rande einer Bundesratssitzung in Berlin sagte Studt: "Angriffe auf Unterkünfte für Menschen, die bei uns Hilfe suchen, sind Anschläge auf unsere gesamte Gesellschaft." Schleswig-Holstein sei ein weltoffenes und tolerantes Bundesland. "Wir wollen und werden Menschen helfen, die in große Not geraten sind. Wer Unterkünfte für diese Menschen angreift und zerstört, offenbart seine menschenverachtende Grundeinstellung", so der Minister weiter.

Flüchtlingsbeauftragter nennt Tat einen feigen Anschlag

Auch Flensburgs Oberbürgermeister Simon Faber (SSW) reagierte geschockt: "Gewalt darf nie ein Mittel der Auseinandersetzung mit politischen Fragestellungen werden. Ich bin mir sicher, dass die Flensburger diese Auffassung teilen und wir auch in Zukunft die Sicherheit der Menschen, die bei uns Schutz suchen, garantieren können." Der Flüchtlingsbeauftragte des Landes, Stefan Schmidt, sprach von einem "feigen Anschlag" und einem "schrecklichen Zeichen der Intoleranz". Es sei unerträglich, dass Menschen, die vor Bürgerkrieg, Mord und Totschlag fliehen, in Deutschland auf Brandstifter stoßen.

Innenstaatssekretärin ist erschüttert

Am Freitagnachmittag informierte sich Innenstaatssekretärin Manuela Söller-Winkler vor Ort über die Hintergründe des Brandes. Die Tat sei verabscheuungswürdig und erschütternd, sagte die SPD-Politikerin. Die Spurenlage zeige, dass da jemand mit größerer krimineller Energie vorgegangen sein müsse.

Flensburgs Oberbürgermeister Faber kündigte an, größere Asylbewerber-Unterkünfte der Stadt in Zukunft rund um die Uhr durch einen Sicherheitsdienst schützen lassen zu wollen: "Wir sehen uns zu dieser Maßnahme gezwungen." Die Stadt plant Containerdörfer an drei Standorten für insgesamt 1.250 Menschen.

600 Menschen nehmen an Demo teil

Als Reaktion auf die Tat demonstrierten am Freitagabend nach Polizeiangaben 600 Menschen vor dem Flensburger Bahnhof - für ein buntes Flensburg. Alles sei friedlich verlaufen, so ein Polizeisprecher.

Wohnungen gerade erst hergerichtet

Die Feuerwehr war gegen 1 Uhr von Anwohnern alarmiert worden, die einen lauten Knall gehört hatten. Die Flammen hatten sich in einer Erdgeschosswohnung des achtgeschossigen Hauses entzündet. Als die Einsatzkräfte der Feuerwehr in der Travestraße eintrafen, waren sie bereits erloschen. Verletzt wurde niemand, da das Gebäude noch leer steht. Es sollte eigentlich abgerissen werden, doch die Wohnungsbaugenossenschaft SBV hat im Auftrag der Stadt Flensburg einen Teil der Wohnungen kurzfristig wieder hergerichtet, damit in der kommenden Woche etwa 40 Flüchtlinge einziehen können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.10.2015 | 22:00 Uhr