Stand: 02.10.2017 14:12 Uhr

120 Jugendliche sind klar zur Wende

Von Lea Busch

Mit ihrem Smartphone in der Hand steht Julia Marie Dinse an Deck der Passat und beugt sich über die Reling. Der Abendhimmel leuchtet pudrig rosa, ein paar Möwen sind unterwegs, die Ostsee sieht aus wie eine glitzernde Decke, so wenig Wellengang ist heute. "Klick". Julia Marie begutachtet das Foto auf ihrem Smartphonedisplay. Es sieht schön aus, fast zu schön. Denn Julia Marie weiß, dass es um die Ostsee nicht so gut steht, wie ihr das Foto vorgaukelt. Im Gegenteil: Sauerstoffarmut, die Luft im Ostseeraum ist wärmer geworden, der Meeresspiegel in den vergangen 100 Jahren um 14 Zentimenter gestiegen. Alles Folgen des Klimawandels, alles Dinge, die die 15-Jährige aus Pinneberg beschäftigen. Deswegen ist sie hier.

"In was für einer Welt wollen wir leben?"

Dies ist ein Gedanke, der viele Jugendliche umtreibt - und zugleich antreibt, bei der Jugendklimakonferenz der Nordkirche in Travemünde mitzumachen. Die Konferenz findet dieses Jahr parallel zur Synode statt. Neben Julia Marie sind rund 120 Teenager aus aller Welt angereist, um fünf Tage lang über Ursachen, Auswirkungen und Gegenmaßnahmen des Klimawandels zu diskutieren. Etwa ein Drittel von ihnen kommt aus den Ostseeanrainerstaaten - bei der Konferenz mischen alle zwischen Englisch und Deutsch. Und das nicht in ein paar sterilen Konferenzräumen, sondern auf der Passat, der legendären Viermastbark im Hafen von Travemünde.
Ein Schiff als Ausrichtungsort hat auch einen symbolischen Charakter: "Auf hoher See müssen die Menschen mit ihren Ressourcen haushalten, mal zum Supermarkt gehen, ist nicht drin", erklärt Lisa Triebel vom Organisationsteam des Jugendpfarramts. An Deck herrscht großes Bewusstsein für klimafreundliches Verhalten: vegetarisches Essen, Recycling, während der gesamten Konferenz behält jeder einen Becher mit seinem Namen drauf. So sollen die Jugendlichen neben Vorträgen und Arbeitsgruppen ganz einfache, praktische Tipps mit nach Hause nehmen.

Jeder hat seine eigene Klimageschichte

Um diese Tipps für den Alltag geht es auch Julia Marie. Und darum, zu verstehen, warum gerade beim Thema Klima viele viel ankündigen, aber wenige noch weniger umsetzen. "Kaum ein Politiker traut sich, seine Meinung zu vertreten, das nervt." Julia Marie will es besser machen: Seit zwei Jahren ist sie im Pinneberger Kinder- und Jugendbeirat aktiv - das mache Spaß und sei eine gute Übung für ihren späteren Berufswunsch: Politikerin.

Jugendliche nehmen Kurs auf Klimawandel

Auf der Passat tauscht sie sich mit anderen Jugendlichen aus. "Where are you from?"- eine typische Frage. Jeder bringt seine eigene Klimageschichte mit, oft hat sie mit Erfahrungen in der Heimat zu tun. Auch bei Liliane Umukunzi aus Ruanda. Sie ist Mitglied einer Organisation für nachhaltige Landwirtschaft in Afrika und erlebt dort, wie Bauern unter den krassen Wetterumschwüngen leiden. Als es plötzlich in Kenia geschneit hat, dachte sie sich: "Irgendwas kann doch nicht stimmen." Mikko Harteela aus Finnland sieht das ähnlich: "Wenn wir so weitermachen, gibt es bald keine Erde mehr, auf der wir leben können." Deshalb will er die Tage in Travemünde nutzen, um viel über neue Energien zu erfahren.

Internationale Klimapolitik in der Kajüte

Bei der Jugendklimakonferenz kommen die Teilnehmer je nach Interesse immer wieder in kleineren Arbeitsgruppen zusammen. Klar, dass Julia Marie in der Politik-Gruppe mitmischt. Mit 15 anderen sitzt sie an einem runden Tisch unter Deck und simuliert in einem Planspiel die internationale Klimapolitik. Jeder muss in die Rolle eines Landes oder einer Organisation schlüpfen und deren Interessen vertreten: mal Trump in Travemünde sein, mal die EU, mal eine Nichtregierungsorganisation (NGO). Julia Marie versetzt sich in die Rolle einer NGO und stellt fest: "Gar nicht so leicht, eine gemeinsame Lösung zu finden." Dennoch müssen sie sich einigen. Und das tun sie auch: auf mehr erneuerbare Energien, einen Fonds für Ernährungssicherheit und Schutz für Flüchtlinge - denn Klima und Migration kann man nicht trennen. Am Ende der Konferenz sollen alle 120 Teilnehmer den Forderungskatalog unterschreiben.

Bei der Jugend ist auch das politische Klima besser

"Klick". Die Fotos und Videos, die Julia Marie und die anderen Jugendlichen in Travemünde machen, bilden das Gegenstück zu den Bildern von Politikern bei UN-Klimakonferenzen und Diesel-Gipfeln. In einem mit Bullaugen umsäumten Raum stehen 120 Teenager, die etwas verändern wollen. Bis Dienstag sind sie auf der Passat, aber ihre Botschaft zieht weiter. Eine Jugenddelegation der Nordkirche nimmt die Forderungen von Julia Maries Arbeitsgruppe mit nach Bonn zur UN-Klimakonferenz im November. Dort heißt es dann: "Nicht reden - machen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 30.09.2017 | 13:00 Uhr

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