Stand: 10.06.2017 08:00 Uhr

Den Küstenfischern steht das Wasser bis zum Hals

Bild vergrößern
Küstenfischer in MV: Viel Arbeit und Sorgen um die Existenz. (Archivbild)

Reduzierung der Heringsquote, Probleme mit der Vermarktung und anhaltende Betriebsschließungen: Den Kutter- und Küstenfischern in Mecklenburg-Vorpommern steht das Wasser bis zum Hals. Dies wurde von vielen der rund 50 anwesenden Fischern auf der Verbandstagung in Negast vei Stralsund bekräftigt.

Kutter- und Küstenfischerei schrumpft seit Jahren

Im vergangenen Jahr haben nach Angaben des Agrarministeriums 22 sogenannte Haupterwerbsbetriebe der Kutter- und Küstenfischerei ihr Handwerk aufgegeben. Damit sank die Zahl der Betriebe auf derzeit nur noch 234. Vor zehn Jahren wurden noch 384 solcher Fischereibetriebe an der Ostseeküste gezählt. Vor 25 Jahren waren es sogar noch rund 1.000. Mit der Quotenkürzung beim Hering - der Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) hat für 2018 eine Absenkung um 39 Prozent empfohlen - würden weitere Fischer aufgeben müssen, meint der Geschäftsführer der Freester Fischereigenossenschaft, Michael Schütt.

Problematische Zertifizierung

"Das größte Problem, was ich sehe: Unsere Zertifizierung für die Stellnetzfischerei, die wir in Auftrag gegeben haben, würde ausgesetzt werden", so Schütt. Damit sei ungewiss, ob die Fischer ihren Hering überhaupt vermarkten können. "Wir haben Geld in diese Zertifizierung investiert, und das ist nun verloren." Die Stellnetzfischerei mache im Nordosten mehr als 80 Prozent der gesamten Fischerei aus. "Wenn viele der Stellnetzfischer aufgeben müssen, dann ist die Fischerei hierzulande gestorben.“

Hering hat Nachwuchsprobleme

Der Chef des Instituts für Ostseefischerei, Christopher Zimmermann, wies darauf hin, dass es dem Heringsbestand in der Ostsee allgemein zwar gut gehe, dies aber nicht für die Küste Mecklenburg-Vorpommerns gelte. Dort sei die Population im gelben Bereich: "Die logische Folge ist dann, dass die Fangmengen fürs nächste Jahr runter müssen, damit der Bestand sich möglichst schnell erholt." Die Wisenschaftler hätten seit 2004 festgestellt, dass die Nachwuchsproduktion immer weiter nachlässt. "Vor einigen Jahren hatten wir gedacht, dass sie sich auf niedrigem Niveau eingependelt hat, aber in diesem Jahr mussten wir diese Einschätzung revidieren und sehen, dass sie weiter abnimmt", so Zimmermann.

Videos
03:14

Forschung: Der gläserne Dorsch

08.06.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin

Die Dorschbestände in der Ostsee sind ausgelaugt, die Fangquote deutlich reduziert. Nun untersucht ein Forschungsprojekt die Bestände für künftig bessere Prognosen. Video (03:14 min)

Fischer wollen weniger Bürokratie

Eine wesentliche Forderung der Fischer an die Politik: einfachere Rahmenbedingungen, um Fördergelder abrufen zu können. "Die Ausgleichszahlungen müssten endlich unbürokratischer werden“, sagte der Geschäftsführer der Erzeugerorganisation Stralsund, Bernd Schütze. Die Richtlinien seien zu kompliziert. Im vergangenen Jahr seien von den rund vier Millionen Euro Bundes- und EU-Hilfen nur rund 250.000 Euro ausgezahlt worden, hieß es.

Einheitliche Erzeugerorganisation als Lösung?

Verbandschef Günter Grothe warb für eine Neuausrichtung der Küstenfischerei im Land, ansonsten würde weiteren Betrieben das Aus drohen. Für Grothe könnte eine landesweit einheitliche Erzeugerorganisation die Lösung sein: "Man fängt, um zu vermarkten. Das kann man nur machen, wenn man eine Organisation im Rücken hat, die diese Aufgabe übernimmt. Durch die eine feste Organisation besteht die Gewähr, dass ein Preis erzielt würde." Allerdings: Die Mehrheit der Kutter- und Küstenfischer sieht diesen Plan skeptisch - anders als die Binnenfischer.

Weitere Betriebsaufgaben aus Altersgründen erwartet

Ein weiteres Problem ist die Überalterung der Branche. Rund 30 Prozent der Küstenfischer sind älter als 60 Jahre. Die Landesregierung erwartet deshalb weitere Betriebsaufgaben in den kommenden Jahren. Um den Trend zu verlangsamen, will das Agrarministerium die Fischer weiter unterstützen. Wie eine Ministeriumssprecherin sagte, will sich das Land dafür einsetzen, für die zeitweilige Stilllegung von Dorsch-Fischereifahrzeugen weiter zu zahlen. Außerdem soll die Regelung bald auch für Heringsfischer gelten.

Mit 16.400 Tonnen Fisch 10,26 Millionen Euro eingenommen

Nach Angaben des Agrarministeriums wurden im vergangenen Jahr mit einer Gesamtanlande-Menge von 16.400 Tonnen Fisch Erlöse von 10,26 Millionen Euro erzielt. Das waren knapp 0,7 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Während die Heringserlöse gegenüber den beiden Vorjahren deutlich stiegen, blieben die Erlöse der Dorschfischerei unter den Vorjahreserlösen. Die Dorschquote kann im kommenden Jahr laut Empfehlung des ICES aber wieder leicht angehoben werden. In diesem Frühjahr konnten rund 90 Prozent der Heringsquote abgefischt werden

Weitere Informationen

Heringsfischer in MV entsetzt über neue Quoten

Die aktualisierten Vorschläge für die Fangquoten von Hering in der Ostsee sorgen für Aufregung bei den Fischern in Mecklenburg-Vorpommern. Viele sehen ihre Existenz bedroht. (31.05.2017) mehr

Ostseehering leidet offenbar unter Klimawandel

Der westliche Ostseehering hat seinen Ursprung größtenteils im Greifswalder Bodden. Doch dort gibt es immer weniger Larven. Forscher vermuten ein Ursachenbündel - ausgelöst durch den Klimawandel. (27.05.2017) mehr

Weltweit einzigartige Heringsforschung in MV

In Mecklenburg-Vorpommern gilt der Hering als "Brotfisch": Fischer erzielen mit ihm die größten Erträge. Doch immer noch stoßen Nachwuchswissenschaftler beim Hering auf neue Erkenntnisse. (03.05.2017) mehr

Heringe zu klein: Fischer in MV unzufrieden

Die Heringsfischer in Mecklenburg-Vorpommern sind mit dem bisherigen Verlauf der Frühjahrsfangsaison nicht sehr zufrieden. Viele Fische sind zu klein, die Kunden bevorzugen größere. (17.04.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 09.06.2017 | 16:10 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

00:29

Hand in Hand: Aktion Basketball

14.12.2017 19:30 Uhr
NDR Fernsehen
00:28

Frohe Bescherung in Lichtenhagen

14.12.2017 19:30 Uhr
NDR Fernsehen
02:19