Stand: 21.09.2015 17:35 Uhr

91-jährige mutmaßliche SS-Helferin angeklagt

70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs muss sich eine mutmaßliche SS-Helferin aus Schleswig-Holstein im Vernichtungslager Auschwitz vor dem Landgericht Kiel verantworten. Die Staatsanwaltschaft beim Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht hat Anklage erhoben - wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 260.000 Fällen. Die 91 Jahre alte deutsche Staatsangehörige soll in ihrer Funktion als Funkerin der Kommandantur des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von April bis Juli 1944 bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden geholfen haben. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig gibt es einen hinreichenden Tatverdacht gegen die Frau.

Entscheidung im kommenden Jahr erwartet

Für die Tat sei die Jugendkammer des Landgerichts Kiel zuständig, da die Frau zur Tatzeit heranwachsend gewesen sei, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Heinz Döllel. Jetzt müsse die zuständige Kammer das Material sichten und entscheiden, ob das Hauptverfahren eröffnet wird, sagte Döllel. Er rechnet mit einer Entscheidung darüber für das kommende Jahr. Theoretisch gibt es zwei Möglichkeiten einer Verurteilung: nach Jugendstrafrecht maximal zehn Jahre Gefängnis oder nach Erwachsenenstrafrecht nicht unter drei Jahren.

Strafbarkeit von Gehilfen rechtlich neu bewertet

Das Verfahren gegen die 91-Jährige war zunächst als sogenannte Vorprüfungssache von der Zentralen Stelle der Landes-Justizverwaltungen in Ludwigsburg geführt worden. Nach den Urteilen des Bundesgerichtshofs gegen die Helfer des Attentats auf das World Trade Center in New York sowie des Landgerichts München im Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk wurde die sogenannte Gehilfenstrafbarkeit rechtlich neu bewertet. Deshalb wurde das Verfahren gegen die ehemalige Funkerin nach Schleswig-Holstein abgegeben. Wann die Hauptverhandlung eröffnet wird, ist noch nicht bekannt.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.09.2015 | 15:00 Uhr