Stand: 08.03.2016 20:49 Uhr

Anklage gegen SS-Funkerin: Die Akte Helma M.

Helma M. war eine sogenannte Nachrichtenmaid.

Es könnte einer der letzten Prozesse wegen der Verbrechen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz in der NS-Zeit sein: Die Generalstaatsanwaltschaft hat im September Klage gegen eine 92-jährige Helma M. aus Neumünster eingereicht - wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 260.000 Fällen. Sie war Funkerin in der Kommandantur des Lagers von April bis Juli 1944.

"Ungarn-Aktion": 250.000 Menschen sofort getötet

Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau die Beteiligung an der sogenannten "Ungarn-Aktion" vor - die Vernichtung von mindestens der Hälfte der jüdischen Bevölkerung Ungarns. Nur wenige der Beteiligten sind noch am Leben. Helma M. aus Neumünster ist eine von ihnen - sie war damals mutmaßlich SS-Helferin. "Im März 1944 war Ungarn besetzt worden und ab Mitte Mai ist knapp die Hälfte der Juden aus Ungarn nach Auschwitz deportiert worden", sagt Jens Rommel, der Leiter der Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. In drei bis vier Zügen pro Tag seien die Menschen nach Auschwitz gebracht worden, insgesamt mindestens 360.000. "Von diesen Menschen sind mindestens 250.000 sofort umgebracht worden", sagt Rommel dem Schleswig-Holstein Magazin. Umgebracht wurden insbesondere Frauen und Kinder, die für den Arbeitseinsatz nicht geeignet waren. In einem Waldstück vor den Gaskammern warteten sie auf ihren Tod.

Die Kommandantur war die Zentrale des Grauens

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Frauen und Kinder warteten in einem Waldstück vor den Gaskammern im KZ Auschwitz auf ihren Tod.

In der Kommandantur, in der M. eingesetzt war, wurden die Tötungen organisiert. Hier kamen die Nachrichten an, es ging um Deportationszüge, wann sie in Ungarn losfahren, wann die in Auschwitz ankommen. Wenn die Kommandantur meldete, dass ein Zug kommt, schickte die SS ihre Leute zur Selektionsrampe und den Gaskammern.

M. war in der Kommandantur eine sogenannte Nachrichtenmaid. Für sie wahrscheinlich nur ein Job, der sie vor dem Zwangseinsatz in der Rüstungsindustrie bewahrte. Sie war zu dem Zeitpunkt 21 Jahre alt, eine junge Frau aus dem damaligen Sensburg in Ostpreußen. Sie kannte kein anderes Leben als das unter der Nazi-Herrschaft.

Geänderte Rechtsprechung

Nach dem Krieg lebte Helma M. unbescholten in der Böckler-Siedlung in Neumünster. Diverse Verfahren gegen sie wurden eingestellt, weil ihr keine direkte Beteiligung an den Morden nachgewiesen werden konnte. Mittlerweile hat sich die Rechtsprechung aber gewandelt. Der Beihilfe zum Mord macht sich schuldig, wer Teil der Mordmaschine von Auschwitz gewesen ist, wer gewusst haben muss, was sich dort abspielt.

"Es wurde über die Ereignisse gesprochen"

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Jens Rommel leitet die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.

Wusste also Helma M., was in Auschwitz passiert, was die Informationen bedeuteten, die sie als Funkerin übermittelte? "Nach unserer Überzeugung ist es so, dass das keinem verborgen geblieben sein konnte, was es mit diesen Informationen auf sich hat", sagt Rommel. Dazu kämen die Geräusche der Erschießungen und der Geruch von den Verbrennungen. "Es wurde auch in der Kommandantur über die Ereignisse gesprochen - das wissen wir aus anderen Vernehmungen", sagt Rommel. Der Anwalt von Helma M. wollte dem NDR keine Stellungnahme dazu geben.

M. ist heute schwerhörig und gebrechlich

Der Fall soll vor Jugendkammer des Landgerichts Kiel verhandelt werden, weil die Angeklagte zur Tatzeit Heranwachsende war. Helma M. lebt heute schwerhörig und gebrechlich in einem Seniorenstift in Neumünster. Die Frau ist laut einem Gutachten wegen ihres schlechten Gesundheitszustands nur eine Stunde am Tag verhandlungsfähig. Die Kammer entscheidet in den kommenden Wochen, ob das Verfahren gegen sie tatsächlich eröffnet wird.

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